Gesundheit : Die Warzen der Seele

Im Mittelalter waren Emotionen nicht schön, sondern hässlich/Eine kleine Geschichte der Gefühle

Anja Kühne

„Wer lebt, fühlt. Wer nicht fühlt, ist tot“, schreibt der Berliner Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme. Emotionen gehören zur menschlichen Natur. Mehr noch: Sie sind für den Menschen existenziell, wie das Blut, das durch seine Adern strömt. Doch weiß man über das Blut mehr als über die Emotionen. Wie viele Emotionen gibt es? Fünf? Oder hundert? Hat jeder Mensch sie ununterbrochen oder kommen und gehen sie? Fühlt sich Hass oder Liebe für alle gleich an?

Bis heute hat sich die Psychologie nicht darauf verständigen können, was Emotionen sind, wie viele es gibt und wozu sie gut sind: Fast jeder Psychologe hat seine eigene Definition, bemerkte unlängst ein Wissenschaftler resignativ. Fest steht inzwischen jedenfalls eines: Mit naturwissenschaftlichen Mitteln allein sind Emotionen nicht fassbar. Sie haben zwar einen biologischen Kern. Aber es ist die Gesellschaft, die die Emotionen erst modelliert: Sie ist es, die vorgibt, wie Emotionen ausgedrückt werden, sie stellt Regeln auf, wann und wie Emotionen gezeigt oder nicht gezeigt dürfen.

Emotionen sind kulturell geprägt. Das bedeutet auch: Sie unterliegen dem historischen Wandel. Das gilt nicht nur für ihre Bewertung. Unterschiedliche Zeiten haben sich von dem, was Emotionen sind, ein eigenes Bild gemacht, sie anders konzipiert. Für die Kulturwissenschaften tut sich hier ein großes neues Forschungsfeld auf. Zwar hatte schon 1941 der französische Historiker Lucien Febvre eine „Geschichte der Mentalitäten“ gefordert, zu der natürlich auch eine Geschichte der Emotionen gehören würde. Aber bis jetzt ist es bei einzelnen Anstrengungen geblieben.

Was stellten sich die Psychologen des Mittelalters, allesamt Theologen, unter den Emotionen vor? Gregor von Nyssa, ein Bischof im 4. Jahrhundert, nennt sie „warzige Auswüchse“, die am denkenden Teil der Seele emporkeimen und „ausgerottet“ werden müssen. Seit dem Sündenfall stehen die Emotionen unter dem Einfluss der Begierde, die nach verbotener Lust strebt. Daher versuchen sie ständig, sich von der Unterordnung unter den Willen zu lösen. In jedem Menschen ringen unentwegt Sinnlichkeit und Verstand miteinander.

Stöhnen und brüllen

Mittelalterliche Theologen, in deren Händen 1000 Jahre lang die Psychologie lag, nennen die Emotion in ihren lateinischen Schriften „passio“ oder „affectus“. Die Affekte treffen den Menschen immer überaus heftig. Zur Beschreibung der Symptome griff man auf antike Autoren zurück, etwa auf Seneca: Im Zorn flackern die Augen, die Zähne sind zusammengepresst, die Haare sträuben sich, man hört das Knacken der sich verdrehenden Gelenke, Stöhnen und Brüllen. Schwache Affekte, die den Körper nicht massiv in Mitleidenschaft ziehen, gibt es nicht.

Der Affekt ist nichts, was der Mensch aktiv aus sich selbst hervorbringt, im Gegenteil: Von Aristoteles übernehmen mittelalterliche Theologen die Vorstellung, dass der Mensch den Affekten passiv unterworfen ist. Der Mensch sieht oder hört etwas Angenehmes oder Unangenehmes. Durch diese Sinneswahrnehmung leidet unwillkürlich das Strebevermögen, eine der drei Kräfte, die man sich in der Seele dachte. Das ist der Affekt: Das Strebevermögen wird bewegt, noch bevor der Wille es regulieren kann. Der Mensch ist gleichsam das Opfer der Außenwelt, die sich eigenmächtig seiner Wahrnehmung aufnötigt und so sein Strebevermögen in Gang setzt, ob er es will oder nicht. „Passio ist Wirkung des Tätigen im Erleidenden“, schreibt etwa Thomas von Aquin. Daher das lateinische Wort „passio“ – der Mensch erleidet seine Emotionen. Noch heute spricht man von Leidenschaften.

Meint der Mensch, etwas Angenehmes wahrgenommen zu haben, das er erreichen will, entsteht Begierde. Hat er es bereits erreicht, entsteht Freude. Ein bevorstehendes Übel verursacht Angst, ein gegenwärtiges Trauer – mit entsprechend heftigen Reaktionen des Körpers. Es ist die Aufgabe des Willens zu verhindern, dass der Verstand vom Ansturm der „passio“ umnebelt wird.

Ein ganz ähnliches Konzept von den Emotionen findet sich in der weltlichen Literatur. Im mittelalterlichen Versroman des 13. Jahrhunderts überfallen die Emotionen die Figuren von außen als höchst unwillkommene Mächte und richten schweren Schaden an Leib und Seele an, wie die Metaphern zeigen. Das gilt auch für die Liebe, die vor allem als Leid in Erscheinung tritt. Leid aber kann das Herz fesseln, es kann sich schwer wie ein Berg auf das Herz legen, es wie ein Schwert zerschneiden oder es anzünden, wie etwa Konrad von Würzburg um 1277 in seinem Liebes- und Abenteuerroman „Partonopier und Meliur“ schreibt.

