Gesundheit : Die Universität Göttingen wird bei Rankings unterschätzt, ist im Ausland aber beliebt

Claudia von Salzen

Abends um neun ist das große Gebäude aus Glas und Stahl noch hell erleuchtet. Fünf unterschiedlich lange, schmale Gebäudeteile ragen in Richtung Straße. In diesem gläsernen Raumschiff sitzen Studenten hinter kleinen Leselampen, die meisten von ihnen sind tief über ihre Bücher und Aktenordner gebeugt. In der Göttinger Universitätsbibliothek, die mit knapp vier Millionen Bänden zu den größten und modernsten Bibliotheken Deutschlands zählt, lernen die Studenten während der Prüfungsphasen bis in den späten Abend hinein.

Der 1992 eröffnete Bau ist der einzige architektonische Lichtblick auf dem ansonsten eher schmucklosen Göttinger Campus, der von tristen Betongebäuden umgeben ist. Doch die Studenten sehen über diese Trostlosigkeit gern hinweg: "Der Vorteil hier ist, dass alles so dicht beieinander liegt", sagt Christiane Brauns, die in Göttingen Betriebswirtschaft studiert. Die Wege zwischen Vorlesungssaal, Bibliothek, Institut und Mensa sind in wenigen Minuten zu bewältigen. "Das war einer der Gründe, warum ich nach Göttingen gegangen bin", sagt auch der Medizinstudent Alexander Weismann. "In der ganzen Stadt kann man alles mit dem Rad erreichen."

Das Studienangebot an der Universität Göttingen reicht von Ägyptologie bis Zahnheilkunde. Nur die technischen Fächer wie Elektrotechnik, Informatik oder Maschinenbau kann man hier nicht studieren. Dafür gibt es aber eine Vielzahl von Orchideenfächern: Assyriologie, Iranistik, Koptologie und Tibetologie werden an der Philosophischen Fakultät als Magisterstudiengänge angeboten. Eine Handvoll Studierender beschäftigt sich in Göttingen mit Keilschriftforschung oder mit Vorderasiatischer Archäologie. Aus dem breiten Fächerspektrum entstehen für die Studenten vielfältige Verknüpfungsmöglichkeiten: "Bei uns kann man nicht nur sein eigenes Fach studieren, sondern auch über den Zaun gucken", sagt der Präsident der Universität Göttingen, Professor Horst Kern. Interdisziplinäres Studieren und Forschen soll an der Universität in Zukunft stärker gefördert werden. Modellcharakter hat hier das Forschungszentrum Waldökosysteme, das international große Anerkennung findet.

Ein Forschungsschwerpunkt hat sich in Göttingen auch im Bereich der Biowissenschaften gebildet: Gemeinsam mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen wurde das Zentrum für Molekulare Biowissenschaften gegründet. Die Studenten werden davon unmittelbar profitieren: Im nächsten Jahr wird nach Angaben der Hochschulleitung ein integrierter Studiengang Molekulare Biologie eingeführt. "In den experimentellen Fächern ist forschendes Lernen Programm", sagt Uni-Präsident Kern. Doch auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften sollen interdisziplinäre Ansätze stärker berücksichtigt werden: Geplant ist die Gründung eines Zentrums für Medienwissenschaften im nächsten Jahr.

Zum Thema Forschung an der Universität Göttingen hat schon Heinrich Heine Stellung genommen: "Zu Göttingen blüht die Wissenschaft, doch bringt sie keine Früchte." So urteilte Heine 1836 in einem Gedicht despektierlich über die von ihm ungeliebte Universität - sie war dem Rheinländer zu preußisch und zu provinziell. Auch wenn sich nicht jeder positiv über seine Alma Mater äußerte - Göttingen ist trotzdem stolz auf seine berühmten Studenten und Professoren: An den alten Fachwerkhäusern in der Innenstadt erinnern Schilder an die bekannten Bewohner. Jacob und Wilhelm Grimm lehrten und forschten ebenso in Göttingen wie Carl Friedrich Gauß und Georg Christoph Lichtenberg. Nach ihrer Gründung 1737 entwickelte sich die Georg-August-Universität zu einer Vorzeigehochschule der Aufklärung, an der das Ideal von freier Forschung und Lehre verwirklicht wurde. Die zweite große Blütezeit der Göttinger Universität fällt ins erste Drittel dieses Jahrhunderts: Im Bereich der Naturwissenschaften konnte die Georgia Augusta epochemachende Entdeckungen vorweisen. Weltbekannte Forscher und spätere Nobelpreisträger wie Max Born, James Franck und Werner Heisenberg trugen zum viel beschworenen "Geist von Göttingen" bei.

