Gesundheit : Die Sparwellen des Senators manipulieren

Bei ihren Aktionen setzen die Studenten mehr auf Witz als auf Ideologien

Tilmann Warnecke

DIE PROTESTE AN DEN BERLINER UNIVERSITÄTEN

Harald Schmidt, aufgepasst! An Berliner Universitäten lässt sich momentan der Comedy-Nachwuchs für die nächsten Jahre rekrutieren. Über die Gags der protestierenden Studenten schmunzelt jetzt die ganze Stadt. Nach der Demo, sagt eine Gruppe von Physik-Studenten, kommen die besten Ideen – angeregt von den witzigen Plakatsprüchen der Kommilitonen. Im Bus zurück zur Uni hat einer der neun Jungs von der Technischen Universität gesagt: Sarrazins Gedanken müsste man lesen können. Ein anderer sagt: Besser noch beeinflussen. Und ein paar Tage später stehen die Physiker mit einer selbst gebauten Höllenmaschine auf dem Alexanderplatz und erklären einer wachsenden Traube von Schaulustigen ihre „Weltneuheit“.

„Ihre Weihnachtswünsche an Herrn Sarrazin. Jetzt und umsonst!“, wirbt ein großes Plakat. Wie der „Gedankenmanipulator“ funktioniert, demonstriert Miterfinder Tim Schulze dem ängstlich zögernden Publikum. Wer dem Finanzsenator das Sparen an den Unis ausreden will, stülpt sich den bereit liegenden Helm mit den bunten Kabeln über und flüstert: „100 Millionen für die Berliner Unis“. Ein Übertragungskabel sirrt, Bildschirme mit den Schildern „Hirnwelle Sarrazin“ und „Hirnwelle Testperson“ flackern, Bäng! ertönt eine Glocke – Gedanke via Satellitenschüssel übertragen. „Sarrazin wird es gar nicht merken. Er denkt, es sind seine Gedanken. Seine einfachen Sparwellen sind schließlich besonders leicht zu manipulieren“, erklärt todernst Schulzes Kommilitone Christian Rauch den lachenden Adventsshoppern.

Ganz so simpel lässt sich das Finanzierungsproblem der Berliner Hochschulen zwar nicht lösen. Findig sind die streikenden Studierenden der Berliner Hochschulen aber allemal. Ideen statt Ideologien sind bei den diesjährigen Studentenprotesten gefragt, lieber Marx-Brothers als Marx heißt die Devise.

„Ironisch-witzige Aktionen sind doch viel produktiver als eine Kreuzung zu besetzen“, sagt Tim Schulze. Schließlich müsse man der Bevölkerung zeigen, „dass es nicht egal ist, wenn wir weg sind“. „Wissen schafft Bürgernähe“, steht deswegen auf einem anderen Plakat, das die Gedankenmanipulatoren aufgestellt haben.

Selbst Profi-Werber beklatschen den Einfallsreichtum der Studenten. „Absolut klasse und kreativ“ findet Ilja Schmuschkowitsch die neuen Protestformen. Er textet bei einer international renommierten Werbeagentur und meint, dass Kreativität die einzige Chance der Hochschüler ist, von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. „Einfach streiken und die Arme verschränken wie die Metaller im Osten – so finden Gruppen ohne Lobby kein Verständnis mehr.“

Die Aktivisten der Witzigkeit mobilisieren auch das eigene Protestvolk mit guten Sprüchen: „Stell dir vor, es ist fünf vor zwölf, und keiner macht Mittagspause“, mahnt ein Schild auf dem Weg zum HU-Audimax, wo sich der Info-Pool der aufständischen Humboldtianer befindet. Dort kann man belauschen, wie neue Aktionen geboren werden. „Mir ist gestern nach der Kneipe ein torkelnder Radfahrer in die Quere gekommen. Da hatte ich ’ne Super-Idee: Warum fahren wir nicht mal alle langsam Rad?“, ruft ein Student den Umstehenden zu. „Lass uns einen Tag finden, wo noch nichts Großes geplant ist“, sagt ein Kommilitone. Die Plakate sollen am Abend vor der Aktion gemalt werden – dann kommen die lustigen Sprüche dazu.

Einen PR-Chef oder die eine kreative Gruppe gibt es an keiner der drei Unis, sagt eine Studentin am Infotisch. „Die dezentrale Organisation ist gewollt. Falls es doch mal Ärger gibt, soll keiner dafür verantwortlich gemacht werden können.“ Während Werbeprofis in tagelangen Meetings über neuen Kampagnen brüten, reicht Studierenden wie Tim Schulze und Christian Rauch eine Busfahrt. Oder ein Frühstück in der Wohngemeinschaft: Am Freitag stopften Studenten vor dem Kaufhof am Alexanderplatz das Berliner Haushaltsloch. Organisiert hatten das zwei FU-Publizisten beim Morgenkaffee. Zwanzig Hochschüler brachten kaputte Socken, Nadel und Faden mit, drumherum lachten die Berliner. Und die Fotografen prügelten sich um den besten Platz. So einfach und so wirkungsvoll ist der Protest im Winter 2003.

Der heimliche Kopf der neuen Bewegung ist das Internet. Auf ihren Webseiten aktualisieren die Hochschüler ständig, welche Gruppe gerade wo protestiert, singt, eine öffentliche Vorlesung hält oder demonstrativ am Boden liegend die Gattung Student aussterben lässt. „Protestbewegungen, die Zukunft haben“, nennt Werbetexter Schmuschkowitsch solche Organisationsformen, die sich auf das Internet als Informationsquelle stützen und Hierarchien nicht kennen. Denn das ermöglicht schnelle Reaktionen und, noch wichtiger, einen raschen Zugang zu den einzelnen Aktionen: „Die Hürde für die Studenten, sich zu beteiligen, ist sehr niedrig.“

Manche Berliner bekommen bei so viel Kreativität sogar ein wenig Angst. „Solche Studenten sind ja richtig gefährlich. Die können die Welt beherrschen!“, ruft ein Passant angesichts des Gedankenmanipulators der Physikstudenten.

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