Gesundheit : Die Schule braucht Praktiker

Die TU Berlin muss ihre Lehrerausbildung behalten

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Von Udo Simon Heute muss das Kuratorium der Technischen Universität Berlin eine schwierige Entscheidung treffen. Sollen an der TU in Zukunft keine Lehrer mehr ausgebildet werden? Sollte das Kuratorium zu diesem Schluss kommen, würde das den Interessen der Wirtschaft, der Schulen und auch der TU Berlin widersprechen.

1. Ständig klagen Politik und Wirtschaft über das geringe Interesse der Schulabgänger an technikrelevanten Fächern. Für entsprechende Berufe befürchtet man bald einen Mangel an Fachkräften. 2. Berlins Bildungssenator Klaus Böger hat erst kürzlich im Tagesspiegel erklärt, man werde als eine Konsequenz aus den PisaErgebnissen den Schulunterricht in Mathematik und den Naturwissenschaften künftig so gestalten, dass Praxisbezüge im Unterricht mehr zur Geltung kommen. Damit will Böger das Interesse der Schüler stärken. 3. Die hohen Abbrecherquoten der Ingenieur-Studenten im Grundstudium beruhen vor allem auf einem Scheitern in Mathematik und Theoretischer Mechanik (Physik). Offenbar werden die Schüler von der Schule nicht gut auf das Studium vorbereitet.

Wie passen solche Befunde zusammen mit dem Ziel, die Lehrerausbildung an der TU abzuschaffen? Wer Schüler für Technik begeistern will, muss Erfahrungen aus der Praxis mit in das Klassenzimmer bringen. Und in diesem Punkt haben Lehrerinnen und Lehrer, die an Technischen Hochschulen ausgebildet werden, ihren Kollegen von anderen Universitäten etwas voraus.

Viele von ihnen haben an der Uni als Tutorin oder Tutor für Naturwissenschaften, Mathematik oder Informatik angehende Ingenieure unterrichtet. Sie wissen also, was Studienanfänger an Technischen Hochschulen brauchen, können die Schülerinnen und Schüler folglich besser auf das Studium vorbereiten als jene Lehrer, die an der Freien und der Humboldt-Universität studiert haben, an denen es keine Ingenieursausbildung gibt. Lehrer, die an der TU studiert haben, sind deshalb die idealen Kontaktpersonen zwischen den Schulen und den Technischen Hochschulen, niemand kann den technikinteressierten Nachwuchs besser auf das Ingenieurstudium vorbereiten. Und ausgerechnet diese Lehrer soll es künftig nicht mehr geben?

Gerade gibt es für die Lehramtsstudierenden an der TU noch eine weitere Chance. Mit dem neuen DFG-Mathematik-Zentrum an der TU bietet sich ihnen eine exzellente Möglichkeit, Einblicke in aktuelle Anwendungsentwicklungen der Mathematik zu bekommen und diese Erfahrungen schließlich an die Schüler weiterzugeben. Ein Beispiel dafür ist die Arbeitsgruppe für Visualisierung. Sie will gemeinsam mit einem gerade erst berufenen Mathematik-Didaktiker – einem international sehr renommierten, mit Preisen ausgezeichneten Experten – neue Akzente in der Mathematik-Lehrerausbildung setzen. Will man solche Kooperationen von Beginn an unmöglich machen?

Die meisten der hier beschriebenen Qualifikationsmöglichkeiten sind TU-spezifisch, eine Verlagerung dieser Ausbildungsanteile an die Freie oder die Humboldt-Universität ist also nicht möglich. Die Politiker sollten sich auch daran erinnern, dass die Aufteilung der Lehrerausbildung an West-Berlins ehemaligen Pädagogischen Hochschule auf die Freie und die Technische Universität das Lehramtsstudium in vielen Bereichen lange Zeit schwer beeinträchtigt hat. Dauernde Umstrukturierungen kosten Arbeitskraft, die eigentlichen Ausbildungs- und Forschungsziele leiden. Kooperationen, die lange Wege in Berlin erfordern, vergeuden Zeit, Arbeitskraft und Geld.

Anfang 1920 wurde die Ausbildung von Studienräten in Naturwissenschaften und Mathematik an der Technischen Hochschule Charlottenburg begonnen. Damit sollte die Technische Hochschule enger mit den Gymnasien verflochten werden. Das geschah in wirtschaftlich extrem schlechten Zeiten. Die jetzige Berliner Bildungspolitik, die Schulen und die TU Berlin sind schlecht beraten, wenn sie der TU heute aus finanziellen Gründen die Lehrerausbildung nehmen.

Der Autor war zwischen 1970 und 2003 Professor für Mathematik an der TU Berlin. Zwischen 1968 und 1976 war er Mitglied im Ausschuss für Lehrerbildung beim Senat von Berlin, zwischen 1985 und 1987 Vizepraesident der TU Berlin , u.a. zuständig für Lehrerbildung. .

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