Gesundheit : Die Salami-Taktik

Kein Studienplatz in Deutschland? Auch in Ungarn kann man Medizin studieren – sogar auf Deutsch

Sandra Löhr

„So hart hätte ich mir das Studium hier nicht vorgestellt. Seit Wochen war ich wegen der vielen Lernerei nicht mehr im Kino“, stöhnt der 23-jährige Norbert Schmidt aus Bayern. Er studiert im dritten Semester Medizin und ist einer von rund 120 deutschen Studenten, die jedes Jahr zum Studium nach Budapest kommen. Doch Norbert Schmidt und seine Kommilitonen beherrschen keineswegs die komplizierte Landessprache des einstigen nomadisierenden Reitervolks. Und das ist auch gar nicht nötig, denn die Semmelweis-Universität bietet schon seit über 20 Jahren einen deutschsprachigen Studiengang für Humanmediziner an.

„Damals hatten wir allerdings ganz andere Sorgen als die heutigen Studenten“, erinnern sich Elke und Matthias Eberhard. „Es war viel abenteuerlicher: Wo kriege ich eine Matratze, wo ein Regal oder frisches Obst im Winter her?“ Das Arztehepaar aus Kassel gehörte zu den ersten Studenten, die 1983 zum Medizinstudium in das damals noch sozialistische Ungarn kamen. In den achtziger Jahren waren in Deutschland die Studienplätze für Medizin noch knapper als heute – die Wartezeiten lang.

Auch heute noch ist die Möglichkeit, in Ungarn ohne Numerus clausus mit dem Medizin-Studium anfangen zu können, für viele Abiturienten mit dem Berufswunsch Arzt eine echte Alternative – die aber etwas kostet. Rund 10500 Euro werden für das erste Studienjahr fällig, danach wird es etwas billiger (siehe Kasten). Die immer noch günstigen Lebenshaltungskosten in Ungarn machen diesen Preis nur zum Teil wett. Zwei-Zimmerwohnungen in der Pester Innenstadt, in der auch die Universität ihren Sitz hat, sind für Studenten bezahlbar. Dafür erinnern die vielen unsanierten Häuser und die roten Ikarus-Busse aus russischer Produktion, die durch die Straßen Budapests fahren, noch an sozialistische Zeiten. Aber im Supermarkt kostet die gute ungarische Salami fast so viel wie in Deutschland.

Kaffeehäuser und türkische Bäder

„Meine Eltern bezahlen lieber etwas mehr dafür, dass ich gleich mit dem Studium anfangen kann, als wenn ich zu Hause nur irgendwie die Wartezeit überbrücken müsste“, sagt die 22-jährige Johanna Weiß, die ebenfalls im dritten Semester ist und nach dem Physikum an einer deutschen Universität weiterstudieren möchte. Wie ihr geht es vielen. Die meisten deutschen Studenten absolvieren hier nur die beiden ersten vorklinischen Jahre und wechseln dann problemlos auf eine Universität in der Heimat. Die deutschsprachige medizinische Ausbildung an der Semmelweis und an der Szent Istvan Universität – der tiermedizinischen Fakultät, an der man seit 1987 auf Deutsch studieren kann –, genießt in Deutschland einen guten Ruf. Und das Leben in der Donaumetropole bietet mit seinen alten Kaffeehäusern, türkischen Bädern und Zeugnissen der alten K. und K.-Monarchie eine Menge Abwechslung – wenn das Studium dafür Zeit lässt.

Mit den deutschen Studenten, die vor über 20 Jahren nach Budapest kamen, begann für Ungarn ein neuer Akt hinter dem Eisernen Vorhang. Es war die Zeit der vorsichtigen Öffnung zum Westen. Die damalige wirtschaftliche Lage und die lange deutschsprachige Tradition in dem einstigen Vielvölkerstaat machten den Weg für ein Studium gegen Gebühren für Studenten aus der Bundesrepublik frei. Doch nicht allen war dieser Schritt recht. Die DDR protestierte und schickte ihre in Budapest studierenden Staatsbürger nach Deutschland zurück, wenn diese sich zu lange mit dem Klassenfeind unterhielten.

Für viele ungarische Professoren wurde der Kontakt zum „Klassenfeind“ jedoch eine wichtige Erfahrung. Viele von ihnen sahen zum ersten Mal Studenten, die zerrissene Jeans und blaue Haarsträhnen trugen und gewöhnt waren, mit dem Professor zu diskutieren. Auch heute wird, etwa bei den mündlichen Prüfungen, auf die Form geachtet. Zum Ende jeden Semesters sieht man auf dem Universitätsgelände viele bleiche junge Männer und Frauen in Anzügen und Kostümen, die mit dicken Anatomie-oder Biologiebüchern spazieren gehen.

Obwohl sich die Lebensweisen in beiden Ländern mittlerweile angeglichen haben, machen sich die Unterscheide zwischen dem ungarischen und dem deutschen Bildungssystem bis heute bemerkbar. In der universitären Lehre legt man, wie in den meisten osteuropäischen Ländern, mehr Wert auf Faktenwissen als darauf, die Studenten zum selbstständigen Forschen und Arbeiten anzuleiten. Das kommt vor allem den naturwissenschaftlichen Fächern zugute. „Viele deutsche Studenten bringen zu wenig Grundlagen in Biologie oder Chemie mit“, sagt Professor Ferenc Hajós, der seit über zwanzig Jahren an der tiermedizinischen Fakultät lehrt. Aber die ungarische Ausbildung bietet für die deutschen Studenten einen wichtigen Vorteil. Im Gegensatz zu einem Studium an einer Massenuniversität läuft der Unterricht hier hauptsächlich in kleinen Gruppen von ungefähr 15 Studenten ab, in denen gemeinsam die Kurse und Praktika absolviert werden. „Dadurch ist der Kontakt zu den Professoren sehr eng, und man ist sehr motiviert“, sagt Johanna Weiß.

Keine Eigentore

Heute hat sich der deutschsprachige Medizin-Studiengang zu einem wichtigen Devisenbringer für das Land entwickelt. Mittlerweile gibt es auch ein englischsprachiges Angebot, das vor allem Studenten aus Israel, Norwegen und Griechenland nutzen. Robert Floris von der deutschen Vertretung des College International, das sich um die Belange der ausländischen Studenten in Budapest kümmert, schätzt, dass seit 1983 insgesamt mehr als 30 Milliarden Euro an Studiengebühren ins Land geflossen sind. „Wir wollen aber, dass die Qualität im Vordergrund steht und nicht die Tatsache, dass die Studenten Studiengebühren zahlen“, erklärt er. „Alles andere wäre langfristig ein Eigentor.“

Die konstanten Bewerberzahlen zeigen, dass ein Platz für das Medizin-Studium in Budapest noch immer sehr begehrt ist. Auch Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Deutschen Bundesärztekammer, schätzt die solide und patientenorientierte Ausbildung der jungen, in Ungarn ausgebildeten Mediziner. Von der Qualität kann er sich seit neuestem ganz privat überzeugen. Auch sein Sohn studiert an der Semmelweis-Universität.

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