Gesundheit : Die Stammzell-Macht

Kerstin Kohlenberg

Wir sind in Madison, US-Bundesstaat Wisconsin. Wenn man die Augen zusammen kneift und genau zählt, dann hat die Stammzellen-Macht 14 Stockwerke. Sie ist dunkel, dreieckig und sieht fast aus wie ein W. W wie WARF wie Wisconsin Alumni Research Foundation.

Das W ist das höchste Gebäude meilenweit. Hier wird entschieden, für welche Erfindung der Universität von Wisconsin es sich lohnt, ein Patent anzumelden, oder doch nur ein trade mark oder copy rights, denn die sind erheblich billiger. Hier, im obersten Stock, liegt das amerikanische Patent 6 200 806, das Patent auf menschliche embryonale Stammzellen, die James A. Thomson 1998 zum ersten Mal isoliert hatte. Auf das europäische wird noch gewartet. Das Patent könnte Macht über ein neues Zeitalter der Medizin verleihen, in dem es möglich sein könnte, neues Gewebe oder sogar ganze Organe zu züchten.

Die Bedeutung des Stammzellen-Patents konnte man nach der Entscheidung von George Bush am 9. August erleben, die Forschung an den bereits existierenden 64 Stammzellenlinien mit öffentlichen Geldern zu fördern. Da meldete sich nämlich Carl Gulbrandsen, der Direktor von WARF, und sagte, dass all diese Zelllinien unter das Wisconsin-Patent fallen würden.

Die Forscher in den USA waren ziemlich ungehalten, denn bei der Patentierung von Biotechnologie haben sich umbrella-rights etabliert. Rechte, die Anspruch auf alles erheben, was im Entferntesten mit Hilfe der patentierten Erfindung entwickelt wurde. Im Fall der Stammzellen hätte das bedeutet, dass nicht nur die Firmen und Laboratorien, die die Stammzellen in den USA verkaufen wollen, Lizenzgebühren an WARF zahlen müssen, sondern auch die Labors, die staatlich geförderte Forschung mit Stammzellen betreiben wollen.

Dasselbe gilt für alle Erfindungen, die mit Hilfe der Stammzellen gemacht werden. Damit ist das WARF-Patent für die Stammzell-Forschung so etwas, was das Betriebssystem Windows für Computer ist. Seit Mitte November ist nun die detaillierte Liste mit den charakterisierten Stammzelllinien veröffentlicht. "Und wie erwartet fallen sie alle unter unser Patent", sagt Gulbrandsen.

Er sitzt in seinem großen Panoramablick-Büro, im 14. Stock des WARF-Gebäudes. Auf seinem Schreibtisch hängt schlapp eine kleine schwedische Fahne, daneben steht ein lederner Designer-Sessel. Die Fensterscheiben des Büros reichen bis auf den Boden, von hier aus hat Gulbrandsen, wie ein Fluglotse, einen endlos weiten Blick über den Mendota-See, über den bewaldeten Campus bis zum Capitol von Madison und weiter dahinter bis zum nächsten See.

Gulbrandsen ist ein kleiner, schmaler Mann ohne große Gesten. Um genau zu sein, ist der Unterschied zwischen ihm und Bill Gates gar nicht so groß. Natürlich wollte Gulbrandsen die Forscher nicht vor den Kopf stoßen. Genau wie Gates ist nämlich auch er daran interessiert, dass sein Produkt unter die Leute kommt. Weil er an die Forschung und den möglichen Fortschritt mit ihr glaubt, wie er sagt, weil er auf schnelle Therapien hofft und weil die Winsconsin-Stammzellen für Qualität stehen. Und als Qualitätsprodukt mit hoher Serviceleistung will er die Zelllinien auf dem Pharmamarkt etablieren. Also bietet er jedem Käufer zusätzlich eine Schulung auf den Stammzellen an: Wie taue ich die Zellen richtig auf und wie halte ich sie am Leben, damit sie sich endlos weiter teilen?