Die rohe Gewalt der Emotionen äußert sich drastisch: Tapfere Kämpfer, die eben noch Feinde im Zorn erschlugen, fallen vor Liebeskummer in Ohnmacht, Könige vergießen beim Abschied von ihren Vasallen Tränenbäche, Frauen und Männer reißen sich vor Schmerz an Haut und Haaren und schlagen laut klagend ihre Brust. Der Ritter Partonopier im Versroman Konrads verliert vor Liebesschmerz seine frühere Schönheit: „diu lûterlîche varwe sîn/wart im beroubet und daz vel./sîn hâr alsam ein sîde gel/begunde sich verwalken“, dichtet Konrad (etwa: „Sein einst guter Teint war blass, seine Haare, früher golden wie Seide, begannen zu ergrauen“).

All das hat mit „Empfindsamkeit“, „Sentimentalität“ und der Vorstellung, die sich etwa Goethe und seine Zeitgenossen von den Emotionen machten, nicht viel zu tun. Während der empfindsame Mensch in seinem Leid schwelgt, ist für die Figuren in der mittelalterlichen Dichtung an Selbstgenuss im Affekt nicht zu denken. Über Goethes Werther brechen die Emotionen nicht von außen als schreckliche Mächte herein wie die „passiones“. Stattdessen quellen sie aus Werthers Herz hervor – und sind ihm hochwillkommen. Den empfindsamen Menschen stört das Gefühl nicht, im Gegenteil, er kultiviert es. Im Gefühl gewinnt er seine Identität – oder steigert in ihm zumindest aufs Angenehmste seine „Ichrealität“, die Intensität seiner Selbstwahrnehmung: „Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt“, schreibt Werther. Was er spürt, sind keine Affekte, es sind Gefühle.

Im 17. und 18. Jahrhundert kommt es auch in der Theorie zu einer völligen Umwertung und Umstrukturierung der Emotionen gegenüber dem Mittelalter. Im Laufe dieses Prozesses emanzipieren sich die Emotionen von der Vernunft, indem sie als ein gleichberechtigtes, ja sogar überlegenes Mittel der Erkenntnis betrachtet werden. In der Ästhetik Alexander Gottlieb Baumgartens wird die „sinnliche Erkenntnis“ zu einem Schlüsselbegriff: Nur mit dem Gefühl lässt sich das „Wesen des Schönen“ erfassen.

Die „passiones“ der mittelalterlichen Theologen waren objektiviert: von der äußeren Welt angestoßen und geprägt. Die Gefühle der neuzeitlichen Philosophen dagegen sind subjektiv: Nach Kant bezeichnet das Gefühl „nichts im Objekt“, sondern einen Zustand, „in dem das Subjekt sich selbst fühlt“.

Wie wurden aus den Affekten, wie mittelalterliche Dichter und Theologen sie beschreiben, im Laufe der Zeit Gefühle? Eine geradlinige Entwicklung hat es nicht gegeben. Doch schon im 13. Jahrhundert, beginnt sich das ursprüngliche Konzept zu verändern. Immer umfangreicher und komplexer werden die Beschreibungen der Emotionen, in der mittelalterlichen Dichtung wie in der Theorie. Die Theologen nennen nicht mehr nur Grundaffekte wie Liebe, Freude, Zorn und Trauer, sondern entwickeln lange Listen, in denen sie immer neue Qualitäten der „passiones“ erfassen, sie systematisieren und hierarchisieren.

Emotionen haben ihr Gutes

Die Theologen berücksichtigen zunehmend auch gemäßigte Affekte mit positiver Wirkung auf den Menschen oder komplexere Phänomene wie gemischte Affekte. Auch fassen sie den Affekt nicht mehr nur als körperliches Phänomen auf, das die Organe schädigt. Vielmehr beschreiben sie ihn nun auch in Annäherung an die Innenperspektive als erlebte Qualität – der Affekt wird subjektiviert. Auch im mittelalterlichen Roman werden die Affektbeschreibungen immer komplexer. In ausführlichen Monologen stellen die Figuren ihr Seelenleben aus der Selbstwahrnehmung heraus dar.

Sicherlich hat der gleichzeitige Aufschwung der geistlichen und weltlichen Literatur über die Affekte im 13. Jahrhundert etwas mit den sozialen Entwicklungen zu tun. Immer mehr Menschen lebten an den weltlichen Höfen und in den Städten zusammen. Das machte es immer wichtiger, die Affekte zu verstehen und zu beherrschen, wie schon 1936 der Soziologe Norbert Elias festgestellt hat. Ausdruck und Agent dieses gesellschaftlichen Prozesses, der seine Spuren im Seelenleben der Menschen hinterlässt, ist auch die weltliche und die geistliche Literatur der Zeit. Sie ist Teil eines langandauernden, tiefgreifenden Wandels: des Wandels vom Affekt zum Gefühl.

Die Autorin ist Redakteurin des Tagesspiegel. Ihr Buch: „Vom Affekt zum Gefühl. Konvergenzen von Theorie und Literatur im Mittelalter am Beispiel von Konrads von Würzburg ,Partonopier und Meliur’“ ist soeben erschienen im Kümmerle Verlag, Göppingen 2004, ISBN 3-87452-964-9. 377 Seiten, 48 Euro .

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