Gesundheit : Die Sehnsucht nach dem Norden

Eine Gesamtschule nach skandinavischem Vorbild will die SPD in Schleswig-Holstein. Wie sieht die aus?

Simone Leinkauf

Schon die Ergebnisse der beiden Pisa-Studien haben den Blick der Bildungspolitiker nach Skandinavien gelenkt – besonders die Finnen hatten überraschend gute Werte erzielt. Nach dem Ergebnis der Wahlen in Schleswig-Holstein ist die Sehnsucht nach dem Norden erneut aktuell geworden: Der Südschleswigsche Wählerverband (SSW) will zusammen mit SPD und Grünen die „Gesamtschule nach skandinavischem Vorbild“ durchsetzen. Zunächst dürfte das auf eine engere Zusammenarbeit unterschiedlicher Schulen an einem Ort hinauslaufen. Aber mal angenommen, die Schleswig-Holsteiner machten Ernst und schafften das dreigliedrige Schulsystem ab: Wie sieht das „skandinavische Vorbild“ aus?

Ob Dänemark, Schweden oder Finnland: Die Kinder gehen neun Jahre lang gemeinsam in die Schule. In Dänemark heißt sie durchgängig „folkeskole“, die Finnen unterscheiden zwischen der „ala-aste“, die sechs Jahre dauert, und der „ylä-aste“ mit weiteren drei Jahren, die Schweden haben „grund-“, „mellan-“ und „högstadiet“. Aber überall lernen die Kinder gemeinsam – bis zum Ende der Schulpflicht mit dem 17. Lebensjahr beziehungsweise nach dem Besuch des neunjährigen Unterrichts. Ein Abschlusszeugnis erhält jeder Schüler, der am Unterricht teilgenommen hat. Wer weiter machen will, geht in Finnland auf eine „lukio“, eine jahrgangslose kursorganisierte Kollegstufe, die je nach Begabung und Fleiß zwei bis vier Jahre dauert. Das Abitur ist zentral und impliziert keinen Rechtsanspruch auf einen Studienplatz.

Will man das skandinavische Schulsystem erfolgreich übernehmen, reicht es jedoch nicht, nur die äußeren Rahmenbedingungen zu kopieren. Die sozialen Ungleichheiten sind etwa in Finnland, das als Pisa-Spitzenreiter besondere Aufmerksamkeit erfährt, geringer als in den meisten anderen europäischen Ländern, der Unterschied zwischen den höchsten und den niedrigsten Einkommen ist nirgendwo auf der Welt so gering wie dort. Sprachprobleme im Unterricht gibt es kaum, da jeder ausländische Schüler so lange Finnisch lernen muss, bis er dem Unterricht folgen kann. Das ist unproblematisch, weil in Finnland weniger als zwei Prozent Ausländer leben. Darüber hinaus sind die meisten Schulen klein.

Die durch die Pisa-Studie nachgewiesene höhere Effektivität des finnischen Unterrichts lässt sich nicht nur mit der methodischen Überlegenheit der Lehrkräfte erklären, sondern mit den Bedingungen, unter denen sie arbeiten. Die Stunden sind für den Unterricht da. Während anderswo die Lehrer – vom Verpflastern offener Knie bis zur Schlichtung von Streitereien – für alles und jedes zuständig sind, haben sie in Finnland reichlich Unterstützung. Schulberater und -psychologen stehen an jeder Schule zur Verfügung. Außerdem ist ein Lehrer in großen Schulen mit großen Klassen mit über 20 Schülern meist nicht allein. Eine Assistentin arbeitet mit denjenigen Schülern, die anderen Stoff brauchen als das Mittelfeld der Klasse. Vom Klassenlehrer wird nicht erwartet, dass er allen gerecht wird. Wer im Unterricht überfordert ist, erhält Spezialunterricht. Wann immer ein Kind Leistungsschwächen zeigt, die sein Mitkommen gefährden könnten, wird eine Speziallehrerin eingeschaltet und gibt Einzelunterricht. Sie hat außer der Klassenlehrerausbildung ein Jahr Spezialstudium hinter sich und hat lerndiagnostische und -therapeutische Kompetenzen. Pro Jahr kommen nach Aussage des Zentralamts für Unterrichtswesen etwa 16-17 Prozent aller Schüler in den Genuss solcher Hilfe.

Dietmar Meyer, Lehrer an der Deutschen Schule Helsinki, bevorzugt die Gesamtschule, wenn sie auch so verstanden wird wie in Finnland. In seiner Heimat hat er die Erfahrung gemacht, dass die Gesamtschule zum Auffangbecken für schwierige Fälle wird: „In Deutschland sammeln sich die Probleme an den Gesamtschulen. Die eine Hälfte sind Problemschüler, die anderen zu schwach für ein Gymnasium.“ Elemente des finnischen Systems zu kopieren, hält Meyer für richtig – etwa die Tatsache, dass in Finnland die unteren Klassen viel kleiner als die oberen sind. Dass es in den unteren Klassen keine Noten gibt, ist aus Meyers Sicht kein Nachteil: „Die Finnen sind trotzdem leistungsorientiert, die machen aus allem einen Wettbewerb.“

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