Gesundheit : "Die Reform sollte auf jeden Fall kommen"

Bei der Reform des Hochschulrahmengesetzes spreche

Giovanni Galizia (38) ist Biologe. Seit 1999 leitet er eine von der VW-Stiftung geförderte Nachwuchsgruppe an der Freien Universität Berlin, die die Funktion des Nervensystems erforscht. Diese Nachwuchsgruppen entsprechen in ihrer Arbeitsweise prinzipiell den geplanten Juniorprofessuren. Galizia absolviert also gerade die Qualifizierungsphase, über die im laufenden Gesetzgebungsverfahren gestritten wird. Seit vergangenem Jahr gehört er der Jungen Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Leopoldina an, in der sich besonders qualifizierte junge Wissenschaftler zusammengefunden haben.

Bei der Reform des Hochschulrahmengesetzes sprechen Sie für die Junge Akademie und haben intensiven Kontakt auch mit anderen Nachwuchswissenschaftlern. Was muss sich aus Ihrer Sicht an den Qualifikationswegen zur Professur ändern?

Wir brauchen frühzeitig mehr Selbstständigkeit - besonders in der Forschung. In diese Richtung geht ja auch der Gesetzentwurf. Außerdem muss die Wissenschaftlerlaufbahn kalkulierbarer werden: Heute wird man im Durchschnitt mit 43 Jahren Professor. Das ist mit großen Unsicherheiten verbunden, denn wenn man im Alter von 43 bis 48 Jahren dann doch in der Wissenschaft scheitert, hat man auf dem Arbeitsmarkt keine Alternativen mehr.

Wie kann man das ändern?

Wenn man noch keine Professur hat, hangelt man sich bisher immer wieder auf Mitarbeiterstellen oder mit Zeitverträgen von oft nur ein bis zwei Jahren durch. Immer wieder gibt es eine kleine Hoffnung, dass es doch noch klappt. Das kann aber nicht für alle aufgehen, denn natürlich gibt es eine Auswahl. Aber wer bei den Professorenstellen und in der Forschung leer ausgeht, muss mit seiner hoch qualifizierten Ausbildung noch andere Chancen haben.

Bringt die geplante Juniorprofessur das?

Als Juniorprofessor kann man selbstständig forschen und lehren. Man wirbt selbst Forschungsaufträge ein: Alles Dinge, die das Berufsfeld ausmachen. Jetzt werden darauf nur einige vorbereitet. Die Junge Akademie fordert, dass mit Einführung der Juniorprofessur über die Qualifikation der Bewerber auch wirklich entschieden wird. Wer gut ist, soll nach der Juniorprofessur von der Universität übernommen - und nicht mehr in Zeitverträge und Zwangspausen abgeschoben werden. Das entspricht im Grundsatz dem amerikanischen Tenure-track-Modell.

Was passiert mit den anderen?

Für diejenigen, die in der Wissenschaft nicht übernommen werden, kommt damit zwar ein harter Schnitt. Aber sie sind bei der Entscheidung immerhin rund zehn Jahre jünger als heute. Mit 35 bis 40 Jahren finden sie mit ihren Qualifikationen noch anderswo Stellen. Wenn die Reform der Lehrerbildung tatsächlich kommt, wird beispielsweise der Übergang in die Schule leichter, wo Naturwissenschaftler dringend gesucht werden.

Was ist aus Ihrer Sicht besonders für Naturwissenschaftler wichtig, was für Geisteswissenschaftler?

In den Naturwissenschaften wird die Finanzierung der Geräteausstattung für die neuen Juniorprofessoren ein zentraler Punkt sein. Die Hochschulen sind sehr unterschiedlich gut ausgestattet. Bisher sind mit dem Anschubprogramm der Bundesregierung rund 10 000 Euro pro Professur und Jahr dafür vorgesehen. Das ist für Laborwissenschaften viel zu wenig. Die VW-Stiftung hat für ihr Modellvorhaben zu den Nachwuchsstellen zwei Millionen Mark auf fünf Jahre für eine Nachwuchsgruppe vorgesehen - für alle Personal- und Apparatekosten. Damit lässt sich gut forschen, auch wenn es in teuren Bereichen, wie der Molekularbiologie, für die Apparate nicht reichen wird. Die meisten Geisteswissenschaftler werden so viel aber gar nicht brauchen.

Die neue Juniorprofessur sieht etliche neue Verpflichtungen für die angehenden Professoren vor. Sie sollen eigenständig und mit wachsender Stundenzahl lehren, selbst Forschungsaufträge einwerben, Doktoranden betreuen und sich an den Hochschulgremien beteiligen. Ist das zu schaffen?

Das sind einfach die Anforderungen im Beruf. Das Ganze hat aber auch Gefahren: Wenn die Juniorprofessoren zu sehr in die Lehre eingespannt sind, können sie nicht ausreichend forschen. Es wird an den Ländern und an den Hochschulen liegen, das vernünftig auszugestalten. Außerdem ist die Juniorprofessur nicht das einzige Modell. Bei schlechten Detailregelungen besteht die Gefahr, dass Juniorprofessoren ausgepresst und verschlissen werden. Während sich dann beispielsweise Arbeitsgruppenleiter an Max-Planck-Instituten ohne Lehrverpflichtung in der Forschung stärker qualifizieren könnten.

