Gesundheit : Die Universitätsstadt Marburg hat sich zu einem Zentrum für sehbehinderte Hochschüler entwickelt

Roland Löffler

Die Ampel summt. Langsam rollt ein kleiner Ball an einem langen Stock über die Bordsteinkante und folgt fast parallel der mit Noppen bestückten Begrenzungslinie des Fußgängerüberweges. Ein alltägliches Bild in Marburgs Innenstadt: Ein Blinder überquert sicheren Schrittes eine Hauptverkehrsstraße.

Wie keine andere Universitätsstadt hat sich Marburg in diesem Jahrhundert zu einem Zentrum für sehgeschädigte Nachwuchsakademiker entwickelt. Die meisten von ihnen sind Absolventen der renommierten Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA). Neben einer vergleichbaren Schule in Königs Wusterhausen ist die BliStA das einzige Gymnasium in der Bundesrepublik speziell für Blinde und Sehbehinderte. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte der durch einen Unfall erblindete Marburger Philologiestudent Carl Strehl die Reichsregierung in Berlin überzeugen können, "an einem zentral gelegenen Ort Deutschlands" eine Bildungsstätte insbesondere für Kriegsblinde aufzubauen, die dann 1917 in Marburg eröffnet wurde.

150 der knapp 500 blinden oder sehbehinderten Studierenden in Deutschland sind an der Philipps-Universität eingeschrieben. Sie studieren an fast allen Fachbereichen; traditionell stärkstes Fach sind die Rechtswissenschaften mit ungefähr 40, gefolgt von der Pädagogik mit knapp 30 Studierenden. Der wohl prominenteste blinde Absolvent der hessischen Traditionsuniversität ist deshalb auch ein Jurist: der ehemalige Vizepräsident des Bundessozialgerichts in Kassel, Erwin Brocke.

Dass nur wenige blinde Naturwissenschaften studieren, hat für Franz-Josef Visse, Beauftragter der Universität für behinderte Studenten und selber blind, vor allem praktische Gründe: "Bei einer Physik-Vorlesung werden nicht alle angeschriebenen Formeln angesagt, Experimente in Chemie sind allein kaum machbar und Mathematikbücher können schlecht eingescannt werden."

Genau dieses Problem kennt auch Oliver Nadig, Psychologie-Student im 10. Semester, nur zu gut. Der 25jährige Saarbrücker muss für seine Diplom-Arbeit mit statistischen Methoden arbeiten, die für einen Blinden selbst mit einem Computer nur schwer zu handhaben sind. Die Behinderung führe aber auch dazu, neue Fähigkeiten zu entwickeln, sagt Oliver: "Als Blinder muss man drei Dinge sehr früh lernen: Von vornherein immer mehr Zeit einzuplanen, im Team zu arbeiten und Helfer anzuleiten." Die Vermittlung von Studienhelfern gehört zu Visses Aufgaben: "Wir haben studentische Hilfskräfte, die mit in die Bibliotheken gehen, bei der Literatursuche helfen, querlesen und auch mal kürzere Texte auf Kassette sprechen."

Die 24jährige Andrea Katemann, die im 6. Semester Politik und Deutsch studiert, nimmt diesen Service gerne in Anspruch, legt aber Wert auf fachlich geschulte Helfer: "Wenn ich mich mit Mediävistik beschäftige, dann muss mein Vorleser Mittelhochdeutsch können, denn dabei kommt es auf die Feinheiten an." Auf der Suche nach Literatur kann sich Andrea an drei Stellen in Marburg wenden: Die beste Quelle für blindengerechte Literatur ist die Selbsthilfeorganisation "Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf" (DVBS), die ein Audioarchiv mit 5000 Titeln verwaltet, einen Aufspracheservice anbietet, verwaltet und sich im Bereich "Blinde und Multimedia" engagiert. In der BliStA-Bibliothek gibt es zwar 60000 Bände in Brailleschrift, von denen jedoch nur wenige für das Studium zu gebrauchen sind. Die Universitätsbibliothek hat in einem Modellversuch von 1989 bis 1992 mehr als 570 wissenschaftliche Bücher für Sehgeschädigte entweder durch Aufsprache auf Kassetten, Umsetzung in Brailleschrift oder Großdruck zugänglich gemacht.

Auch die Philipps-Universität hat seit 1989 neben Arbeitsplätzen mit konventionellen Hilfsmitteln wie Bildschirmlesegeräten oder Kassettenrekordern mit Signaltongeber mittlerweile auch 13 blindengerechte Computer aufgestellt. Die PC besitzen elektronische Braillezeilen, synthetische Sprachausgaben, Scanner und Brailledrucker.

In Marburg hat man sich auf Blinde eingestellt. Für die Mehrzahl der Professoren ist es selbstverständlich, Blinden mehr Zeit in den Examen einzuräumen oder schriftliche in mündliche Prüfungen umzuwandeln. In vielen Restaurants gibt es Speisekarten in Blindenschrift, und die Stadtverwaltung hat sogar taktile Stadtpläne angefertigt. Oliver Nadig erlebt aber auch die Kehrseite der Medaille: "Die Marburger haben sich so sehr an die Blinden gewöhnt, dass sie häufig gleichgültig auf uns reagieren. In anderen Städten ist man viel eher ein Exot, da sind die Leute neugieriger. Das hat den angenehmen Vorteil, dass einem öfter geholfen wird."

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