Gesundheit : Die Uni als Self-Service-Paradies

FREDERIK HANSSEN

Immer mehr Hochschulen denken über die Einführung studentischer Chipkarten nachVON FREDERIK HANSSENNie wieder vor dem Immatrikulationsbüro anstehen! Ein studentischer Traum, der bald Wirklichkeit werden könnte.Zumindest, was die technische Machbarkeit betrifft.Das Zauberwort der Zukunft heißt "studentische Chipkarte".Als multifunktionaler Zwitter aus Studentenausweis, Mensakarte, Bibliotheksausweis, Copy-Card und Kreditkarte soll das mirakulöse Plastikkärtchen ordentlich Platz in studentischen Portemonnaies schaffen: Mit einem einzigen elektronischen Dokument würde der Hochschüler oder die Hochschülerin alle Formalitäten von der Zahlung der Bibliotheks-Mahngebühren über die Anmeldung bei Hochschulsport-Veranstaltungen bis hin zur vollautomatischen Rückmeldung im Selbstbedienungs-Verfahren erledigen.Im Entwurf des neuen Hochschulrahmengesetzes hat "Zukunftsminister" Rüttgers die Umstellung vom Papier- auf den Chip-Ausweis bereits als "Soll"-Formulierung festgeschrieben, und auch aus dem Berliner Wissenschaftssenat wird die "Optimierung von Hochschulprozessen auf der Basis von Self-Service-Konzepten" angestrebt. Vorbei also die Zeiten, da natürlich immer der richtige Bibliotheksausweis zur falschen Zeit zu Hause auf dem Schreibtisch geduldig auf seinen Einsatz wartete, während ihn sein studentischer Besitzer doch gerade so dringend an der Buchausgabe benötigte? Vorbei auch die Zeiten, da für eine simple Rückmeldung diverse Formulare auszufüllen waren? Auch für die überlasteten Uni-Verwaltungen könnten die studentischen Chipkarten Vorteile bringen, weil sich die vom aufreibenden formalen Papierkrieg befreiten Mitarbeiter endlich um die wirklichen Probleme der Studenten kümmern könnten.Wenn die zuständigen Fachleute die Vorteile der studentischen Chipkarte aufzählen, geraten sie ins Schwärmen.Dabei handelt es sich keinesfalls um "Zauberei", sagt Klaus Oberzig, der an der Technischen Fachhochschule (TFH) das Chipkarten-Projekt betreut.Der elektronische Studentenausweis sei lediglich "angewandte Wissenschaft", die die Möglichkeiten moderner Datenkommunikation auf die Unis übertrage.Einst soll es sogar möglich sein, daß die Professoren alle Prüfungsergebnisse vom PC-Arbeitsplatz ihres Büros aus auf den Karten der Kandidaten abspeichern können, anstatt Berge von Scheinen ausfüllen zu müssen. Spätestens an diesem Punkt melden sich allerdings die Datenschützer zu Wort.Sie befürchten den gläsernen Studenten, entwerfen Horror-Szenarien von geknackten Chips und Hackern, die Prüfungsergebnisse verraten.Klaus Oberzig weiß hier die Gemüter zu beruhigen.Zumindest auf der TFH-Karte werden nur die Daten gespeichert sein, die auch jetzt schon auf den Studentenausweisen aus Papier stehen.Allein über die Matrikel-Nummer soll die Verbindung zum universitätsinternen Netz hergestellt werden.Wenn sich die Studierenden vom heimischen PC über das Internet oder von einem der Service-Terminals auf dem Uni-Gelände ins Hochschul-System einlocken, können via Matrikel-Nummer die digitalen Personal-Akten aufgeschlagen werden, die ja bereits jetzt die alte Karteikarten-Zettelwirtschaft abgelöst haben.Die Speicherung von sensiblen persönlichen Daten auf dem Chip selber ist also nicht nötig. Eines der Hauptprobleme bei der Umstellung von Papier- auf Chipausweise stellt die Angleichung der verschiedenen Datenverarbeitungssysteme dar, die nebeneinander existieren.Noch muß beispielsweise auf den Ausweisen neben dem Chip auch ein Magnetstreifen für die Bibliotheksbenutzung integriert werden, weil die Buchausleihe eben über ein anderes Informationssystem funktioniert.Soll die Karte auch als Ausweis für Bus und Bahn nutzbar sein, müssen zudem Name und Semesterdauer in "normaler" Schrift auf die Plastikkarte gedruckt und Platz für ein Foto freigehalten werden.Alle Universitäten, an denen zur Zeit mit der Chipkarte experimentiert wird, haben dafür verschiedene Systeme entwickelt.Und jeder hält natürlich seines für das beste. An der Universität Trier heißt das kleine Wunderding aus Plastik "Tunika" und wurde in Zusammenarbeit mit der örtlichen Sparkasse entwickelt.Ab dem Wintersemster 1997/98 wird sie Pflicht an der rheinlandpfälzischen Hochschule, das heißt, alle Studierenden müssen dafür einmalig 20 Mark berappen - allerdings mit dem Trost, durch ein neues Rabattsystem bei den Uni-Kopierern die Summe indirekt wieder zurückholen zu können. Technisch gesehen ist die "Tunika" eine sogenannte kontoungebundene Chipkarte.An neuentwickelten Aufladegeräten, die die Sparkasse in der Uni bereitstellt, können die Studierenden bar oder per EC-Karte bis zu 400 Mark auf die Karte laden, die somit zu einer elektronischen Geldbörse wird.Ein Prinzip, wie es Berliner Studis von der Girovend-Karte der Mensa kennen, nur mit dem Unterschied, daß der neue Trierer Studentenausweis auch bundesweit als elektronische Geldbörse einsetzbar ist. Die Chipkarte der Technischen Fachhochschule orientiert sich weitgehend an diesem Modell.Ein Zeitpunkt für die Einführung steht allerdings noch nicht fest, weil die Finanzierung bisher ungeklärt ist und dem Projektkoordinator Klaus Oberzig vor allem eine berlinweite Einführung an allen Hochschulen gleichzeitig vorschwebt.Was natürlich die Kosten erheblich senken würde.Nach den Semesterferien soll eine Arbeitsgruppe gemeinsam mit der Landesbank die von der TFH vorgelegte Machbarkeitsstudie diskutieren.Bis zur Einführung kann es also noch dauern. Grundsätzlich unterstützt der Berliner Wissenschaftssenat das Vorhaben, wenn auch nicht mit Zusatzgeld, wie beispielsweise das Bayerische Kulturministerium, das der Uni Esslingen für ihr Chipkarten-Pilotprojekte eine Million Mark überwiesen hat.Durch die Entlastung, die eine Chipkarte der Uni-Bürokratie bescherte, ließe sich natürlich auch der unvermeidliche Stellenabbau an den Hochschulen leichter realisieren - wenngleich man beim Wissenschaftssenat betont, daß die Einführung der Chipkarte keineswegs aus haushaltspolitischen Gründen vorangetrieben werde.Vielmehr soll so die Dienstleistung für die Studierenden verbessert werden.Das hört man gern.

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