Gesundheit : „Die wichtigste Schulreform ist ein Mentalitätswandel“

Schulen brauchen in der Zuwanderungsgesellschaft mehr Förderung/ Mittel zu den Brennpunkten umverteilen

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Die Untersuchungsbefunde über deutlich schlechtere Lernleistungen an Schulen mit vielen ausländischen Schüler haben für Aufsehen gesorgt. Für welche Schulen gilt das?

Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen dem Zuwandereranteil einer Schule und den Leistungsergebnissen aller Jugendlichen. Doch dieser Einfluss wirkt sich nicht linear aus. Tatsächlich haben wir ab einem Anteil von 20 bis 25 Prozent Jugendlichen, die zuhause niemals Deutsch sprechen, einen Leistungsabfall festgestellt – als reinen Kompositionseffekt zusätzlich zu den Auswirkungen der individuellen Unterschiede.

Was bedeutet das?

Ein Beispiel: Wir haben 21 Kinder in einer neunten Hauptschulklasse, sieben von ihnen stammen aus Zuwandererfamilien, in denen Vater und Mutter im Ausland geboren sind. die meisten dieser Jugendlichen sind aber in Deutschland aufgewachsen. Trotzdem sprechen fünf dieser sieben Schüler zu Hause niemals Deutsch. Wenn fünf von sieben Schülern aus Zuwandererfamilien am Ende der Vollzeitschulpflicht Deutsch nicht auf einem für den Bildungsgang angemessenen Niveau sprechen, scheint es für die Lerngruppe kritisch zu werden.

Wie wirkt sich das auf den Unterricht aus?

Der Unterricht läuft nicht mehr ohne weiteres verständnissicher und flüssig auf Deutsch ab. Gerade wenn die Lehrkraft auf Verständigungsprobleme Rücksicht nimmt, kommt es immer wieder zu Unterbrechungen, Wiederholungen und Simplifizierungen, die für alle Schüler von Nachteil sind. Ist in einer Hauptschulklasse mit gleichem Zuwandereranteil Deutsch auch privat Umgangssprache, gibt es diesen Kompositionseffekt nicht.

Aber die Alltagserfahrung zeigt doch, dass viele Familien, die ins Ausland gehen, zu Hause ihre Muttersprache behalten ..

Wenn zuhause auch Deutsch gesprochen wird, ist das ein Indikator dafür, dass die Familie relativ gut integriert ist. Optimal läuft es natürlich, wenn man fließend von einer Sprache in die andere springen kann. Der Anteil an Zuwanderern an den betroffenen Schulen ist mit einem Drittel natürlich höher als der Leistungs„Kippfaktor“ von 20 Prozent. Aber zwei Drittel dieser Zuwanderer sprechen zu Hause nicht Deutsch und da wird es problematisch.

Welche Konsequenzen sehen Sie?

Die Schlussfolgerung kann natürlich nicht sein, die Jugendlichen in Busse zu stecken und sie von Schule zu Schule zu fahren, um die Schülerschaft stärker zu mischen. Das funktioniert nicht, wie wir aus den Erfahrungen in den USA wissen. Man würde letztlich nur Umzugsbewegungen in Gang setzen. Außerdem ist der Unfug nicht bezahlbar.

Aber was funktioniert denn besser?

In den alten Bundesländern stammen mittlerweile 27 Prozent der Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund. Wenn fast jeder dritte Jugendliche einen Migrationshintergrund hat – und in einigen Großstädten werden in den nächsten Jahren 50 Prozent erreicht, kann man nicht mehr von einem Minoritätsproblem sprechen. In diesen Ländern ist die mehrsprachig zusammengesetzte Klasse zumindest in der Grund-, Haupt- und Gesamtschule Normalität. Dann kann Unterricht aber nur gelingen, wenn sich die Schüler die Sprache so schnell wie möglich aneignen. Das bekommt man aber nicht umsonst, sondern es bedarf zusätzlicher Investitionen an Zeit und Geld. Lehrer und Zuwanderer brauchen dabei Unterstützung – rechtzeitig und dauerhaft.

Wann soll die Förderung ansetzen?

So früh, so kontinuierlich und so intensiv wie möglich. Anstößig an unserem Befund ist die Tatsache, dass es am Ende der Pflichtschulzeit überhaupt eine sprachbedingte kritische Schwelle bei der Zusammmensetzung der Schülerschaft gibt. Die Förderung sollte im Kindergarten einsetzen, für dessen Besuch aber immer noch Gebühren zu zahlen sind. Zuwandererfamilien können sich das oft nicht leisten. In anderen Ländern dagegen ist zusätzlicher Sprachunterricht für Zuwanderer auch während der Schulzeit selbstverständlich.

Ein anderes Ergebnis, was Experten zwar nicht überrascht, in dieser Schärfe aber die Öffentlichkeit verblüfft, ist, dass man auch in Mathematik für dieselbe Leistung Noten von Zwei bis Fünf bekommt. Was empfehlen Sie als Schlussfolgerung daraus?

Dennoch sind die Zensuren keineswegs beliebig. Lehrkräfte haben unterschiedliche Gütemaßstäbe. Aber unterschiedlich starke Schulen und Lerngruppen bedingen das auch; denn Noten sind primär pädagogische Mittel.

Also kann man das nicht ändern?

Ein Untersuchungsergebnis besagt, dass die Balance zwischen Normierungsversuchen und Flexibilität immer optimal ist. Je wichtiger Noten für Abschlüsse, den Übergang in den Beruf oder zur Hochschule sind, desto stärker wachsen die Ansprüche an Vergleichbarkeit. Nicht alle Bewertungen müssen bis auf die Kommastelle miteinander vergleichbar sein. Aber wenn von ihnen Lebenschancen abhängen, kann die Spannbreite der Bewertung nicht beliebig sein. Zurzeit fehlt es an Standardisierung.

Bedeutet das mehr Strenge?

Strengere Noten führen nicht zum Ziel. Die Noten sind schon jetzt vergleichbar streng. Die Notenskala wird praktisch überall ausgenutzt. Und es macht keinen Sinn, an Schulen mit niedrigem Leistungsniveau etwa jedem zweiten Schüler eine Fünf zu geben. Das würde nur demotivieren.

Doch wie kommt man zu stärker einheitlichen Noten?

Die einzige Lösung ist, die Schulen, die einen großen Teil der potenziellen Risikokandidaten entlassen – das sind vor allem Hauptschulen und Gesamtschulen – systematisch zu unterstützen, um ihre Arbeit erfolgreich zu machen. Es müssen Mindeststandards besser eingehalten werden – und zwar durch Förderung und nicht durch mehr Druck. Das bedeutet aber auch, dass man begrenzte finanzielle Mittel nicht mehr mit der Gießkanne verteilen kann, sondern sie stärker dorthin gibt, wo es brennt.

Wo sollen die Mittel abgezogen werden?

Man muss sich in der Konsequenz mit dem Gedanken anfreunden, dass man in wohlhabenden Stadtvierteln wie Zehlendorf Klassen mit 33 Schülern hat und in ärmeren Gegenden Klassen mit 22, die zusätzlich noch Unterricht am Samstag, nachmittags und in den Sommerferien bekommen.

Aber bei den anderen Schulen ist auch vieles nicht in Ordnung ...

Schulen, die in ihrer pädagogischen Arbeit hinter dem zurückbleiben, was man nach der Zusammensetzung ihrer Schülerschaft vermuten erwarten darf, sind die zweite wichtige Quelle für die großen Leistungsunterschiede in Deutschland. Voraussetzung für eine wirksame Schulentwicklung ist vermutlich, dass die Schulen Spielraum erhalten und so für ihre Arbeit Verantwortung übernehmen können. Gleichzeitig müssen sie auf Rechenschaftslegung und Transparenz verpflichtet werden. Dazu bedarf es keiner nationalen Tests. Regelmäßige Vergleichsarbeiten sind ein Mittel.

Was für Forderungen an die Schulreform ergeben sich noch aus Pisa?

Die wichtigste Schulreform ist ein Mentalitätswandel. Dazu gehört die Wahrnehmung von Schwächen und die Bereitschaft, unideologisch an deren Behebung zu arbeiten. Ein neuer Schulstreit nach dem Beispiel der Gesamtschul-Debatte bringt uns dagegen nicht weiter. Vielmehr müssen sich die Länder gegenseitig die Freiheit geben, ihre Schulentwicklung auf die demografischen, regionalen und traditionellen Gegebenheiten einzustellen. Strukturschwache Gebiete werden dann eher auf ein zweigliedriges Schulsystem gehen. Aber allein der Gedanke, das Gymnasium abzuschaffen, wird in Deutschland einen Kulturkampf erzeugen. Man muss auch darauf schauen, was historisch gewachsen ist.

Gleichzeitig räumen Sie ein, dass das gegliederte Schulsystem die sozialen Unterschiede vergrößert ...

Wenn man keine Schulreform gegen Bildungsvorstellungen der Eltern machen kann, muss man mit den negativen Nebeneffekten eines wie auch immer gegliederten Schulsystems intelligent umgehen. Wenn wir die Kinder früh auf Schulformen verteilen, dürfen wir also zumindest keine Lernumwelten schaffen, in denen systematisch Mindeststandards unterschritten werden. Eine Antwort ist die Entkoppelung von Schulabschluss und Bildungsgang.

Wie sieht das aus?

Man kann heute schon den Realschulabschluss an der Hauptschule erwerben oder direkt von der Realschule an ein allgemeines oder berufliches Gymnasium gehen. Mit einem guten Abschluss der Lehre ist in den meisten Ländern auch die Mittlere Reife verbunden. Diese Entkoppelung ist wahrscheinlich die wichtigste Modernisierungsmöglichkeit im gegliederten Schulsystem.

Die Diskussion um die Einführung von Bildungsstandards krankt daran, dass sich jeder etwas anderes darunter vorstellt. Wie sehen Sie das?

Bildungsstandards versuchen, im Unterschied zu Lehrplänen, Kompetenzen auf erreichbarem Niveau zu beschreiben. Dabei sollen Mindestniveaus für Jahrgangsstufen oder Abschlüsse definiert werden. Standards sind konkrete Beschreibungen von Kompetenzen in den wichtigsten Bereichen.

In der öffentlichen Debatte ist immer wieder die Rede davon, dass die Anforderungen an die Jugendlichen zu niedrig sind. Stimmt das?

Die deutschen Schüler fühlen sich besonders leicht unter Leistungsdruck gesetzt. Das ist doppeldeutig, entweder sind die Anforderungen wirklich sehr hoch oder so weit zurückgenommen, dass schon eine geringe Erhöhung als Belastung empfunden wird. Mein Eindruck ist, dass viele deutsche Jugendliche, die aus dem Ausland, etwa aus Frankreich oder Schweden, mit höheren Ansprüchen zurückkommen. Viele Schüler beklagen sich – auch das ist ein Pisa-Befund– über häufige Langweile im Unterricht.

Sehen Sie eines der Bundesländer bei der Schulreform nach Pisa auf dem richtigen Weg?

Alle Länder bekunden Entschlossenheit. Aber bis man Wirkungen sieht, dauert es Jahre. Die erfolgreichen Pisa-Staaten haben ihre Bildungsreformen vor 15 Jahren gestartet. Wir haben jetzt gerade begonnen, die Scheuklappen abzulegen. Da ist es schon bemerkenswert, dass man jetzt etwa in Bayern über Ganztagsschule unbefangen reden kann, dass dort über die Sekundarschulen in strukturschwachen Gebieten nachgedacht wird. Auch das konservativ regierte Saarland setzt konsequent auf ein zweigliedriges Schulsystem.

Sie kennen die deutschen Pisa-Ergebnisse wie kein Zweiter. Wenn die Entwicklung in der Schule einigermaßen stringent verläuft, was muss dann bei der Grundschuluntersuchung IGLU herauskommen, die im April veröffentlicht wird?

Man kann drei Szenarien aufmachen: Entweder wiederholen sich die Pisa-Befunde. Oder der internationale Vergleich fällt hinsichtlich des Leistungsniveaus und -gefälles deutlich besser aus. Im dritten Szenario differieren diese beiden Ergebnisse. In unserem jüngsten Pisa-Bericht haben wir gezeigt, dass die im internationalen Vergleich große Leistungsstreuung zu einem erheblichen Teil in der SekundarstufeI durch die unterschiedliche Förderung der Schulformen und Einzelschulen erzeugt wird. Ich müsste meine Analysen korrigieren, wenn die Leistungsstreuung in der Grundschule ähnlich groß wäre wie in der SekundarstufeI. Hinsichtlich des Niveaus wage ich keine Prognose. Ich wünsche aber der Grundschule, dass sie in ihrer Arbeit bestätigt wird. Denn in manchen Aspekten könnte sie die modernste Schulform in Deutschland sein. Das gilt möglicherweise besonders für ihre Offenheit gegenüber Verbesserungen.

Das Interview führte Bärbel Schubert.

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