Gesundheit : „Die Universitäten stecken in einer Zwangsjacke“

Warum gibt es in Deutschland keine Elite-Hochschulen? Der Wissenschaftsberater Daniel J. Guhr kritisiert die Übermacht der Verwaltung

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Daniel Guhr, 36, ist Geschäftsführer einer internationalen Wissenschaftsberatung mit Sitz in San Diego/Kalifornien und München, der Illuminate Consulting Group.  Nach dem Studium in Bonn, Harvard, Brandeis, Oxford, UC Berkeley und dem MaxPlanck-Institut für Bildungsforschung in Berlin arbeitete er als Strategieberater für die Boston Consulting Group.  Sein Studium finanzierte er mit über einem Dutzend Stipendien. Er promovierte zum Thema „Hochschulzugang in Deutschland und Kalifornien“.

Herr Guhr, warum hat Deutschland keine Eliteuniversitäten wie die USA?

Dafür gibt es zum einen historische Gründe. Die gesamte deutsche Hochschullandschaft ist Ausdruck des Sozialstaates. In den sechziger Jahren gab es das Wort von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, das jahrzehntelang gültig blieb. Die Bonner Republik wollte die Gleichheit der Bürger auf hohem Niveau, man verstand Bildung als Sozialaufgabe, aber nicht als Innovationsaufgabe. Auch sollten alle Universitäten gleich sein. Doch was gleich ist, kann nicht exzellent sein.

Die Politik hat zu viel Einfluss auf die Hochschulen genommen?

Ja. In Deutschland werden Bildung und Wissenschaft überwiegend von der Verwaltungsebene dominiert. Es gibt zu viele institutionelle Vetopunkte: Die Entscheidungsfreiheit der Hochschulen geht zwischen all den Konferenzen und Kommissionen wie der Hochschulrektorenkonferenz und der Kultusministerkonferenz verloren. Das System ist rechtlich extrem stark ausdifferenziert, die Hochschulen befinden sich in einer Zwangsjacke aus Beamten- und Besoldungsrecht und öffentlicher Haushaltsführung. All das zusammen macht Innovationen nahezu unmöglich.

Sind die deutschen Unis wirklich so schlecht? Manche erfreuen sich doch durchaus eines guten internationalen Ansehens.

Die deutsche Universität profitiert noch von ihrem alten guten Ruf. Aber es ist leider eine Tatsache, dass die Unis als Forschungseinrichtungen international nicht wettbewerbsfähig sind, abgesehen von einigen dünn gesäten Instituten etwa in Bonn, Mannheim, München oder auch der FU Berlin. Die Harvard-Universität hat unter ihren jetzigen Professoren mehr Nobelpreisträger als die deutschen Unis zusammen in den letzten 20 Jahren hervorgebracht haben. Allerdings gibt es in Deutschland international anerkannte Spitzenleistungen an vielen Fraunhofer- und Max-Planck-Instituten. Diese sind aber außerhalb der Hochschulen angesiedelt.

Müssen solche Leuchttürme nicht bevorzugt gefördert werden?

Natürlich. Es hat keinen Sinn, wenn 100 Universitäten versuchen, brillante Naturwissenschaften vorzuhalten. Das ist unbezahlbar. Man muss die im internationalen Vergleich besten Hochschulen und Forschungseinrichtungen besonders fördern – und das kann übrigens auch Fachhochschulen beinhalten. Staatlich eine Elite-Uni zu verordnen wie die SPD das will, hilft aber nicht. Das ist ein steuerungspolitischer Ansatz aus dem 19. Jahrhundert. Für die Universitäten ist aber Freiheit wichtig. In den USA sind über zwei Drittel der besten fünfzig Universitäten privat und genießen größte Autonomie.

Welche Rolle spielt das Geld bei der Elitenbildung?

Eine gewaltige. Die besten Wissenschaftler und Studenten muss man bezahlen können. Der Harvard-Universität gehört ein Vermögen von über 19 Milliarden Dollar, Yale besitzt etwa elf Milliarden. Diese beiden Universitäten haben also zusammen mehr Geld als in Deutschland Bund und Länder zusammen für Hochschulen ausgeben.