Patentierte Qualität

Und aus demselben Qualitätsgrund pocht er auch auf das Patent, denn nur dadurch, durch die patentierte, hochwertige Methode, sei die Qualität der Stammzellen gesichert. Man brauche mindestens sechs Monate, um eine Linie zu charakterisieren, sagt Gulbrandsen, um damit auch ihre Qualität zu bestimmen. Die schwedischen Zellen seien deshalb vielleicht nicht die allerbesten. Schweden besitzt laut Liste der amerikanischen Gesundheitsbehörde 25-Linien. WARF hat nur fünf. Das Patent schützt nicht vor Konkurrenten.

Gulbrandsen hat sich nach der Aufregung unter den Forschern mit Regierungsvertretern zusammengesetzt und einen Kompromiss erarbeitet, in dem WARF seine Ansprüche einschränkt. Findet ein Forscher zum Beispiel den Faktor, mit dem sich Stammzellen ausschließlich in Herzzellen teilen lassen, dann kann er diesen Faktor patentieren lassen. Er fiele nicht mehr unter das WARF-Patent, da es sich um eine Anwendung handelt, die als eigenständige Wirkstoff- oder Faktorenkombination besteht. Das gilt jedoch nur für Forscher, die mit öffentlichem Geld arbeiten. Privat finanzierte Institute zahlen weiterhin.

WARF hat außerdem zugestimmt, dass alle anderen Laboratorien auf der Liste, Stammzellen wie vorgesehen an amerikanische Wissenschaftler für öffentlich geförderte Forschungsvorhaben verkaufen können. Auch zu einem niedrigeren Preis als die 5000 Dollar, die WARF und das von WARF gegründete Institut WiCell nimmt. Diese Labors müssen für den Vertrieb allerdings Lizenzgebühren an WARF zahlen. Wieviel? "Den Schweden knöpfen wir richtig viel ab", sagt Gulbrandsen, zeigt auf die Fahne auf seinem Schreibtisch und grinst. Seine Familie kommt aus Schweden, da kann man sich mal einen Witz erlauben. Nein, das Geld, das stehe noch nicht fest.

In den USA ist der Kontakt zwischen Universitäten und der Wirtschaft ziemlich eng. Viele große Konzerne, sagt Bryan Renk, der Patentchef von WARF, haben ihre teuren Forschungsabteilungen auf Druck der Aktionäre abgeschafft. Die Forschung werde mittlerweile hauptsächlich in den Universitäten gemacht. Einige der Professoren in Madison seien ziemlich gut informiert, was die Industrie so brauche, sagt Renk, und so werde in den Labors oft auch an dem geforscht, von dem man sich später einen Abnehmer erhofft. Das mache sein Leben erheblich einfacher, sagt Renk. Vor ein paar Monaten hat er noch mit Hoechst und Bayer verhandelt. Ein Forscherteam hatte einen neuartigen Süßstoff entwickelt, von dem Renk glaubte, dass die Firmen ihn gebrauchen könnten. Aber, sagt er, wir hatten leider nicht das passende Produkt.

Die Lizenz-Milliarde

Jedes Jahr werden etwa 100 Verträge mit der Industrie abgeschlossen und etwa 200 Patentanwendungen werden pro Jahr eingereicht. Der Umsatz der Produkte, die unter WARF-Lizenz verkauft werden, beträgt über eine Milliarde Dollar. 450 Millionen Dollar hat WARF der Universität seit seiner Gründung 1925 durch Lizenz-Verträge eingebracht. Damals bei Thomson und den Stammzellen war der Kontakt mit der Industrie schon vorher da, denn die Forschung an Stammzellen ist ungeheuer teuer und wurde damals nicht staatlich gefördert. Also finanzierte die Firma Geron die Forschung und erkaufte sich so Vermarktungsrechte.

30 Stammzell-Kulturen hatte WARF bis zu Bushs Rede am 9. August im Fernsehen verkauft. In die USA, nach Asien und Deutschland. Seitdem bekommen sie zehn Anfragen die Woche, sagt Gulbrandsen. In Deutschland arbeiten sie mit mehr als einem Institut zusammen. "Aber ich werde ihnen nicht sagen, wer das ist."

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