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Irakische Wissenschaftler lernen in Deutschland, wie Demokratie funktioniert

Tilmann Warnecke

„Wir befinden uns in der gleichen Situation wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg“, antwortet Muafak Asad Ahmad auf die Frage, warum die Bundesrepublik für Iraker besonders interssant ist: Das Land müssen sie wieder aufbauen, demokratische Strukturen finden, sich eine Verfassung geben. Deswegen stand es für den Politologen aus dem nordirakischen Suleymania außer Frage, an einer Winter School an der Freien Universität Berlin teilzunehmen. Das Programm: eine Art Aufbaustudium Demokratie für irakische Wissenschaftler.

Der Krieg, davor das Embargo gegen das Land: 15 Jahre lang waren die irakischen Universitäten abgeschnitten von der internationalen Entwicklung. Jetzt kamen zum ersten Mal nach dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad und dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein irakische Wissenschaftler nach Deutschland. Sechzig Professoren und Nachwuchswissenschaftler aus allen Teilen Iraks nahmen an den vierwöchigen Kursen an mehreren deutschen Universitäten teil, die das Auswärtige Amt mit Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) finanzierte. „Wir konnten zum ersten Mal wieder Kollegen im Ausland treffen“, sagte Mohammed Jawad Ali, Leiter des Zentrums für Internationale Studien der Universität Bagdad, der gemeinsam mit Ahmad an der FU zu Gast war. Der Kurs in Berlin war der brisanteste: Die Verfassung, freie Wahlen und Vergangenheitsbewältigung – alles Fragen, die im Irak hochaktuell sind.

Demokratie lernen: Die Iraker hörten von ihren FU-Kollegen Einführungen zu Themen wie dem Übergang von einer autoritären zu einer demokratischen Herrschaft und erörterten, ob das deutsche Beispiel als Vorbild für ihr Land dienen kann. Wie kompliziert die Aufarbeitung der Verbrechen totalitärer Regime ist, erfuhren sie in der Birthler-Behörde. Besonders das föderalistische Prinzip der Bundesrepublik interessierte die irakischen Gäste. „Wir sind ein Vielvölkerstaat. Da gibt die deutsche Verfassung viele Anregungen“, meinte Ahmad, der aus den halbautonomen kurdischen Gebieten stammt.

Zwischen den ethnischen und religiösen Gruppen im Irak herrscht oft Sprachlosigkeit. Das gilt auch für die Wissenschaftler. „Beziehungen zu den Hochschulen im Norden und Süden des Landes gibt es praktisch noch nicht“, sagte Jawad Ali.

Die Lage an den Universitäten spiegelt wider, wie zerrissen das Land ist. In zwölf Jahren Unabhängigkeit bauten die Kurden drei Hochschulen in ihrem Gebiet neu auf. Die Zahl der Studenten und Professoren wuchs schnell, und die Kurden sind stolz auf das akademische Leben, das sich an ihren Hochschulen entwickelt hat. Der Krieg verschonte die kurdischen Unis weitgehend. „Inzwischen gehören unsere Unis zu den führenden im Land“, meinte Ahmad.

An den mittel- und südirakischen Universitäten herrschen dagegen nach dem Krieg und anschließenden Plünderungen teilweise katastrophale Bedingungen. In Bagdad blieb nur ein Campus der Universität von Zerstörungen verschont. Viele Colleges und Bibliotheken der Hochschule liegen in Trümmern. „Der Lehrbetrieb läuft immerhin wieder“, berichtete Jawad Ali von seiner Uni. Der nördliche Campus der Universität Basra ist ebenfalls zerstört, die Zentralbibliothek brannte komplett nieder.

Ohne Gefahren lehren und lernen Professoren und Studenten immer noch nicht. Der Sturz von Saddam befreite zwar die Hochschulen des Landes von den Fesseln des Regimes seiner Baath-Partei. Ihre Meinung wollen und können viele dennoch nicht frei äußern. Nachwuchswissenschaftler der Universität Bagdad lehnten Interviews in Berlin bedauernd ab. Warum sie öffentliche Äußerungen fürchten, erklärte FU-Professor und Orient-Spezialist Friedemann Büttner: Zahlreiche Intellektuelle und Unternehmer wurden in den letzten Monaten im Irak ermordet. Ein irakischer Kollege sei kurz vor dem Beginn der Winter Schools an der Uni Bagdad erschossen worden. Er habe zuvor dem Sender Al-Dschasira ein Interview gegeben, in dem er die irakische Übergangsregierung kritisierte.

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