Gesundheit : Die "Welt der Russen" verstehen

Thomas Veser

"Russland ist ein Rätsel, gehüllt in ein Mysterium, innerhalb eines Geheimnisses", meinte Winston Churchill in einer Rundfunkansprache 1939. Um dieses Rätsel zu ergründen, reisten Hauptschüler aus dem württembergischen Heidenheim nach Russland. Mit drei Lehrkräften besuchten sie die westsibirische Altai-Region und gaben den Auftakt zu einem Austauschprogramm zwischen der Heidenheimer Westschule und einer Schule in der Kleinstadt Jarowoje.

Damit haben die Lehrstätten im Südwesten der Bundesrepublik in der Geschichte der Schulpartnerschaften ein neues Kapitel aufgeschlagen: Während Verschwisterungen zwischen Gymnasien in Westeuropa zum Alltag gehören, fristet der Austausch deutscher und russischer Schulen im Süden der Bundesrepublik ein Schattendasein.

Den entscheidenden Impuls vermittelte eine Lehrergruppe, die sich an der Westschule in Heidenheim mit den Integrationsschwierigkeiten ausländischer Kinder beschäftigt. Mehr als ein Viertel der 460 Schüler besitzt eine ausländische Staatsangehörigkeit. 130 Kinder aus russlanddeutschen Spätaussiedlerfamilien stammen überwiegend aus dem Altai-Gebiet. "Diese Schüler zeichnen sich durch hohe Motivation und Leistungsbereitschaft aus, vor allem in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern", berichtet Vize-Rektor Franz Nerad. Viele scheiterten an der deutschen Sprache.

Kulturelle Unterschiede, die sich aus sprachlichen Gründen nicht angemessen erklären ließen, hatten die Spannungen an der süddeutschen Schule verschärft. Die Welt der "Russen", wie Lehrer und Mitschüler die Neuankömmlinge nannten, blieb mysteriös, ihre Verhaltensweise unerklärlich: ein idealer Nährboden für Vorurteile. Schulen und Familien mussten miteinander in Beziehung gebracht werden, wenn man die Vorurteile überwinden wollte. Diese Aufgabe übernahm Olga Düster, die als russlanddeutsche Pädagogin in Heidenheim eine Stelle der "Brückenlehrerin" erhielt.

"Durch Lektüre alleine lassen sich unsere Fragen nicht beantworten", erläutert Vizerektor Franz Nerad. "Wir mussten aus dem Schulalltag heraus, um zu erfahren, wie die Spätaussiedler zuvor gelebt haben." Nach und nach beteiligten die Lehrer auch russlanddeutsche Schüler an ihrer Projektarbeit.

Und daher bereitete er ein Austauschprogramm vor. Als Nerad eine geeignete Schule suchte, half die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Sie bemüht sich in der Altai-Region, über kleinere Hilfsprojekte die Lebensbedingungen für die dort noch annähernd 100 000 Russlanddeutschen zu verbessern und sie im Land zu halten. Ausgewählt wurde Jarowoje, mit 25 000 Einwohnern halb so groß wie Heidenheim. Jarowojes einstmals größter Arbeitgeber war ein großes Chemiekombinat, das bis heute 80 Prozent der Belegschaft entlassen hat.

"Die Menschen sind dort nicht weniger fleißig als unsere. Nur gibt es keine Arbeitsplätze", erklärt der 15-jährige Juri, der mit seinen Eltern vor sieben Jahren nach Heidenheim übersiedelte. Niklas, der vor seinem Umzug mit den Eltern in Tscheljabinsk wohnte, pflichtet ihm bei: "Die sind gleich gescheit, aber sie verdienen wenig Geld." Rita (16), die noch vor einem halben Jahrzehnt in Kasachstan lebte, erzählt, wie sie anfangs unter heftigem Heimweh litt und unbedingt zurückkehren wollte.

Ein Jahr lang informierte Nerad öffentlich über sein Projekt und warb Spenden ein. Die Hälfte der Gesamtsumme in Höhe von 25 000 Mark, die der erste Besuch von Schülern aus Baden-Württemberg in Sibirien kostete, übernahmen das Bundesinnenministerium in Berlin und die GTZ. Mit Spendenmittel und einem Beitrag der Teilnehmer wurde der Rest erbracht.

Zur Hälfte bestand die Gruppe der Deutschen aus Schülern, deren Eltern einige Jahre zuvor aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ausgewandert waren. "Endlich einmal waren unsere Aussiedlerjugendlichen die Überlegenen, die uns helfen konnten", stellt die Heidenheimer Lehrerin Andrea Stanko fest. "Die deutschen Mitschüler wollten mit uns reden, sie bestürmten uns geradezu mit Fragen. Und wir konnten ihnen mit unserem schlechten Deutsch nicht antworten", erinnert sich eine Schülerin, die aus Sibirien als Aussiedlerin nach Heidenheim gekommen war. "Wir hatten echt Panik, dass wir deswegen keine Freunde finden würden", fügt Juri hinzu.

Durch die Teilnahme am Unterricht an einer russischen Schule ließen sich Verhaltensweisen russland-deutscher Kinder besser verstehen. In der russischen Schule werden die Kinder ganztägig betreut. Wie stark dieser Führungsstil prägt, wissen die Heidenheimer Pädagogen nun aus eigener Erfahrung. "Sie warten auf klare Anweisungen. Die Ermutigung zu mehr Eigeninitiative stößt auf Unverständnis", berichtet Andrea Stanko. Andererseits lernen russische Schüler, so eine weitere Erfahrung, viel intensiver, wie man in einer Gruppe Gemeinschaftsprojekte organisiert.

Anerkennung fand das breit gefächerte Kulturangebot für russische Kinder jeder Altersstufe. An der Jarowojer Schule gibt es 40 verschiedene Jugendclubs für alle möglichen Neigungen. Nachdem Ballett-, Musik- und Theatergruppen den Gästen Kostproben ihres Könnens gegeben haben, bedauert Juri, "dass es so etwas bei uns nicht gibt".

Franz Nerad bereitet jetzt den Gegenbesuch der Sibirier vor, er ist im kommenden Jahr geplant. Sein Ziel ist es, mit der Kooperation eine Städtepartnerschaft zu begründen und allmählich auch die klein- und mittelständische Wirtschaft auf der Schwäbischen Alb in den Austausch einzubeziehen.

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