DIE Übeltäter : So befällt der Cholera-Erreger den Darm

Der Erreger schlägt in atemberaubender Geschwindigkeit zu: Schon wenige Tage nach der Infektion kann er zum Tod führen. „Eben sind sie dabei, den guten Hegel unter die Erde zu schaffen“, schrieb der Komponist Carl Friedrich Zelter am 16. November 1831 an Goethe – und wunderte sich: „Am Freitag Abend war er noch bei mir im Haus und hat den Tag darauf noch gelesen.“

Björn Rosen

Der Philosoph Hegel wurde Opfer der zweiten Cholera-Pandemie, die in Berlin und anderswo in Europa unzählige Opfer forderte. In Indien ist die Krankheit seit Jahrtausenden bekannt, doch erst seit dem 19. Jahrhundert reist ihr Erreger dank moderner Verkehrsmittel um den Erdball. Heute spielt Cholera in Deutschland keine Rolle mehr, gehört weltweit aber zu den schlimmsten Infektionen. Jedes Jahr sterben Hunderttausende daran. „Die siebte Cholera-Pandemie, die sich seit 1961 ausbreitet, wütet vor allem in Indien, Lateinamerika und Afrika“, sagt Christian Schönfeld vom Institut für Tropenmedizin der Charité.

Dabei ist der Cholera-Erreger, das Bakterium Vibrio cholerae, eigentlich sehr empfindlich – etwa gegen Säure und hohe Temperaturen. Da das Bakterium meist übers Trinkwasser übertragen wird, würde es genügen, dieses abzukochen, um eine Weiterverbreitung zu verhindern. Doch leider fehlen dafür in Entwicklungsländern vielerorts die Möglichkeiten, manchmal auch das Wissen. „Oft wird dort Abwasser, in dem sich menschliche Fäkalien und damit auch Vibrionen befinden, in Flüsse geleitet, aus denen Menschen ihr Trinkwasser gewinnen müssen“, sagt Schönfeld.

Vibrio cholerae wurde 1883 von Robert Koch entdeckt. Es hat die Form eines Kommas – langgestreckt, mit einer Geißel (einer Art fadenförmigem Propeller) an seinem Ende. Diese dient der Fortbewegung: Vibrionen sind sehr schnell. Es gibt 139 Unterarten des Bakteriums, von denen aber nur zwei als Cholera-Erreger von Bedeutung sind: das häufige, aber weniger gefährliche O1 und das seltenere, aber oft tödliche O139.

Die Vibrionen haben es ausschließlich auf die Schleimhäute des Dünndarms abgesehen. In vielen Fällen werden sie jedoch schon von der Magensäure ausgeschaltet – ob dies gelingt, hängt davon ab, wie viele Bakterien mit der Nahrung in den Körper gelangt sind, und davon, wie viel Magensäure ein Mensch produziert.

Haben es die Bakterien in den Darm geschafft, so kommt es zu Durchfall. Die Ursache dafür ist ein Gift, das die Vibrionen produzieren: Dieses Choleratoxin blockiert in den Zellen der Schleimhäute ein Enzym, das für die Pumpfunktion des Darms unverzichtbar ist. In der Folge können keine Nahrungsbestandteile und kein Wasser mehr vom Darm ins Blut transportiert werden – stattdessen wird alles ausgeschieden. „In schweren Fällen kommt es zu 20 bis 30 voluminösen Durchfällen am Tag“, so Schönfeld. Der Verlust von Flüssigkeit und Mineralstoffen bringt einen innerhalb von Stunden in Lebensgefahr. Unbehandelt ist Cholera in bis zu 50 Prozent der Fälle tödlich.

Wer in Choleragebiete reist, sollte darauf achten, nur Gekochtes zu essen und nur abgekochtes Wasser zu trinken. Für alle, die lange in solchen Ländern leben, gibt es eine Impfung.

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