Gesundheit : Die Stammzelle hat sich gemausert

Göttinger Forscher entwickeln vielversprechende Technik – vorerst nur beim Versuchstier

Adelheid Müller-Lissner

Mit Stammzellen verbindet sich seit Jahren die Hoffnung, schwere Krankheiten heilen zu können. Aber es treten auch ethische wie medizinische Probleme auf.

„Adulte“ Stammzellen, die aus verschiedenen Organen des menschlichen Körpers gewonnen werden können, sind bereits stark spezialisiert, was ihren Einsatz einschränkt. Embryonale Stammzellen, die „Fast-alles-Könner“, könnten theoretisch noch der Ausgangspunkt für ein neues Lebewesen sein. Das macht sie ethisch bedenklich. Sollten sie zu Behandlungszwecken eingesetzt werden, dann drohen zudem Probleme mit der körpereigenen Abwehr, die sie als fremd erkennt.

Ergebnisse, die Forscher der Universität Göttingen in der Zeitschrift „Nature“, Ausgabe vom kommenden Donnerstag, publizieren werden, lassen auf einen Ausweg hoffen. Die Mediziner isolierten Ursprungszellen von Spermien aus dem Hodengewebe von Mäusen und kultivierten sie im Reagenzglas. „Die Zellen bildeten einen Zellverband, der spontan wahrscheinlich in alle Zellen des Organismus ausreifen kann“, heißt es in einer Pressemitteilung, der Universität.

„Die Hodenzellen sind fast identisch mit den embryonalen Stammzellen“, erklärte Gerd Hasenfuß, Direktor der Abteilung für Kardiologie des Uniklinikums, der mit dem Humangenetiker Wolfgang Engel das Göttinger Team leitet. Es könne jedoch kein Embryo daraus entstehen und es werde auch keiner zerstört.

So könnte das Verfahren eine Alternative zu den embryonalen Stammzellen werden, falls es sich beim Menschen anwenden lässt. Aus dem im Reagenzglas kultivierten Zellverband entwickelten sich, wie die Göttinger in „Nature“ mitteilen, nach einigen Tagen Herzmuskelzellen, die sich wie im Herzen rhythmisch verkürzen. Zudem entstanden Skelettmuskel- und Nervenzellen, die den bei Parkinson fehlenden Hirnbotenstoff Dopamin produzieren können.

Das Hauptinteresse der Göttinger Arbeitsgruppe galt zunächst den Stammzellen, die zu Herzmuskelzellen werden können. Verschiedene Arbeitsgruppen hatten in den letzten Jahren gezeigt, dass während einer Operation in Herzkranzgefäße gespritzte, dem Knochenmark von Patienten entnommene Stammzellen zu neuen Blutgefäßen führen können.

Der Herzchirurg Gustav Steinhoff von der Uniklinik in Rostock vermutet, dass diese Stammzellen indirekt wirken, indem sie die Bildung neuer Blutgefäße anregen, dass sie aber nicht selbst zu Muskelzellen werden können.

Der Göttinger Erfolg nährt nun die Hoffnung, dass es bald auch beim Menschen klappen könnte, aus den Vorläufern von Samenzellen vielfältig einsetzbare, flexible Stammzellen zu gewinnen, die Herz, Nerven, Leber oder Haut erneuern könnten. „Die Fähigkeit der von uns kultivierten adulten Zellen, in die verschiedensten Gewebe auszudifferenzieren, wurde bisher nur bei embryonalen Stammzellen beobachtet“, sagte die Stammzellbiologin Kaomi Guan, die das Laborverfahren maßgeblich mitentwickelt hat, jetzt vor der Presse.

Eine japanische Gruppe hatte ähnliche Erfolge vor einiger Zeit mit Spermien-Vorläuferzellen, die aus dem Hoden ungeborener Mäuse gewonnen worden waren. Dass die Ergebnisse der deutschen Arbeitsgruppe hieb- und stichfest sind, dürfte „Nature“ besonders streng geprüft haben. Schließlich haben sich die sensationellen Resultate des koreanischen Klonforschers Hwang Woo Suk im letzten Jahr als Fälschung erwiesen.

Die Göttinger Forscher wollen jetzt ihre Untersuchungen an Gewebeproben aus menschlichen Hoden weiterführen, die im Rahmen von urologischen Untersuchungen gewonnen wurden. Für eine Therapie mit eigenen Stammzellen, die mit der körpereigenen Abwehr nicht in Konflikt kommen und nicht abgestoßen werden, müssten die Vorläuferzellen beim Patienten selbst aus Hodengewebe gewonnen und anschließend im Labor kultiviert werden. Mögliche Einsatzgebiete wären die Behandlung von Herzinfarkt, Parkinson oder der Zuckerkrankheit.

Diese Chance wäre vorerst Männern vorbehalten. Allerdings ist denkbar, auch aus Vorläufern von Eizellen solche therapeutischen Tausendsassa zu gewinnen. Die neuartigen adulten Zellen aus dem Hoden könnten zudem theoretisch auch so verändert werden, dass auch Fremdspenden verträglicher werden.

Doch das ist Zukunftsmusik, und die Öffentlichkeit hat sich inzwischen ein gewisses Maß an Skepsis angewöhnt. Er sei vorsichtig geworden, denn er habe auf dem Gebiet der Stammzellforschung „schon viele Träume platzen sehen“, sagte der vor kurzem aus den USA nach Deutschland zurückgekehrte Molekularbiologe Hans Schöler der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

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