Gesundheit : Die Welt als Dschungel

Walter Laqueur über den Terrorismus und die Zukunft: Die Menschen werden Freiheiten abgeben müssen, um sich schützen zu können

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Es gibt heute über 125 Definitionen des Terrorismus. Jedes Land auf Welt, jedes Ministerium in Amerika hat eine andere. Eine allgemein gültige Definition gibt es nicht und kann es auch nicht geben. Dass aber Guerilla und Terrorismus mehr oder weniger dasselbe seien, ist ein Irrtum, der leider heute noch weit verbreitet ist. Der klassische Guerillakrieg á la Mao oder Castro oder Tito oder Vietcong spielte sich auf dem Lande ab, in Gegenden weitab von den großen Städten, in Regionen, die nur schwer zugänglich sind, also in Dschungeln oder Gebirgen oder großen Wäldern oder Sümpfen. Kleine Einheiten befreien gewisse Gegenden, errichten eine alternative Regierung, bilden größere Einheiten im Laufe der Zeit, bis sie dann, wenn sie erfolgreich sind, allmählich Armeen bilden, immer größere Gebiete erobern und schließlich die Regierung stürzen.

Terrorismus hingegen findet in den Städten statt. Dort kann man keine Gebiete befreien, keine politische Arbeit leisten, keine Propaganda treiben, keine größeren Einheiten bilden. Denn sie können sofort von Polizei und Militär zerschlagen werden.

Die Geschichte des Terrorismus führt zurück ins Altertum, den Tyrannenmord in der Bibel, im alten Griechenland und in Rom, die Assassinen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Die Ideologie des modernen Terrorismus erscheint im 19. Jahrhundert. In Russland entwickelte sich eine terroristische Tradition. Bakunin hielt viel davon, Räuber an den kommenden Kämpfen teilnehmen zu lassen, wenig dagegen von der Eignung der Deutschen zu Terroristen. Er verstand, warum sich in Deutschland der Terrorismus nicht stark ausprägen könnte, als er nach Berlin kam und über dem Laden eines Schneidermeisters den preußischen Adler sah mit der darunter stehenden Inschrift: „Unter deinen Flügeln kann ich ruhig bügeln.“

Anarchisten und Patrioten

Wer waren die Terroristen des 19. Jahrhunderts? Anarchisten vor allem in den romanischen Ländern, Nationalisten wie die irischen Patrioten. Dann, nach dem ersten Weltkrieg, gab es sowohl den Terrorismus von ganz links als auch den der frühen faschistischen Bewegungen wie in Italien und Rumänien. In Deutschland gehören die Freikorps dazu. Es gab aber auch weiterhin den nationalistischen Terrorismus, auf dem Balkan etwa, aber auch in Ländern wie Indien und Ägypten. Wenige Teile der Welt wurden vom Terrorismus gänzlich verschont.

Um die Jahrhundertwende gab es eine große Terrorismus-Panik. Staatsoberhäupter wurden in Russland, Frankreich, Italien und den USA ermordet. Der Terrorismus schien eine unheimliche, allgegenwärtige Weltgefahr. Das spiegelt sich auch in der schönen Literatur wieder: etwa bei Dostojewski („Die Dämonen“) oder bei Henry James („Prinzessin Casamassima“). Aber diese großen Schriftsteller hatten wahrscheinlich nie einen Terroristen gesehen und daher sind es Karikaturen wie Monster oder Wahnsinnige, die bei ihnen erscheinen.

Während des Ersten und Zweiten Weltkrieges hat es kaum Terror gegeben und die Gründe liegen auf der Hand: In einer Zeit, in der Millionen Menschen umkommen, ist das Schicksal von einigen wenigen, die von Terroristen umgebracht wurden, von keiner großen politischen Bedeutung. Auch in den ersten Nachkriegsjahren spielten zwar die Guerilla-Bewegungen eine große Rolle, nicht aber der Terrorismus. Erst in den späten 60er Jahren gab es einen neuen Aufschwung des Terrorismus in Ländern wie Deutschland und Italien, aber auch in Südamerika, dem Nahen Osten und anderswo. Zuerst kam der Terrorismus hauptsächlich von links, in späteren Jahren von der extremen Rechten. Es stellte sich nun die Frage: Was macht Menschen zu Terroristen?