Die öffentliche Hand in Deutschland kann offenbar nicht mehr Geld für die Hochschulen aufbringen.

Ja, und die Lage wird immer ernster. Im Augenblick erleben wir eine langfristige Umschichtung von Geld vom Bildungs- in das Renten- und Gesundheitssystem.

Also müsste privates Geld Bildung und Forschung finanzieren helfen?

Das ist richtig. Es muss Politiker geben, die den Mut haben, den Menschen jetzt die Wahrheit zu sagen.

Sie sprechen von Studiengebühren?

Genau. Studiengebühren sind unvermeidlich, und in wenigen Jahren wird es sie auch in Deutschland geben. Allerdings steht zu befürchten, dass die öffentliche Hand dann die Mittel für die Unis noch weiter kürzen wird.

Das ist aber ein wichtiges Argument gegen Studiengebühren.

Es ist eine traurige Ironie, dass Deutschland in Jahrzehnten des hohen Wohlstands in den Hochschulsektor zu wenig investiert hat und nun aus der Not heraus solche Gebühren wird einführen müssen. Es ist zu hoffen, dass dennoch mehr Geld als bislang bei den Hochschulen bleibt. So war es auch in Australien, wo es gelungen ist, dank Gebühren den Hochschulen mehr Handlungsfreiheiten einzuräumen. Inzwischen sind australische Hochschulen dabei, amerikanischen Eliteuniversitäten Studenten abzujagen.

Bei uns befürchtet man, Gebühren würden zur Benachteiligung unterer Schichten führen.

Wenn wir ehrlich sind, bedeutet gerade das gebührenfreie Studium einen Sozialtransfer von den schlechter verdienenden Schichten zu den Mittelschichten. In Australien gibt es seit der Einführung von Gebühren sogar viel mehr Studenten aus den unteren Schichten. Denn einerseits gibt es in dem System eine starke Stipendienkomponente. Andererseits herrscht Klarheit über die zu erwartenden Gesamtkosten. Diese Klarheit ist gerade für bildungsferne Schichten wichtig. Sie wissen jetzt genau, was sie für ihr Geld bekommen. Außerdem wird es in Deutschland nie Gebühren von 37 000 Dollar im Jahr geben wie in den USA. 3000 Euro im Jahr sind dem Mittelstand zuzumuten. Dabei sollte es Universitäten freigestellt sein, über die Höhe der Gebühren selbst zu entscheiden

Wie können Sie so sicher sein, dass die Gebühren in Deutschland nicht schnell in astronomische Höhen klettern werden?

So traurig es ist: Die Leistung deutscher Unis wäre so viel Geld gar nicht wert.

Zur Berliner Debatte: Die Stadt ist pleite. Der Finanzsenator hat die Unis aufgefordert, eindeutige Profile zu setzen. Kein Fach soll mehrfach angeboten werden. Wäre das eine Chance, effizienter zu arbeiten?

Nein, das hat doch mit Leistung nichts zu tun. Nur weil ich die Mittel an einer Uni kürze, wird doch die andere dadurch nicht besser. Der Humboldt- und der Freien Universität den Status von Volluniversitäten wegzunehmen hieße, dass sie im internationalen Reigen der großen Forschungsuniversitäten nicht mehr mitspielen können. Niemand in den USA könnte sich eine Debatte vorstellen, in der der Governor of Massachusetts Harvard und das MIT auffordert, Fachbereiche zu streichen. Berlin hätte als Wissenschaftsstandort große Chancen, zur Zeit wird aber die Zukunft Berlins kaputtgekürzt.

Wo sehen Sie Versäumnisse der Berliner Unis, effektiver zu werden?

Wenn ich alle Versäumnisse aufzählen würde, müssten wir stundenlang reden. Nur einige Beispiele. Die Leistungsfähigkeit der Verwaltungen ist mangelhaft und oft nicht besonders professionell. Die Pflege der Ehemaligen, von denen etwa die Harvard-Universität bis zu mehreren hundert Millionen Dollar im Jahr geschenkt bekommt, ist immer noch katastrophal. Genau so schwach sind die Unis im Fundraising, wobei die FU hier in den USA einen innovativen Weg geht. Aber ob eine Uni erfolgreich ist, hängt auch von ihrem Führungsteam ab.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

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