Ist die starke Gewichtung der Forschung für eine Professorenstelle an der Massenuniversität denn noch zeitgemäß?

Gute Forscher sind tatsächlich oft auch gute Lehrer, denn was wir den Studenten geben wollen, ist die Begeisterung. Nur wer selbst begeistert ist, kann diese vermitteln.

Spielt die Qualifikation in der Lehre denn noch immer keine größere Rolle?

Einen wichtigen Unterschied zu Gunsten der neuen Juniorprofessoren gibt es bei der Berufung für die Hochschulen schon: Die Lehre kann stärker gewichtet werden. Wenn sich jemand von außerhalb bewirbt, kann man eigentlich nur nach den Forschungsleistungen urteilen. Bei den Juniorprofessoren von der eigenen Hochschule hat man bereits sechs Jahre lang gesehen, was sie in der Lehre und in der Doktorandenbetreuung können. Da kann man auch die Studenten befragen.

Wann sollen Nachwuchswissenschaftler denn dann die gewünschten Auslandserfahrungen sammeln?

Das vorliegende Gesetz forciert, dass man nach der Promotion sehr schnell auf eine Juniorprofessur wechselt. Das ist falsch! Der Promotion sollten mindestens zwei bis drei Jahre Post-Doc-Phase folgen, als reine Forschungszeit, durchaus auch im Ausland. Oft ist das die produktivste Zeit zum Forschen. Für eine fruchtbare Juniorprofessur ist das jedenfalls eine wichtige Voraussetzung.

Einige Bundesländer wollen die Reform scheitern lassen, weil die Habilitation keine Rolle mehr spielen soll. Was sagen Sie denen?

Sie sollen das lassen. Die Reform hat auch Schwachpunkte, doch sie sollte auf jeden Fall durchkommen. Sachsens Wissenschaftsminister Meyer hat beispielsweise angekündigt, dass er diesen Teil nicht ins Landesrecht übernehmen wird. Genauso kann natürlich die Übernahme auf eine Professur als tenure-track in die Landesgesetze aufgenommen werden, wenn die Länder das wollen. So entsteht Konkurrenz zwischen den Hochschulen. Möglicherweise muss das Verfassungsgericht entscheiden.

Das bedeutet besonders in den kleinen Fächern eine Doppelqualifikation für den Nachwuchs, denn sie müssen sich die Möglichkeit offen halten, sich zumindest in allen Bundesländern zu bewerben. Dann wären sie beim Abschluss auch nicht mehr jünger.

Das führt ja auch der Wissenschaftsrat an. Einen Zwang zur Juniorprofessur plus Habilitation darf es auf keinen Fall geben. Die Bewertungsmaßstäbe sind aber ein Problem, das per Gesetz nicht lösbar ist. Oft hängt das vom Traditionsbewusstsein in den Berufungskommissionen ab.

Sollte das neue Dienstrecht nicht kommen, sehen Sie dann die Gefahr, dass mehr Forscher in die USA abwandern?

Das entscheidet sich an der Attraktivität der Hochschulen und an attraktiven Angeboten für Professoren und andere Wissenschaftler. Wir müssen es schaffen, dass exzellente Leute hierher kommen - auch aus dem Ausland. Denn Wissenschaft ist Kommunikation. Aber so schlecht sind wir nicht: Es forschen durchaus auch Wissenschaftler aus den USA bei uns.

Das neue Hochschulrahmengesetz

Der Bundesrat berät an diesem Freitag über das neue Hochschulrahmengesetz des Bundes und ein neues Professoren-Dienstrecht, möglicherweise abschließend. Der Bundestag hat diese Gesetze bereits in dritter Lesung verabschiedet, die erste Runde im Bundesrat war ebenfalls überwiegend zustimmend verlaufen.

Kernpunkt der neuen Regelung ist die Einführung von Juniorprofessuren, um nach und nach die bisher übliche Habilitation als Zugangsvoraussetzung für eine Professur zu ersetzen. Die Juniorprofessur ist auf zweimal drei Jahre angelegt, mit Beurteilung nach drei Jahren. Zugleich soll mit der Änderung des Dienstrechts auch die Besoldung der Professoren leistungsorientierte Anteile bekommen. Bis zu einem Drittel der Besoldung kann dann nach der individuellen Leistung, wie die Zahl der Studenten in der Regelstudienzeit, Doktoranden, Forschungsmittel und Funktion gezahlt werden. Dazu zählen Aufgaben wie das Dekanat.

Schon seit Jahren wird die deutsche Ausbildung der Nachwuchswissenschaftler von allen Seiten kritisiert. Eine Gesetzesänderung war schon in der CDU/CSU/FDP-Koalition angedacht worden, aber nicht zustande gekommen. Die abschließende Zustimmung des Bundesrates ist zweifelhaft, da beispielsweise Bayern und Sachsen die Habilitation nicht abschaffen wollen. Dazu kommt, dass einige kleine Bundesländer befürchten, künftig bei der Professorenbesoldung nicht mehr konkurrenzfähig zu sein und einer ebenfalls vorgesehenen Öffnungsklausel bei diesen Personalmitteln nicht zustimmen wollen.

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