Es gab die verschiedensten Theorien. Es hieß, dass Terroristen unglückliche, unterdrückte, ausgebeutete Menschen seien, und wenn man die Umstände beseitigte, die ihr Unglück verursacht hätten, dann würde das Problem gelöst. Das stimmte natürlich insofern, als glückliche und zufriedene Menschen selten Bomben werfen. Aber wenn man sich diese These etwas genauer ansah, dann stellte sich heraus, dass es dort, wo die schlimmste Unterdrückung herrschte – sagen wir bei Hitler und Stalin, aber auch bei Franco und den griechischen Obristen – keinen Terrorismus gab. Der erschien erst, nachdem die Diktatoren gestürzt worden waren.

Wie verhielt es sich nun mit der Armut? Es stellte sich heraus, dass es in den 50 ärmsten Ländern der Erde zwar alle möglichen Formen von Gewalt, aber keinen Terrorismus gab. Wie Kofi Annan richtig bemerkte: „Die Armen dieser Welt leiden genug, auch ohne dass wir ihnen das Etikett des potenziellen Terroristen ankleben.“ Natürlich soll man den armen und ärmsten Ländern helfen, natürlich soll man sich bemühen, nationale Konflikte zu lösen. Aber es scheint illusorisch, dass man damit den Terrorismus zum Verschwinden bringen kann. Was man lange versäumte zu untersuchen, waren die psychischen Aspekte im Terrorismus.

Es scheint irgendeine Korrelation zwischen Aggression und physiologischen Abweichungen zu geben. Wenn wir hundert Menschen haben, die mit gleicher Intensität an eine Sache glauben, dann werden nur ein oder zwei von ihnen Terroristen, die anderen nicht. Ich vermute, dass je kleiner die terroristische Gruppe ist, desto wichtiger die psychologische Motivation, desto unwichtiger die Ideologie und die sogenannten „objektiven Bedingungen“.

Politisch nicht so wichtig

In den siebziger Jahren schien mir der Terrorismus zwar interessant, aber politisch nicht besonders wichtig. Ein Minister wurde ermordet, aber es gab immer genug Kandidaten für seine Nachfolge. Ein Flugzeug wurde entführt, aber alle anderen flogen weiter. Eine Bank wurde ausgeraubt, aber die anderen Banken blieben geöffnet.

Ein Vierteljahrhundert ist seitdem vergangen. Als ich in den letzten Jahren davor warnte, dass wir eine neue Gefahrenzone betreten haben und nun wirklich Grund zur Besorgnis besteht, war ich überrascht, dass ich auf wenig Verständnis traf. Warum? Terrorismus hat es immer gegeben und wird es wahrscheinlich immer geben, solange es Menschen mit Aggressionen und Konfliktbereitschaft gibt. Aber es gibt heute eine neue Konstellation: das Zusammentreffen von Fanatismus und Massenvernichtungsmitteln.

Die meisten Terroristen in der Vergangenheit, jedenfalls im 19. Jahrhundert, pflegten eine Art Ehrenkodex. So war es bei den russischen Terroristen nicht üblich, einen Großfürsten oder Minister umzubringen, wenn er sich in Begleitung seiner Frau und seiner Kinder befand. Der Terrorist von heute tötet seine Opfer wahllos, und häufig will er nicht nur morden, sondern auch zu Tode quälen. Der russische Terrorist glaubte seine Pflicht tun zu müssen, aber er war überzeugt, dass Töten eine Sünde ist und er daher sein Leben verwirkt haben würde. Der heutige Terrorist ist überzeugt davon, dass er töten darf, ja dass es seine sittliche und religiöse Pflicht ist, auch Kinder und alte Menschen umzubringen. Es sündigt nicht, sondern vollbringt eine Heldentat, für die er im Paradies belohnt werden wird.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die modernen Massenvernichtungswaffen zum Einsatz kommen? Ich meine damit nicht nur Angriffe von Staaten, sondern auch von Kleinstgruppen und sogar einzelnen Menschen. Die meisten dieser Anschläge werden nicht sehr erfolgreich sein, weil der Einsatz dieser Waffen kompliziert und nicht sehr zuverlässig ist. Man kann sie nur unter bestimmten Bedingungen anwenden. Andererseits gibt es die große Gefahr einer Panik, die mehr Schaden anrichten kann als die Waffen selber.

