Gesundheit : Die Verlagerung einer Professur von der HU an die Freie Universität schürt Ärger und Zukunftsängste

Tilmann Warnecke

Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Berliner Hochschullandschaft sorgen für neue Aufregung: Die Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität sehen sich durch Pläne, eine bisher vakante Professur an die Freie Universität zu verlagern, in ihrer Existenz bedroht. "Der Studiengang wäre damit am Ende, denn der Wissenschaftsrat hält einen Studiengang mit nur einer Professur nicht für sinnvoll", kommentiert Direktor Wolfgang Mühl-Benninghaus. Seine Professur wäre die einzige, die an der HU-Theaterwissenschaft verbliebe.

Dem Wissenschaftsrat wirft Mühl-Benninghaus eine "nicht qualifizierte Aussage" vor - die Gutachter hätten sich über die HU-Theaterwissenschaft nicht richtig kundig gemacht. "Es kann nicht sein, dass in einem Papier von etwa 170 Seiten zur Theaterwissenschaft nur ein einziger Satz steht, während alle anderen Vorschläge teilweise seitenweise begründet werden." Immerhin habe sein Fach innerhalb der Kulturwissenschaften an der HU die meisten Drittmittel eingeworben. Fachschaftsmitglied Jutta Behnen geht noch einen Schritt weiter: "Es gibt zwei Fakten. Die Direktorin der FU-Theaterwissenschaften, Erika Fischer-Lichte, sitzt im Wissenschaftsrat. Und es steht dieser eine Satz in der Empfehlung, ohne weitere Analyse. Da kann man doch eins und eins zusammenzählen."

Das Institut der Freien Universität ist mit fünf Professuren die größere der beiden Berliner Theaterwissenschaften. Der Ärger unter den betroffenen Studenten ist groß. "Keiner von uns hat noch eine Perspektive, wenn der Studiengang aufgelöst wird", erregt sich Behnen. "Unser Fach existiert doch so gar nicht an der FU", ergänzt Nadja Friederici, die kurz vor der Zwischenprüfung steht. Theaterwissenschaft ist in Berlin nicht gleich Theaterwissenschaft. Die Humboldt-Universität führt den etwas sperrigen Zusatz "Kulturelle Kommunikation" im Namen ihres Studiengangs - nicht ohne Grund. "Bei uns liegt der Schwerpunkt auf der kulturellen Wechselwirkung zwischen Theater und den anderen Medien", erläutert Mühl-Benninghaus. Die Konzeption der beiden Studiengänge sei grundsätzlich verschieden. An der FU in Steglitz liege der Schwerpunkt auf der klassischen Theaterwissenschaft - mit Themen wie Geschichte, Theorie und Ästhetik des Theaters.

Mit den Theaterwissenschaftlern in Mitte kooperieren nicht nur die großen Berliner Theater wie die Volksbühne, deren Chef Frank Castorf Absolvent an der HU war. Medien wie n-tv, Berliner Rundfunk oder Sat 1 halten regelmäßig Seminare im Insitut in der Sophienstraße ab. Jüngstes Beispiel: Der englische Wissenschaftssender "Einstein Channel" hat sich nach einer deutschlandweiten Suche die HU-Theaterwissenschaft als Partner ausgesucht. Die Studenten sollen einen Teil des im Digital-TV ausgestrahlten Programms gestalten. Behnen: "Theaterwissenschaft kann man doch heute nicht mehr als Orchideenfach studieren."

Die Studentin Friederici ist vom Arbeitsamt Mainz extra an die HU geschickt worden - "die Kombination Theater und Medien gab es sonst nirgendwo in Deutschland". An der Humboldt-Universität - dem ältesten Theaterinstitut im deutschsprachigen Raum - ist die vakante Professur seit der Emeritierung des langjährigen Direktors Joachim Fiebach 1997 durch Gastprofessuren besetzt worden. Schon damals machten Gerüchte um eine Auflösung des Faches an der HU die Runde. FU-Direktorin Fischer-Lichte war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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