Gesundheit : Die Risiko-Lehrer

Zwei Drittel sind psychisch gefährdet. Nun liegen erstmals konkrete Hilfsprogramme auf dem Tisch

Anja Kühne

Der Beruf des Lehrers galt lange als Garantie für ein beschauliches Arbeitsleben. Schon mittags kommen die Pädagogen nach Hause, sie können sich ihre Zeit frei einteilen, sich in Ferien erholen, die mehr als doppelt so lang sind wie die anderer Arbeitnehmer. Mittlerweile werden Lehrer weniger beneidet als bedauert. Zu einem veränderten Bild beigetragen hat auch die viel beachtete „Potsdamer Lehrerstudie“ (siehe Kasten), durchgeführt von Uwe Schaarschmidt, Professor für Psychologie an der Universität Potsdam, im Auftrag des Deutschen Beamtenbunds und der ihm angeschlossenen Lehrerverbände. Das schockierende Zwischenergebnis, das Schaarschmidt vor drei Jahren bekannt gab: 60 Prozent der deutschen Lehrerschaft gehören psychisch zur Risikogruppe.

Im zweiten Teil seiner Untersuchung, die am Dienstag vorgestellt wird und die dem Tagesspiegel bereits vorliegt, stellt Schaarschmidt Maßnahmen vor, mit denen sich die Belastung der Pädagogen verringern lassen.

Lehrerinnen und Lehrer, die der Psychologe dem „Risikomuster A“ zurechnet, neigen zur „exzessiven Verausgabung und verminderter Erholungsfähigkeit“, ihre Belastbarkeit und Zufriedenheit ist eingeschränkt. Dieser Gruppe gehören 30 Prozent der deutschen Lehrer an. Noch problematischer ist das „Risikomuster B“, dem ebenfalls 30 Prozent zuzurechnen sind. Diese Lehrer sind resigniert, sie haben ihr Engagement bereits reduziert, können sich kaum noch erholen, sind unzufrieden und niedergeschlagen. Dieser Gruppe gehören viele Lehrer an, die sich bereits in der Endphase einer Burn-out-Entwicklung befinden.

Keine andere von Schaarschmidt getestete Vergleichsgruppe aus anderen Berufen weist einen so hohen Anteil von Risikomustern auf: bei Polizisten liegt er bei 35 Prozent, bei Feuerwehrleuten bei 25 Prozent, bei Existenzgründern bei 44 Prozent. Am weitesten in die Nähe der Lehrer kommen die Angestellten der Sozialämter: 55 Prozent gehören zur Risikogruppe.

Während in diesen Vergleichsgruppen Frauen kaum häufiger als Männer Risikomuster zeigen oder sogar weniger (bei der Polizei), sind Lehrerinnen besonders gefährdet. Von ihnen gehören 64 Prozent zur Risikogruppe (Männer: 56 Prozent). Eine weitere besonders stark betroffene Gruppe sind die Lehrer in den neuen Ländern (Brandenburg: 67 Prozent, Sachsen 65 Prozent, Mecklenburg-Vorpommern 64 Prozent). Zwischen den einzelnen Schultypen konnten die Forscher hingegen keine deutlichen Unterschiede finden: „den beanspruchungsoptimalen Schultyp gibt es nicht“, schreiben sie; Regionen, in denen mehr Lehrer sich wohl fühlen, ließen sich ebenfalls nicht finden.

Die Lehrer nennen als wichtigsten Grund für ihren Stress das „Verhalten undisziplinierter und störender Schüler“. An zweiter Stelle folgt die Klassenstärke (dadurch treffen die Lehrer auf noch mehr störende Schüler), als drittstärkster Belastungsfaktor die hohe Stundenzahl (die macht, dass sie mit diesen Schülern noch länger arbeiten müssen). Als entlastend empfinden die Lehrer hingegen vor allem die Möglichkeit, sich auszusprechen, Entspannung in der Freizeit und gutes soziales Klima an der Schule. Von diesen Möglichkeiten machen aber Lehrer mit Risikomustern am wenigsten Gebrauch.

Was ist zu tun? Schaarschmidt und seine Forscher unterscheiden Maßnahmen, die sich auf das Verhalten des Lehrers richten, von solchen, die auf bessere Rahmenbedingungen zielen. Zu den vielen „verhaltensorientierten Maßnahmen der Intervention“, die gefährdeten Lehrern helfen können, gehören „Entspannungstraining“, die Veränderung unrealistischer Ansprüche und Ziele aber auch die Entwicklung von Teamgeist. Dabei könnten sich die Lehrer auch von Therapeuten oder Trainern helfen lassen. Aber auch die Arbeitsbedingungen in den Schulen müssen sich verbessern.

Konnten die Forscher Schulen ausmachen, an denen die Lehrer sich deutlich weniger belastet fühlen, hing das mit dem sozialen Klima und dem Führungsverhalten der Schulleitung zusammen. Hilfreich ist demnach eine Schulkultur, in der ein hohes Maß an Gemeinsamkeit und gegenseitiger Unterstützung bei der Durchsetzung schulischer Normen herrscht.

Damit die Lehrer in der Lage sind, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern, haben die Forscher inzwischen einen „Arbeitsbewertungs-Check“ erstellt und erprobt. Um das Teamklima und die Führungsarbeit zu verbessern, können sich die Kollegien eines weiteren evaluierten Interventionsprogrammes bedienen. Ein drittes Trainingsprogramm entwickelt Kompetenzen zur Problembewältigung. Ein viertes Instrument soll Studierenden helfen, sich selbst rechtzeitig einzuschätzen. Denn die Forscher stellten fest, dass Lehrer mit Risikomuster besonders häufig „Kompetenzdefizite im sozial-kommunikativen Verhalten“ angeben. Für den beruflichen Erfolg unabdingbar seien aber „neben emotionaler Stabilität und einer aktiv-offensiven Haltung den Lebensanforderungen gegenüber vor allem Stärken im sozial-kommunikativen Bereich.“ Ihre Programme wollen die Forscher im Frühjahr 2007 in einem Buch im Beltz-Verlag veröffentlichen.

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