Gesundheit : Die Rivalin mit den drei Augen

700 Besucher kamen zum Erzählfest in die Museen Dahlem – Schüler und Erwachsene trugen vor

Anja Kühne

Menschen schlendern um alte Kanus und Strohhütten, sitzen im Halbkreis vor Holzskulpturen oder wippen zu den afrikanischen Rhythmen der Musikergruppe „African Quartet“ – ganz freundlich, ja harmlos präsentierte sich das Ethnologische Museum in Berlin-Dahlem beim großen Fest zum Abschluss des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs am Sonntag. Die 700 Leserinnen und Leser, die mitfeierten, trauten der Fassade natürlich nicht: Museen sind keineswegs die friedlichen Horte alter Zeiten, für die Besucher sie leicht halten, in Wirklichkeit haben Museen es in sich! Kaum guckt der Museumswärter mal weg, springt Karl der Große aus seinem Bild und spielt Fußball, starten Tausende Jahre alte Flöße zu fantastischen Zeitreisen, verschleppen kriminelle Kunstliebhaber wertvolle Kunstschätze. Solche und andere Vorgänge schildern die 500 Teilnehmer am Erzählwettbewerb, davon 350 Schüler. Eine Geschichte rund ums Museum zu erfinden, hatte die Aufgabe gelautet.

Wie das ganz spontan geht, zeigten zum Auftakt die Schauspielerinnen Andrea Kurmann und Gerda Müller von „sofamobile“. Als danach rund 45 Autoren ihre Erzählungen in den Ausstellungsräumen vortrugen, begannen die Relikte längst untergegangener Völker sogleich zu sprechen, knisterte die Spannung. Den Zuhörern in der Südseeabteilung schien die schwarze Decke des Raumes plötzlich ziemlich bedrohlich, als der 11-jährige Schüler Sebastian Waidick eine Attacke uralter Schädel auf seinen Helden Karlchen schilderte. Der 11-jährige Mohamed Ali aus Wedding, der das Publikum mit seinem Charme verzauberte, schickte Wellen des Schauders sogar über den Äther. Er durfte seine Geschichte über die lächelnde Mumie in der Sendung „Zeitpunkte“ des RBB erzählen, der live vom Erzählfest sendete.

Gewalttätige Schädel und Diebstahl – warum schreiten die Museumswärter da nicht ein? Ach die Museumswärter! Aus Sicht der Teilnehmer des Wettbewerbs sind sie selbst einigermaßen tiefgründig. Bei Beate Häckl, die ihre Geschichte „Die grüne Schlampe“ in der Afrika-Abteilung vortrug, verliebt sich der Museumswärter in das Bild eines jungen Mädchens von Picasso – obwohl es drei Augen und zwei Nasen hat – und provoziert seine eifersüchtige Freundin so zu einem Farbanschlag. Im Beduinenzelt des Museumsrestaurants eßkultur, das die Besucher nur auf Socken betreten durften, beschrieb Annie Kleff in ihren „Gedanken einer Museumswärterin“, wie die Aufsicht heimlich „Schultern und Schwänze“ der alten Skulpturen streichelt.

Angesichts der Fülle von aufregenden, lustigen oder auch berührenden Erzählungen hatte es die Jury in der Schlussrunde schwer. Ungerechtigkeiten waren kaum zu vermeiden, wie Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt sagte. Doch einige Kriterien gab es schon, erläuterte Jury-Mitglied Bert Tinius von der Erzählakademie Rohnstock. Wie lebendig trägt jemand seine Geschichte vor? Stimmt der Aufbau, gibt es einen Höhepunkt und einen pointierten Schluss? Ist die Story in sich stimmig? Ist sie originell?

Am Abend traten die elf Favoriten der Jury bei der großen Erzählgala auf. In drei Runden trugen sie ihre Geschichten vor 300 Zuhörern im Kinosaal des Museums vor, unterbrochen nur von Einlagen der Abiturientinnen Sylvia Weidner und Sarah Kisker an traditionellen koreanischen Trommeln. Als Finalistin Ariane Karbe ihre gesamte Geschichte auswendig sprach, war der Saal mucksmäuschenstill; als Oliver Acanal, Max Berger und Fabian Zeidler ihren „Klassenausflug ins Naturkundemuseum“ zum Besten gaben, dröhnte er vor Lachen.

Während das Publikum danach eine kleine Pause am asiatischen Buffet des Kooperationspartners „eßkultur“ genoss, rangen die Juroren um die beste Entscheidung. Schließlich stand fest: Tilmann Birr, Geschichtsstudent an der Humboldt-Universität, darf für seine Erzählung „Letzter Versuch“ nach Italien reisen. Aber auch vielen anderen Teilnehmern konnten Dorothee Nolte und Silke Zorn vom Tagesspiegel Preise überreichen – vom MP3-Player bis zum Praktikum beim RBB. So war es schon spät, nach 22 Uhr, als das Museum sich leerte, die Museumswärter begannen, die Türen zu schließen. Wer unter den letzten war, hat es vielleicht noch gesehen: das seltsame Augenzwinkern der alten Maske in der Südseeabteilung. Brrr!

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