Gesundheit : Die Schulen haben riesigen Reformbedarf

Dieter Lenzen

Noch weiß niemand, welche Partei und welche Personen in Berlin für das Megathema Bildung verantwortlich sein werden. Es ist also noch Zeit, die Koalitionsschmiede daran zu erinnern, über welche Probleme sie sich einig werden müssen.

Der Vorschulbereich ist in den Schlagzeilen nur dann, wenn das Personal streikt und berufstätige Eltern nicht wissen, wohin mit ihren Kindern. Das ist ein gefährliches Missverständnis. Der Vorschulbereich ist kein Aufbewahrungsort, sondern eine Bildungsstufe. Hier ist die weitere Professionalisierung des Personals dringend gefragt, damit auch kleine Kinder mehr lernen als Schuhschleifchen machen und damit Lernprobleme ebenso rechtzeitig erkannt werden wie besondere Begabungen der Kinder.

Die verhandelnden Bildungspolitiker sollten sich über die Frage der sechs- oder vierjährigen Grundschule nicht heiß reden. Es kommt vielmehr darauf an festzulegen, was in den Klassen fünf und sechs gelernt werden soll und vor allem: Dass gelernt werden soll. Das heißt: Mehr Verbindlichkeit und Stringenz der Lehrpläne. Rahmenpläne genügen nicht. Im 5. und 6. Schuljahr müssen die Fundamente für eine erfolgreiche Schulkarriere ausgegossen werden. Die Jahre davor sind aber nicht nur Jahre des Spielens. Das größte Problem der vier ersten Grundschuljahre in Berlin besteht darin, dass den Kindern häufig eine Arbeits- und Lernhaltung für die Zukunft nicht konsequent vermittelt wird. Das Scheitern besonders auf dem Gymnasium ist vorprogrammiert. Dabei wird es eines der größten Probleme sein, künftig genügend Gymnasiasten auszubilden. Der Schwerpunkt der Grundschule muss drin liegen, Lesen und Schreiben sicher zu vermitteln - auch am Computer. Der zweite Schwerpunkt ist naturwissenschaftlich-technischer Unterricht. Er muss an die Stelle des alles-und-nichts-Faches "Sachkunde" treten.

Auch der Sekundarbereich I braucht dringend mehr Verbindlichkeit bei den Lehrinhalten. Punktuell müssen Lehrkräfte aus dem Berufsleben zu mehr Wirklichkeitsnähe der Schule beitragen. Berlin benötigt zumindest Experimente mit jahrgangsübergreifendem Unterricht. Hochbegabte müssen im Normalschulsystem zusätzlich Lernangebote, auch nachmittags, bekommen. Apropos nachmittags: Wenn die Koalitionäre den Weg zur Ganztagsschule jetzt nicht eröffnen, werden wertvolle Jahre bei der Europäisierung der Berliner Schulen verpasst. Der Sekundarbereich I wird im Wesentlichen dreigliedrig sein, aber anders als man das früher verstand: Haupt- und Realschulen - Gesamtschulen - Gymnasien.

Für das Gymnasium und die gymnasiale Oberstufe der Gesamtschule heißt die Kernaufgabe: Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre. Das kann, wie bereits angedacht, mit einem Schritt beginnen: Vorverlegung des Abiturs auf den Jahresbeginn, so dass ein Studium noch zum Sommersemester aufgenommen werden kann. Inhaltlich heißt das: Curriculare Einsparungen in Klasse elf. Die Abschottung der gymnasialen Oberstufe vom Berufsleben muss beendet werden. Gerade hier sind unternehmerische Elemente in den Curricula zu verankern, Gastlehrkräfte aus der Wirtschaft zu beschäftigen und der Praxiskontakt der Schüler zu verbessern. Umgekehrt darf der berufsbildende Bereich seine Kernaufgabe nicht darin sehen, Allgemeinbildung zu bieten.

Einen konsequenten Reform-, Modernisierungs- und Internationalisierungskurs zu fahren bedeutet, das Fahrwasser mit gut erkennbaren Signaltonnen zu markieren: Die Lehrerausbildung muss schnellstens verändert werden: Abschaffung der Staatsprüfung und Ersatz durch B.A. / M.A.-Studiengänge. Sofort sind die Lehrerabschlussprüfungen in die Hände der Universitäten zu geben, weil durch den Staat verursachte Prüfungszeiten von 1,5 Jahren nicht zu verantworten sind.

Die Reform der Lehrerausbildung ist Teil der Universitätsreform. Eine konsequente Erweiterung der Autonomie bei gleichzeitigen Zielvereinbarungen ist der Weg, der sich in den letzten Jahren bewährt hat. Bei der unternehmerischen Orientierung der Universitäten sind Fortschritte erzielt worden. Gleichzeitig darf man aber nicht aus dem Auge verlieren, dass eine akademische Einrichtung keine Seifenfabrik ist, deren Ziele klarer definierbar sind. Wissenschaft braucht Freiheit. Dieses umschließt allerdings nicht die Freiheit des Nichtstuns. Und ebenso wenig darf Freiheit mit Unverbindlichkeit oder Beliebigkeit verwechselt werden.

Berlins Hochschulen sind in ihren Reformbemühungen dem Schulbereich um etliche Jahre voraus. Was hier erfolgreich erprobt wurde, muss nun auch den Schulen abverlangt werden: Mehr Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit, wirtschaftlicher Mitteleinsatz, Reform der Curriculuminhalte, Leistungsdifferenzierung, Normierung von Leistungserwartungen und ein Verständnis dafür, dass eine Bildungseinrichtung ganztags und ganzjährig geöffnet ist. Wie im Hochschulbereich müssen die Leistungen der Lehrkräfte differenziert bewertet werden: Vor- und Nachbereitung einer Deutschstunde im gymnasialen Leistungskurs Deutsch kann nicht denselben "Wert" haben wie eine Sportstunde, in der 10-Jährige Fußball spielen. Wenn also - und das ist dringend notwendig - die Lehrenden bei der Ersteigung des bildungspolitischen Achttausenders mitgenommen werden sollen, dann muss Bewertungsgerechtigkeit herrschen und Dienstleistungen nach Arbeitsbelastung statt nur nach Zeit gemessen werden. Auch die Weiterbildung muss für alle Lehrkräfte obligatorisch werden.

Es gibt kaum einen Lebensbereich in der Zukunft Berlins, in dem so viel zu tun ist wie an Schulen und Hochschulen. Die Ziele und Wege sind klar. Was jetzt benötigt wird, sind Entschlossenheit und Mut auch zu unpopulären Entscheidungen. Dazu gehört die Fähigkeit und Bereitschaft eine total überdimensionierte Schulverwaltung zu restrukturieren. Und der Ressortzuschnitt? Für Schule / Wissenschaft spricht vieles, vor allem, dass das Bildungswesen wie in anderen Bundesländern dann auch als Eines gedacht werden kann, zeitraubende Doppelverfahren zwischen den Verwaltungen entfielen. Eine andere Variante ist die Kombination von Wissenschaft und Wirtschaft. Diese Orientierung könnte den Beteiligten den Blick dafür öffnen, dass den Hochschulen künftig die ganze Last der Entfaltung der Wirtschaftskapazität in Deutschland zugemutet wird - und umgekehrt: dass Wirtschafts- und Finanzverwalter begreifen, dass eine in Bildung investierte Mark viele große Kinder bekommt.

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