Vom Ruhm der Vergangenheit zehrt die Universität Göttingen noch immer. "Unser Problem heute ist: Wir dürfen uns auf der Geschichte nicht ausruhen, sondern müssen sie konstruktiv weiterentwickeln", fordert Kern. Auch im Ausland wirkt der Ruf der Göttinger Universität als Mekka der (Natur-)Wissenschaften noch fort. Fast ein Zehntel der Studierenden kommt aus dem Ausland, darunter viele aus Amerika und Asien. Einer von ihnen ist Chian-Ming Liu aus Taiwan, der seit fünf Jahren in Göttingen Mathematik studiert. "Göttingen ist bei uns in Taiwan sehr bekannt", erzählt er. "Besonders berühmt ist die Universität für das Fach Mathematik." Trotz internationalem Renommée, einem großen Fächerangebot und wichtigen Forschungsschwerpunkten wird die Georgia Augusta bei den jährlichen Hochschul-Rankings höchstens im Mittelfeld plaziert. Die Ursache darin sehen Viele in den spezifischen Problemen einer Massen-Universität: Vorlesungen und Seminare sind überfüllt, viele Studenten lernen ihren Professor erst kurz vor dem Examen kennen. "Manche Professoren sind sehr beliebt. Es wird ausgelost, welche Studenten bei ihnen Diplom machen können", berichtet die BWL-Studentin Christiane Brauns. Doch der allgemeine Trend ist positiv: Die Studentenzahlen sinken seit einigen Semestern. Im letzten Wintersemester waren knapp 26 000 Studierende in Göttingen immatrikuliert. "Mit überfüllten Vorlesungen habe ich auch in Medizin keine Probleme. Ich bekomme immer einen Sitzplatz", sagt Alexander Weismann. In den ersten Semestern haben die Studierenden allerdings oft erheblich mit dem Gefühl der Vereinsamung und Integrationsproblemen zu kämpfen, was auch von Uni-Präsident Kern erkannt wurde: "Wir wollen uns bemühen, die Probleme in der Studieneintrittsphase sensibler wahrzunehmen und zu korrigieren."

Um die erste Zeit an der Universität zu erleichtern, bieten Studenten höherer Semester in vielen Fächern Orientierungsphasen an. Dabei werden die Erstsemester nicht nur mit Hörsälen, Bibliotheken und Mensen vertraut gemacht, sondern auch mit den vielen Studentenkneipen. In Göttingen ist die studentische Atmosphäre weitaus stärker ausgeprägt als in den Großstädten: Studentenmilieu in Reinform sozusagen. Mit ihren 130 000 Einwohnern bleibt die Stadt überschaubar und gemütlich. Und von der Universitätsbibliothek in die nächste Kneipe sind es nur wenige Minuten.Zahlen: 25 945 Studierende im Wintersemester 1998/99, davon 2471 ausländische Studierende. 8000 Mitarbeiter insgesamt, davon 2068 Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter.

Organisation: 13 Fakultäten. Die größte ist die Philosophische Fakultät (5400 Studierende), gefolgt von Wirtschaftswissenschaften (5300), Medizin (4200) und Jura (3600).

Forschung: Neun Sonderforschungsbereiche, sieben Graduiertenkollegs. Drittmittel 1998: knapp 70 Millionen Mark. Universitätsnahe Forschungsinstitute: Max-Planck-Institute für Geschichte, experimentelle Medizin, biophysikalische Chemie und Strömungsforschung; Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt; Institut für den wissenschaftlichen Film. Anschrift: Georg-August-Universität Göttingen, Postfach 3744, 37027 Göttingen; Telefon: 0551-39-0.

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