Gesundheit : Die Uni wird zum Unterhaus

ERIK HEIER

Wenn Studierende untereinander dem "Gentleman" oder der "Gentlelady" das sorgfältig gespreizte Wort erteilen, dann schwenken sie möglicherweise Cocktails auf einer durchgestylten Zwanziger-Jahre-Party. Oder aber sie sitzen im John F. Kennedy-Institut der FU und machen auf US-Kongreß. Denn auf Capitol Hill drückt man sich gewählt aus: "I yield five minutes to the Gentlelady from Ohio".

Im Kennedy-Institut für Nordamerikastudien wird nämlich am kommenden Wochenende zum zweiten Mal ein fiktiver Gesetzgebungsprozeß im amerikanischen Unterhaus durchgespielt. Wer an amerikanischer Politik interessiert ist, kann am Freitag und am Sonnabend einfach mitdebattieren. Gemäß dem amerikanischen Vorbild werden eine Mehrheits- und eine Minderheitspartei um einen Gesetzesentwurf ringen - nach Art des Repräsentantenhauses. Worum es genau geht, soll noch nicht verraten werden. Spezielles Vorwissen ist aber nicht erforderlich, abgesehen von englischen Sprachkenntnissen.

Zuvor erhalten die Teilnehmer eine Einführung in die Formalien des amerikanischen Gesetzgebungsprozesses, per Video und Gruppendiskussion. Die Parteizugehörigkeit wird ganz undemokratisch verlost, zusammen mit dem zugeordneten Wahlkreis. Jede Partei schickt Abgeordnete in die beiden Ausschüsse ("Commitees"). Hier werden Zusätze zum Gesetzestext ("Amendments") verhandelt. Das "Policy Commitee" ist für die sachliche Ausgestaltung des Gesetzes zuständig, das "Rules Commitee" für Verfahrensfragen. Strategischerweise könnte die Minderheitspartei das Gesetz durch Zusätze so lange zu verwässern versuchen, bis für die Mehrheitspartei das Faß der zu schluckenen Kröten überläuft - und sie gegen ihren eigenen Entwurf stimmt.

Das inhaltliche Präferenz wird ebenfalls per Los festgelegt. So befindet das Zufallsprinzip darüber, ob man "pro" oder "contra" votiert - oder aber zu den heftig umworbenen "Unentschiedenen" ("Undecided") zählt, dem Zünglein an der Waage. Das Abstimmungsverhalten bleibt zumindest anfangs Abgeordnetengeheimnis. Im vergangenen Jahr wählte die Mehrheitspartei einen "Unentschiedenen" von seinem Posten als Ausschußvorsitzender des "Rules Commitee" ab, weil sie ihn irrtümlicherweise als Gegner ihres Gesetzesentwurfs verdächtigte. Der derart unverdient Abgestrafte reagierte überaus authentisch: Beleidigt votierte er tatsächlich gegen seine Partei, entgegen seiner ursprünglichen Absicht.

Das Rollenspiel brachte Thomas Greven, Doktorand im Graduiertenkolleg "Demokratie in den USA" am Kennedy-Institut, von seinem Studienjahr 1993/94 an der Western Michigan University in Kalamazoo mit. Seit 1998 organisiert er es am Kennedy-Institut zusammen mit den Studenten. In Michigan proben seit Mitte der 80er Jahre einmal jährlich etwa einhundert 17- bis 18jährige High-School-Absolventen für drei Tage beim "Congressional Student Leadership Summit" den parlamentarischen Ernstfall.

Entstanden ist die Idee im Büro des Kongreßabgeordneten David E. Bonior. Der progressive Demokrat, erzählt Greven, verteidigt seit Jahren im "eigentlich eher konservativen Wahlkreis" MacComb und St. Clair County in Michigan seinen Abgeordnetensitz. Zwar fehlt für den deutschen Begriff der "Politikverdrossenheit" im Amerikanischen eine adäquate Entsprechung. Das Phänomen selbst hingegen ist mehr als geläufig. Bei den Kongreßwahlen dümpelt die Wahlbeteiligung zumeist um die 50 Prozent herum. Immerhin sind einige der ersten Teilnehmer des Rollenspiels tatsächlich in die aktive Politik gegangen. Mit einem kleinen Schönheitsfehler für den Demokraten Bonoir: "Die meisten davon", sagt Greven, "wurden letztendlich Republikaner".

Seit 1994 nimmt Greven regelmäßig am Rollenspiel in Michigan teil. Bereits damals entstand die Idee, einen Studentenaustauch zu organisieren. Im Sommer 1995 flogen erstmals vier deutsche Studenten über den großen Teich. Fünf Amerikaner sind gerade in Berlin angekommen, nachdem fünf FU-ler unlängst von einem zweiwöchigen Seminar-Aufenthalt in Michigan zurückkehrten. Tilman Hierath, 21, Nordamerikanistik-Student, erhoffte sich "eine konkrete Vorstellung vom amerikanischen System, damit ich die Zusammenhänge begreife, Lobbyistensystem und Abstimmungen" von Reise und Rollenspiel. "Für mich ist das kein Spiel", meint freilich Jan Philipp Roos, "sondern mehr eine Simulation". Der 22jährige Nordamerikanistik-Student war bereits bei der Premiere im vergangenen Jahr dabei. "Es ist außerdem ein Anreiz, jemanden zu haben, der aus erster Hand erzählen kann". Denn auch diesmal reist wieder Ed Bruley an, der Büroleiter von David Bonoir. Im vergangenen Jahr organisierte sich eine Teilnehmerin bei dieser Gelegenheit ein Praktikum in den USA (siehe Tagesspiegel vom 25. Mai).

Bruley, seit 30 Jahren in der Politik, fungiert beim Spiel als Ratgeber und Lenker. Für sonstige Probleme sind die sogenannten "Staffer" zuständig. Diese wurden während des vorausgegangenen Blockseminars (Thema: Vergleich von US-Kongreß und Bundestag) vorbereitet.

Die "Floor Debate" hat nämlich so ihre Tücken: Nutzt zum Beispiel ein Abgeordneter die ihm zugeteilte Redezeit nicht vollständig aus, kann er den Rest für später reservieren. Vergißt er jedoch in der Hitze der Rhetorik, dies formal anzumelden, geht diese Zeit verloren. "Das haben wir auch nie gebacken bekommen", erinnert sich Jan Philipp Roos.

Am Sonnabend gegen 20 Uhr endet die Mini-Legislaturperiode. Im vergangenen Jahr mühten sich die "Staffer" beflissen ab, einige der abendlichen Party entgegenlechzenden Teilnehmer bis zur entscheidenen Abstimmung im Plenum zu halten. Jan Philipp Roos erschien diese parlamentarische Unlust zunächst reichlich unangemessen. "Aber Ed Bruley meinte, es wäre auch im Kongreß durchaus realistisch, daß Abgeordnete nach der Mittagspause nicht vom Tennis zurückkehren".

Infos: Thomas Greven, Tel. 68 08 71 58 oder E-mail: tgreven@zedat.fu-berlin.de ; Termine: Freitag 18. Juni: 18 Uhr, Samstag, 19. Juni, 12 Uhr im John-F.-Kennedy-Institut der FU, Lansstr. 5-9, 14195 Berlin.

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