Wie wird sich diese Bedrohung auf internationale Beziehungen, auf die Gesellschaften und das Leben der einzelnen Menschen auswirken? Da gibt es zunächst die Gefahr, dass die Welt sich nicht in ein multipolares System, sondern in einen Dschungel verwandelt. Wenn heute die USA versuchen, als Ordnungsmacht zu handeln, löst das eine weltweite Opposition aus. Man spricht von Machtstreben, Vorherrschaft, Arroganz, Kolonialismus, Imperialismus.

Ohne Weltpolizei geht es nicht

Es mag durchaus zutreffen, dass der amerikanische Versuch nicht gelingen wird, aber ich bin davon überzeugt, dass es eine Art Weltpolizei wird geben müssen, wenn unsere Zivilisation überleben will. Wahrscheinlich wird sich diese Erkenntnis erst nach einer Katastrophe durchsetzen. Als die Vereinten Nationen gegründet wurden, beabsichtigte man, Streitkräfte der UN aufzustellen. Daraus ist aus verschiedenen Gründen nichts geworden. Vielleicht wird es eines Tages eine zweite Chance dafür geben. Heute scheint es illusorisch.

Kann sich die Welt zur Wehr setzen? Ich glaube schon, jedenfalls bis zu einem gewissen Grade. Man wird bestimmt neue Technologien entwickeln. Aber was für eine Welt wird das sein? Wie viel Freiheit wird es geben? Heute schon beschweren sich die Menschenrechtler über die Einmischung des Staates und die Einschränkung der Rechte des Einzelnen, und wir alle sympathisieren mit ihnen. Aber ich fürchte, dass sie einen aussichtslosen Kampf führen. Denn die Beschränkungen der individuellen Freiheiten, die wir bisher erfahren haben, sind nur ein ganz kleiner Teil dessen, was möglicherweise kommen wird, wenn es zu diesen Angriffen mit Massenvernichtungsmitteln kommt. Die meisten Menschen nämlich, stellt man sie vor das Dilemma zu wählen zwischen Überleben oder Freiheit, werden für das Überleben und die Ordnung optieren, indem sie sich auf die nicht ganz unrichtige Annahme stützen, dass Menschenrechte unnötig sind, wenn es keine Menschen mehr gibt.

Nun kann man sagen, dass diese Schreckensszenarios übertrieben sind, dass es nicht zum Schlimmsten kommen wird und ich hoffe, die Optimisten haben Recht. Denn dann können wir uns getrost in die Privatsphäre zurückziehen und unsere Gärten bestellen. Es wäre allerdings das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass man Waffen, die man erfunden hat, nicht zur Anwendung bringt. Pandoras Büchse ist offen und die bösen Geister lassen sich nicht mehr einfangen.

„Wo die Gefahr wächst, wächst das Rettende auch“, schrieb Hölderlin. Was das Rettende sein wird, sein kann, weiß ich nicht, aber es ist wohl im Allgemeinen so, dass man zuerst die Gefahr erkennt und dann erst, was man dagegen tun kann.

Dieser Text beruht auf einem Vortrag, den Walter Laqueur jetzt am Wissenschaftskolleg zu Berlin gehalten hat, wo er Fellow ist. Laqueur, geboren 1921 in Breslau, ist Direktor des International Research Council am Center for Strategic and International Studies in Washington. Zuletzt erschien: Krieg dem Westen. Terrorismus im 21. Jahrhundert. Propyläen, 2003. 420 Seiten, 24 Euro.

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