Gesundheit : Die unsterbliche Stadt

Hier erfand man die Schrift, hier rollte das erste Rad – Uruk. Jetzt schützen Streitkräfte den mythischen Ort im Irak

Michael Zick

Japanische Soldaten – Teil der alliierten Truppen im Irak – suchten im Süden des gebeutelten Landes eine zivile Aufgabe und wurden fündig: Sie zogen einen Zaun um den Ort Warka und verstärkten die dortigen Wachposten. So könnte die antike Stätte vor Raubgräbern geschützt werden sowie vor der Naivität militärischer Simpel. Die zerstören mit ihren Camps, Lkws und Panzern gerade endgültig große Teile des unausgegrabenen Babylons: Wenn man an der Oberfläche nichts sieht, so die Auffassung, dann sei da ja wohl auch nichts. Tatsächlich aber verdichten sie mit ihren seit Monaten anhaltenden Aktivitäten den Untergrund derart, dass wohl vieles Verborgenes endgültig vermanscht wird.

Ähnlich wie in Babylon ist in Warka erst ein Bruchteil des kulturellen Welterbes ausgegraben. Warka ist der moderne Name für Uruk, die erste Großstadt der Menschheit. Hier lebte der Mythenheld Gilgamesch, sinnierte über den Sinn des Lebens und widerstand den Avancen der heißblütigen Göttin Ischtar. Hier wurde vor über 5000 Jahren die Schrift erfunden, hier rollte das erste Rad. Die Keimzelle unserer zivilisatorischen Entwicklung existierte von etwa 3700 v. Chr. bis ins fünfte nachchristliche Jahrhundert – 4200 Jahre kontinuierliche Geschichte. „Und dennoch kennt kaum einer Uruk“, konstatiert Margarete van Ess. Das möchte die Wissenschaftliche Direktorin der Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, DAI, in Berlin ändern. 2001 begann sie mit Oberflächenuntersuchungen und geophysikalischen Erkundungen und stieß bald auf sensationelle Ergebnisse: Neben der Bestätigung zweier großer Tempelbezirke, einer Riesenmauer und anderer monumentaler Bauten schälte sich heraus, dass Uruks Stadtgebiet von einem Netz von Kanälen durchzogen ist.

Mindestens zwei breite Hauptkanäle mit zahlreichen Seitenarmen – errichtet aus luftgetrockneten Lehmziegeln – gliederten die Heimatstadt der ungestümen Kriegs- und Liebesgöttin Ischtar. Der Irakkrieg und die anhaltenden Unruhen beendeten vorerst die weitere Erkundung der aufregenden Entdeckung. Eines ist schon jetzt sicher: „Die Uruk-Leute hatten ein ausgeklügeltes Wassermanagement“, so die Berliner Archäologin – und das vor weit über 5000 Jahren.

Von Assur, der Metropole des ersten antiken Weltreiches, war damals noch nichts zu ahnen. Von Babylon, Synonym für antike Kultur und menschliche Hybris, war noch nichts zu sehen. Aber im Süden des Zweistromlandes, in den weiten Schwemmgebieten von Euphrat und Tigris, startete die Zivilisierung des Menschen durch.

Da sie gelernt hatten, mit der Urgewalt des Wassers umzugehen, konnten die Menschen in Südmesopotamien sich das lebensspendende Nass mit ausgeklügelten Bewässerungssystemen für die Landwirtschaft nutzbar machen. Es gab ausreichend Nahrung, die Bevölkerung wuchs rapide, aus Dörfern wurden Siedlungen. Die Arbeitsteilung setzte ein, und die gesellschaftlichen Strukturen differenzierten sich. Handwerk und Fernhandel brachten Reichtum. Eine Elitegruppe investierte – im Namen einer Gottheit – in Kunst und Kultur.

Uruk, die Stadt der Ischtar, schwang sich zur Nummer eins der südmesopotamischen Stadtstaaten auf. Van Ess: „Uruk war eine Großstadt und spielte vermutlich auch politisch eine Rolle.“ Die Zeugnisse der Uruk-Kultur – Architekturformen und Keramik – finden die Archäologen von Ostanatolien bis zum Persischen Golf, in Syrien und sogar in Ägypten. Manche Forscher sprechen gar von Uruk-Kolonien. Um 3200 v. Chr. war die Stadt so groß wie heute Tübingen.

Im „Eanna“, Ischtars 300 mal 300 Meter großem Tempelkomplex in Uruk, fanden Archäologen Tausende von Siegelabdrücken und beschriebenen Tontafeln. Die Schrift war aber offensichtlich nicht dafür gedacht, Sprache wiederzugeben. Sie diente den Tempelbürokraten allein für die Kontrolle des offenbar immensen Warenein- und -ausgangs. Als um 2500 v. Chr. die Schrift auch Sprache wiedergab, entdeckten die Autoritäten die Vorteile der Schriftlichkeit – in ersten Inschriften vermeldeten die Herrscher nun ihre Siege über benachbarte Stadtfürsten und ihre innenpolitischen Großtaten, etwa die Entwässerung der Sümpfe oder den Bau der Stadtmauer.

Als fünfter König von Uruk wird in den Annalen Gilgamesch aufgeführt. Die Mythe von dem ersten Menschen, der „ich“ sagte und auf der faustischen Suche nach dem Sinn des Lebens den Zorn der Götter nicht fürchtete, ist um 2000 v.Chr. in Keilschrift festgehalten worden. Die Erzählung bestand wohl zunächst aus mehreren Einzelgeschichten und war weit über das südliche Mesopotamien hinaus verbreitet.

Um 1200 v. Chr. formte ein babylonischer Dichter aus den mündlich tradierten Einzelteilen ein durchgängiges Epos. Dessen Tontafel-Abschrift klaubte der britische Archäologe Austen Henry Layard 1849 in Bruchstücken vom Boden der Bibliothek Assurbanipals, des letzten großen assyrischen Königs und Literaturliebhabers (668 bis 627 v. Chr.). Das Wort „Sintflut“ stach dem Gelehrten ins Auge – und bald war klar, dass die Verfasser des Alten Testaments bei ihrer Erzählung der „biblischen Sintflut“ abgekupfert hatten, nur hieß Noah bei den alten Babyloniern anders: Utnapischtim.

Was den heutigen Leser an der über 4000-jährigen Geschichte fasziniert, ist die modern anmutende Mischung aus des Menschen Kampf mit den Naturgewalten, Sexualität und Freundschaft als Überwindung der Naturtriebe, der Suche nach dem Sinn des Lebens und dem Wunsch nach Unsterblichkeit.

Am Ende seiner Lehr- und Wanderjahre erkennt der zunächst nur kraftmeiernde Gilgamesch, dass der Mensch nicht für die Unsterblichkeit bestimmt ist. Gereift kehrt er in seine Stadt Uruk zurück und erfreut sich am Bau „seiner“ Stadtmauer – sie wird ihn unsterblich machen. Margarete van Ess möchte sie gern ausgraben.

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