• Die Vergangenheit in einer Schuhschachtel Frühmenschen-Funde sind rar – dieser stammt aus einer Zeit, die bisher kaum erforscht ist

Gesundheit : Die Vergangenheit in einer Schuhschachtel Frühmenschen-Funde sind rar – dieser stammt aus einer Zeit, die bisher kaum erforscht ist

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Von Henry Gee, London

Es ist Jahrzehnte her, seit der südafrikanische Anatom Raymond Dart einen höchst eigentümlichen Schädel beschrieb. Der Fund befand sich in einer Schachtel voller Fossilien, die man ihm zugeschickt hatte; sie stammten aus einer Kalksteingegend in Transvaal, einer nördlichen Provinz Südafrikas.

Der Schädel war von einem Affenbaby, Dart jedoch war davon überzeugt, dass es sich dabei um einen ganz besonderen Affen handelte. Das Fossil schien ihm das Relikt einer Entwicklungsstufe zwischen Affe und Mensch zu sein – was er da vor Augen hatte, war ein „missing link“, ein verlorenes Bindeglied.

Dart taufte den Fund „Australopithecus africanus“, übersetzt: der südliche Affe von Afrika. Der Anatom brachte die Entdeckung zu Papier und schickte das Manuskript an „Nature“. Es wurde – unter heftigem Widerspruch – veröffentlicht.

Keiner der Experten in London glaubte den Bericht, der ihnen aus einem etwas obskuren Teil der Welt überliefert wurde. Man war fest davon überzeugt, dass Dart schlicht einen fossilisierten Affen gefunden hatte.

Darts Entdeckung kam zu einer Zeit, als nur wenig über unsere Ursprünge bekannt war. Alles, was man damals kannte, waren: die Neanderthaler, der „Java-Mensch“ (später: „Homo erectus“) und der Piltdown-Schädel (der sich als Fälschung herausstellte). Auf Dart folgten dann Wissenschaftler wie Robert Broom und Louis Leakey. Sie und andere entdeckten eine Fülle von hominiden Fossilien, Mischungen zwischen Affen und Menschen, die in Süd- und Ostafrika lebten, vor fünf bis zwei Millionen Jahren. Erst danach tauchten echte Menschen, tauchte die Spezies „Homo“ auf.

Die jetzige Veröffentlichung in „Nature“ erinnert an den Fund von Dart: Wieder handelt es sich um einen merkwürdigen, nie zuvor gesehenen Schädel. Wieder stammt er von einem Ort, an dem man einen solchen Fund nie erwartet hätte. Darüber hinaus sind die Wissenschaftler, die das Fossil gefunden haben, kaum bekannt. Und doch wird ihre Entdeckung weitreichende Folgen für das Verständnis unserer Ursprünge haben.

Wie Darts Fund vor 77 Jahren geschah die erstaunliche Entdeckung an einem Ort, wo nur wenige gewagt haben, zu suchen: Diesmal in der unwirtlichen Wüste im Norden Tschads, am südlichen Rand der Sahara.

An diesem Punkt trennen sich die Geschichte von Dart und die heutige.

Denn Dart sah sich mit einem tief greifenden Skeptizismus konfrontiert. Den Schädel aber, den Michel Brunet und Patrick Vignaud von der Universität Poitiers in Frankreich gefunden haben, wird man voller Zustimmung begrüßen.

Daniel Lieberman von der Harvard-Universität etwa meint, der Fund werde einschlagen „wie eine kleine Atombombe“.

Der Kose steht bereits fest: „Toumaï“. Das ist der Name, den man in der Fundgegend Kindern gibt, die in der gefährlichen Zeit geboren werden, wenn die Trockensaison beginnt.

Was aber ist das bahnbrechende an diesem Fund? Es ist vor allem die Zeit. Toumaï stammt aus dem kritischen Intervall der menschlichen Evolution, über das wir so gut wie nichts wissen. Vor zehn Millionen Jahren war die Welt voller Affen. Und es gibt solide Funde, die zeigen, dass es vor fünf Millionen Jahren Hominiden (Menschenartige) gab. Innerhalb dieser Zeit hat sich die Entwicklungsgeschichte getrennt, eine Linie führte zum Schimpansen, eine andere zu uns. Und doch fallen die Funde innerhalb dieser gesamten Zeitspanne frustrierend spärlich aus – die Fragmente, die es gibt, passen in eine Schuhschachtel. Toumaï und eine zusätzliche Kollektion von Kiefern werden diese Lücke mit neuem Wissen füllen – und unser Verständnis der menschlichen Ursprünge in einer Weise bereichern, wie wir es jetzt noch gar nicht abschätzen können.

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