Gesundheit : Die Veröffentlichung der Promotion im Netz ist günstig, aber nicht jeder Verlag druckt sie hinterher

Martin Raasch

"Ich habe nicht vor, in der Wissenschaft zu bleiben." So erklärt Vital Anderhub seinen Schritt ins Netz. Als erster Wirtschaftswissenschaftler an der Humboldt-Universität entschied er sich letztes Jahr, seine Doktorarbeit im Internet zu veröffentlichen. "Entscheidend war für mich der Preis, nicht das Prestige," so Anderhub. "Ich habe dafür nicht ganz 100 Mark bezahlt." Lediglich vier Exemplare muss anfertigen, wer die Veröffentlichungspflicht über das Internet abgleichen will. Die preiswerteste Methode, außerhalb des Internets zu veröffentlichen ist fünfmal teurer und ein Verlag verlangt oft über 10 000 Mark für eine "echte" Buchauflage. Die Veröffentlichung der Doktorarbeit ist in Deutschland die Voraussetzung für die Erlangung des Doktortitels.

Eine rasch steigende Zahl von Promovenden entscheidet sich dafür, die Arbeit nicht mehr in klassischer Buchform zu publizieren, sondern greift auf das Internet zurück. Rechtlich ist die Möglichkeit für diese Form der Veröffentlichung seit 1999 an allen drei Berliner Universitäten gegeben. Von nun an kann jeder die Publikationspflicht auf dem Server der Promotions-Uni erfüllen. Dazu müssen noch eine kleine Anzahl gebundener Exemplare bei der Hochschulschriftenstelle eingereicht werden und schon wird aus dem "Dr. des." ein vollwertiger Doktor.

Für die meisten Promovenden ist mit der Verleihung des Titels das Ziel der Arbeit erreicht. Der Abschluss wird häufig benutzt, um bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Doch was in den Naturwissenschaften bereits Tradition hat, setzt sich in den Geisteswissenschaften erst zögerlich durch. Zu groß ist das Misstrauen der wissenschaftlichen Zunft gegenüber dem ortlosen Internet. "Doktorarbeiten in geisteswissenschaftlichen Fächern im Internet sind wissenschaftlich nahezu bedeutungslos. Der Wissenschaftsbetrieb ist auf eine ISBN-Nummer hinter jeder Publikation angewiesen", sagt Professorin Helga Haftendorn vom Otto-Suhr-Institut. "Ich arbeite viel und gerne mit dem Internet, doch solange eine zentrale Erfassung der Neuerscheinungen nicht möglich ist, können wir die Menge der Neuerscheinungen nicht bearbeiten."

Das soll sich jedoch in den nächsten ein bis zwei Jahren ändern. In einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft seit 1997, unter anderem an der Humboldt-Universität, versuchen Informatiker, Bibliothekswissenschaftler und Vertreter der einzelnen Fachwissenschaften Richtlinien für die digitale Dissertation zu erarbeiten. Mit der Suchmaschine "Harvest" soll es möglich werden, Themen gezielt aufzuspüren. Ein System von Signaturen soll garantieren, dass ein Zitat auch in zehn Jahren noch an der selben Stelle zu finden ist. Die Vorteile liegen auf der Hand. Verhältnismäßig niedrige Publikationskosten steht einer nahezu unbegrenzten Reichweite gegenüber. Zudem können Informationen multimedial eingebunden werden. Wenn Geologen das Geräusch einer berstenden Erdscholle vorführen möchten, oder der Treibhaus-Effekt in einer dreidimensionalen Grafik verdeutlicht werden soll, bieten digitale Darstellungen Möglichkeiten, die das Papier nicht aufweist. Arbeiten sind leichter auf Schlüsselwörter hin durchsuchbar, und man kann sie auch noch lesen, wenn alle Bibliotheken bereits das Licht ausgeknipst haben.

Trotzdem ist es für die meisten Promovenden in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern eine schwierige Entscheidung, die Dissertation im Netz zu platzieren. Peter Helmberger, Promovend am Institut für Geschichte der Humboldt-Universität, arbeitet für das Netzwerk "HsozKult", einer Wissensressource für Geistes- und Sozialwissenschaftler. Trotzdem hat er Bedenken, seine Arbeit online zu veröffentlichen, weil er in der Wissenschaft bleiben möchte.

Viele renommierte Wissenschaftsverlage veröffentlichen Doktorarbeiten nur, wenn sie zuvor weder auf Microfiches noch im Internet erschienen sind. Ingrid Bührig vom Verlag Duncker & Humblot begründet: "Unsere wichtigste Kundschaft, Bibliotheken und wissenschaftliche Einrichtungen, sind nicht mehr daran interessiert, eine Arbeit anzuschaffen, wenn sie im Internet vorliegt. Der Markt ist dann gesättigt." Der Peter-Lang-Verlag ist zu einer differenzierten Strategie übergegangen. Dort geht man davon aus, dass eine gute Doktorarbeit, die im Internet steht, irgendwann in Buchform nachgefragt wird.

Doch der Platz für die eigene Dissertation bestimmt häufig über Wohl und Wehe der wissenschaftlichen Laufbahn. "Wer vorhat, in der Wissenschaft zu bleiben, sollte die Frist für die Veröffentlichung möglichst ausnutzen, um einen guten Verlag zu finden. Wer in einer guten Schriftenreihe publi-ziert, der hat es nachher leichter", sagt Professorin Helga Haftendorn. Peter Helmberger sieht diese Entwicklung kritisch. "Wir befinden uns durch das starre Wissenschaftssystem in dem Dilemma, dass die mittelmäßigen Dissertationen weltweit abrufbar sind und in Sekundenschnelle durchsucht werden können, andererseits schaffen die Bibliotheken wegen der knappen Haushaltslage immer weniger Bücher an. Die guten und sehr guten Dissertationen sind daher schwer zu erhalten." Doch ein Buch bietet für den Autoren der Arbeit eine Reihe handfester Vorteile. "Ein Buch hat etwas repräsentatives. Man kann es denen geben, die einem geholfen oder gebremst haben. Man kann seinen Eltern beweisen, dass das Studium doch nicht ganz umsonst war und Bewerbungsgespräche laufen wesentlich besser, wenn die Dissertation dabei liegt."Berliner Online-Dissertationen findet man unter dochost.rz.hu-berlin.de/dissertationen/ (HU-Berlin), www.diss.fu-berlin.de/diss/ (FU-Berlin) oder edocs.tu-berlin.de/diss/index.html (TU-Berlin). Weitere Informationen zu den geplanten Standards für digitale Publikationen unter www.ndltd.org/ (Networked Digital Library of Theses and Dissertation)

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