Gesundheit : Die Uni – ein Jungbrunnen

Immer mehr Rentner wollen studieren. Oft sind sie wissbegieriger als junge Studenten, sagen die Dozenten

Nina Pustowka

Wenn Jürgen Demandt mit graumelierten Haaren, Jackett und Aktentasche durch die Freie Universität Berlin läuft, hält ihn jeder für einen Professor. Doch Demandt ist Student. Der Ruheständler hat sich als Gasthörer an der FU immatrikuliert – und ist begeistert. „Ein Jugendtraum wird wahr“, sagt der 60-Jährige über sein Studium. Ein Abitur hat er nie gemacht: „Von zu Hause war das nicht möglich.“ So ging er nach der Schule in eine Lehre als Kaufmann, aus der Uni wurde nichts.

Doch wann immer Demandt auf Geschäftsreisen war, fand er sich in Kathedralen und Museen wieder. Seiner Liebe zur Kunstgeschichte geht er jetzt in den Veranstaltungen von „Kunst im Kontext“ nach, einem von der Freien Universität speziell eingerichteten Studienangebot für Gasthörer. Hier muss er Leistungsnachweise erbringen wie ein richtiger Student, also Scheine machen, um nach vier Semestern das Zertifikat erwerben zu können: „Ich brauche immer ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann“, sagt er. Außerdem besucht er reguläre Vorlesungen und Seminare an der Universität, etwa 30 Stunden die Woche investiert er in sein Studium der Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin. „Ich wollte eben nicht auf Dampferfahrt mit dem Seniorenclub fahren“, sagt Demandt.

Immer mehr Menschen möchten nach ihrem Berufsleben oder wenn die Kinder aus dem Haus sind ein Gebiet studieren, das sie schon immer interessiert hat. Die meisten von ihnen nehmen jedoch kein Vollstudium mit regulären Abschlussprüfungen auf sich, sondern schreiben sich als Gasthörer an den Unis ein, was auch ohne Abitur möglich ist. An der FU zum Beispiel stieg im vergangenen Wintersemester die Zahl der Gasthörer um etwa 20 Prozent auf 560. Doch das ist im Vergleich zu Universitäten wie Hamburg oder Münster eher wenig: Münster, mit etwa 40 000 Studierenden eine Uni der Größenordnung der FU Berlin, hatte im letzten Wintersemester 2376 Gasthörer. Im „Studium im Alter“ wendet man sich dort gezielt an eine ältere Gasthörerschaft.

Eine zentrale Anlaufstelle für Gasthörer, auch für die älteren, gibt es in Berlin nicht, wie Bruno P. Nerlich von der Berliner Akademie für Weiterbildende Studien beklagt: „Da ist leider der Universitäts-Egoismus immer noch da.“ Der Verein berät und informiert alle an einem Gasthörerstudium Interessierten. Auch eine größere Vernetzung und Verzahnung der schon bestehenden Angebote für ältere Gasthörer sei nötig, sagt Nerlich. Denn jede Universität hat ihr eigenes Profil und jeder Gasthörer muss für jede Uni einzeln den Gasthörerstatus beantragen.

So hat es auch Jutta Mushack gemacht. Für sie ist die Uni „allemal interessanter und aktueller als ein Volkshochschulkurs“. Die 66Jährige studiert schon seit längerem zwei bis vier Stunden die Woche – hauptsächlich Veranstaltungen in Geschichte und Literatur. „Geschichte in meiner Schulzeit, das war größtenteils Auswendiglernen“, sagt sie. Trotz ihrer Begeisterung für die Uni kommt ein Vollzeitstudium für sie nicht in Frage. Sie schreibt weder Hausarbeiten noch legt sie Prüfungen ab. „Ich bin anders als die jüngeren Studenten frei vom Druck, mit einem Studienabschluss auch einen Beruf finden zu müssen“, sagt die ehemalige Bankangestellte. Im Vordergrund stehe der Genuss.

Hochschullehrer, die ältere Studierende kennen gelernt haben, berichten von deren Wissbegier und engagierter Mitarbeit. Friederike Hauffe, Dozentin für Kunstgeschichte an der FU sagt: „Die Gasthörer haben eine unheimliche Energie, sind neugierig und empfinden keine Veranstaltung als ein Muss wie viele reguläre Studierende.“ Oftmals brächten die Gasthörer ihr Erfahrungswissen aus dem Berufsleben mit ein.

Doch nicht nur das akademische Fachwissen reizt beim Seniorenstudium. Jutta Mushack und Jürgen Demandt betonen, wie sehr ihnen der Kontakt zu den „normalen“, jüngeren Studierenden gefalle. Einmal, erzählt Jutta Mushack, sei ein junger Mann nach der Vorlesung zu ihr gekommen. „Könnte ich vielleicht Ihr Manuskript ausleihen und fotokopieren?“, habe der sie gefragt. „Also, bei so was fall ich vom Hocker“, lacht sie.

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