Gesundheit : Die vierte Dimension

Etliche Künstler ließen sich von Einsteins Ideen beflügeln – er selbst stand der Moderne distanziert gegenüber

Paul Janositz

Vom Jahr 1919 an brachen sich die Gedanken Albert Einsteins auch in der Öffentlichkeit Bahn. Dank der Beobachtungen und Berechnungen bei einer Sonnenfinsternis ließ sich die allgemeine Relativitätstheorie erstmals bestätigen. Ein breites Publikum setzte sich nun mit den neuen Definitionen von Raum, Zeit, Energie oder Masse auseinander. Und fortan wurde der Physiker gerne als „mystischer Zeitreisender“ und „Träumer“ gesehen, wie die Kunsthistorikerin Linda Henderson von der Universität von Texas in Austin am Wochenende bei einer Konferenz des „Einstein-Forums“ in Kooperation mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ausführte.

„Die Künstler reagierten damals nicht sofort auf Einsteins Theorien“, sagte Henderson. Sie beschäftigten sich noch mit Entdeckungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts: mit Radioaktivität, Röntgenstrahlen oder drahtloser Telegrafie. Auch die Einführung einer vierten Dimension entstamme noch der Geometrie des 19. Jahrhunderts. Von solchen Gedanken seien etwa die Werke des französischen Künstlers Marcel Duchamp durchdrungen. In einem seiner Bilder zum Beispiel ist die schwebende Braut für die von der Schwerkraft festgehaltenen Verehrer unerreichbar.

Einstein selbst hatte ein distanziertes Verhältnis zu der künstlerischen Moderne, führt Jürgen Neffe in seiner gerade erschienenen Biografie „Einstein“ aus. Die künstlerische Sprache des Kubismus etwa hätte mit der Relativitätstheorie nichts gemein, urteilte Einstein, der auch in der Musik einen konservativen Geschmack hatte.

Die erste direkte künstlerische Reaktion auf Einstein kam, so Henderson, aus Berlin. Die Dadaistin Hannah Höch setzte 1920 Einsteins Porträt in ihre Collage „Mit einem Küchenmesser Dada aufgeschnitten aus der letzten Bierbauchkulturepoche Deutschlands“. Einstein als Symbol des Pazifismus im Verein mit den Dadaisten gegen den Militarismus.

Das Moment von Zeit, Bewegung und Gleichzeitigkeit war Thema der kinetischen Kunst, die Anfang der 20er Jahre in Berlin geschaffen wurde. Vorreiter war der russische Künstler Naum Gabo, der 1920 zusammen mit seinem Bruder Antoine das „Realistische Manifest“ verfasst hatte, das Henderson als „Meilenstein in der Entwicklung der kinetischen Kunst“ bezeichnete.

1922 kam Gabo nach Berlin, um die „Erste Russische Kunstausstellung“ zu installieren. Er hielt auch Vorlesungen am Bauhaus, ebenso wie der ungarische Künstler Lászlo Moholy-Nagy, dessen Studio zum Treffpunkt der Berliner Avantgarde wurde. Moholy-Nagy diskutierte mit Einstein die Herausgebe eines populärwissenschaftlichen Buches zur Relativitätstheorie, das im Bauhaus-Verlag erscheinen sollte. Das Projekt wurde nicht realisiert, doch beflügelt von den Ideen Einsteins schuf Moholy-Nagy 1930 den „Licht-Raum-Modulator“. „Er erforschte damit Lichtbrechungen und die Erzeugung dynamischer Formen im Raum“, sagte Henderson. Erst nach seinem Tod im Jahre 1946, als sich in den 50er und 60er Jahren die kinetische Kunst wieder in den Vordergrund drängte, sei diese Arbeit wirklich berühmt geworden.

Das gelang dem Surrealisten Salvador Dalí mit seinem Bild „Die Beständigkeit der Erinnerung“ (1931) schneller. Zerfließende Zifferblätter illustrieren die Unsicherheit über die Zeit, die im Alltag als für alle gleich angenommen wird, es in Einsteins Sichtweise aber nicht ist.

Eine moderne Interpretation des Zeitbegriffs stellte der in New York lebende Künstler Matthew Ritchie bei der Berliner Konferenz mit Arbeiten von Hiroshi Sugimoto vor. Der japanische Künstler fotografierte das Meer an verschiedenen Orten der Welt. Die Fotos tragen unterschiedliche Titel, doch die Abbildungen des Meeres aus Japan, der Karibik oder der Nordsee sehen nicht wirklich verschieden aus. „Die Begriffe von Ort und Zeit werden so in Frage gestellt“, sagte Ritchie.

Er selbst, erzählte Ritchie, habe sich Einstein quasi auf dem zweiten Bildungsweg genähert. Er sei Hausmeister in New York gewesen und habe keinerlei naturwissenschaftliche Kenntnisse gehabt. Dies änderte sich, als er die von den Studenten der New Yorker Universität ausgemusterten Bücher über Physik und Philosophie zu lesen begann. „Damals in den 90er Jahren war das Interesse an Kosmologie wieder groß“, sagt er. Einsteins Entdeckungen von 1905 und später die allgemeine Relativitätstheorie faszinierten ihn. Ein wenig einsam fühlt er sich mit dieser Leidenschaft schon. Viele Künstler ließen sich zwar von der Wissenschaft inspirieren, aber nur wenig von Einstein. Sie seien eher an Darwin interessiert, an Hirn- und Verhaltensforschung, an Chemie oder Genetik.

Theorien über Zeit, Raum und den Aufbau der Materie sind dagegen die Themen, die Ritchie etwa in seiner Installation „Proposition Player“ aufgreift. Die 30 Meter lange Skulptur bezeichnet er als eine „Karte des Raum-Zeit-Kontinuums“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar