Gesundheit : Die Wut der Professoren

Stellenstreichungen: An der TU Berlin entbrennen Grabenkämpfe

Uwe Schlicht

„Die Strukturpolitik hat ein Geschlecht. Gestrichen wird dort, wo besonders viele Frauen studieren. Die Technische Universität ist tot, es lebe die Technische Hochschule Charlottenburg.“ Voller Empörung schleuderte die Frauenbeauftragte Heidi Degethoff de Campos ihren Kommentar zur geplanten Zerschlagung der Lehrerbildung an der Technischen Universität am Mittwoch in den Sitzungssaal des Akademischen Senats der Uni. Die Frauenbeauftragte war nicht die Einzige in der Runde, die ihrer Wut freien Lauf ließ.

Die weitgehende Aufgabe der Lehrerbildung zerreißt die Technische Universität. Es ist  zu befürchten, dass die alten Konflikte der Fraktionsuniversität wieder aufleben, denn die Lehrerbildung ist eine Hochburg der linken Reformfraktion, während die Konservativen und Liberalen stark in den Natur- und Ingenieurwissenschaften vertreten sind. Seit dem Tod des Präsidenten Hans Jürgen Ewers, der auf Konfrontation mit der Reformfraktion gesetzt hatte, gab es unter seinem Nachfolger Kurt Kutzler nicht mehr solche Auseinandersetzungen, wie sie jetzt sichtbar geworden sind.

Der Sprecher der linken Reformfraktion, der Erziehungswissenschaftler Ulff Preuss-Lausitz, warf dem TU-Präsidenten Kurt Kutzler vor, die Präsidialkommission „überfallartig“ mit seinem Vorschlag zur Beendigung des größten Teils der Lehrerbildung überrascht zu haben.  Das sei eine „Konfrontation“. Preuss- Lausitz empfahl den Mitgliedern der Reformfraktion und dem Personalrat, nicht mehr in der Präsidialkommission mitzuarbeiten, die die Stellenstreichungen vorbereitet.  Das Studentenparlament der TU hatte schon vor der Senatssitzung den Streichungsvorschlag Kutzlers abgelehnt. Die Vizepräsidentin für die Lehrerbildung aus der Reformfraktion, Ulrike Strate-Schneider, kritisierte, es werde überhaupt nicht mehr darüber diskutiert, ob die Lehrerbildung an der Technischen Universität besser sei als an der Freien Universität oder an der Humboldt-Universität, sondern es werde gestrichen, um eine bestimmte Kapazität zu erreichen. Preuss-Lausitz sekundierte: Hinter dem Vorschlag des TU-Präsidenten „steht kein Konzept, sondern nur Panik, die für die Streichung benötigten Stellen einzusammeln“.

Die Technische Universität bewegt sich mit dem jüngsten Streichungsvorschlag auf die anderen Universitäten zu. Bisher hatte die TU erklärt, dass sie nur 47 Professuren streichen könne, wenn sie nicht den Kernbestand der Ingenieur- und Naturwissenschaften gefährden wolle. Dabei war klar, dass jede der drei großen Universitäten in Berlin etwa 80 Professuren bis zum Jahr 2009 aufgeben muss, wenn der Sparbeitrag in Höhe von 75 Millionen Euro erbracht werden soll. Jetzt bereitet sich die Technische Universität darauf vor, ihren Sparbeitrag auf 66 Professuren zu erhöhen.

Davon kommen allein 27 aus den Geisteswissenschaften und der Lehrerbildung. Das entspricht einer Sparsumme von 23 Millionen Euro und wird die TU 3500 bis 4000 Studienplätze kosten. Aber die 23 Millionen Euro sind immer noch erheblich von der Summe entfernt, die Wissenschaftssenator Thomas Flierl der TU mit 30 Millionen Euro vorgegeben hat.

Die linke Reformfraktion der TU steht bei der  Zerreißprobe schlechter da als früher. Während der Präsidentschaft von Ewers hatte sie noch die Chance, ihr nicht zusagende Entscheidungen des Akademischen Senats im Kuratorium mit Hilfe der Gewerkschaftsvertreter, der SPD-, PDS-Abgeordneten oder  der Grünen zu korrigieren. Jetzt steht jedoch hinter der weitgehenden Aufgabe der Lehrerbildung an der TU der rot-rote Senat. Wissenschaftssenator Thomas  Flier (PDS) und Schulsenator Klaus Böger (SPD) billigen die Reduzierung der Lehrerbildung wegen des Sparzwangs.

Von beiden Senatoren stammt eine neue Bedarfsberechnung: Von den Berliner Universitäten werden künftig nicht mehr über 1000 Lehrer-Absolventen pro Jahr, sondern nur noch 850 verlangt. Die könnten im Wesentlichen die Freie Universität und die Humboldt-Universität liefern. Für die Universität der Künste bleiben nur noch 50 Absolventen übrig, und für die weiterhin von der TU ausgebildeten Lehrer in der Arbeitslehre und für die Berufsschulen werden 100 Absolventen veranschlagt.

Die Reformfraktion hat ihren Rückhalt auch in der Fakultät für Geisteswissenschaften verloren, wo die Lehrerbildung angesiedelt ist. Der Fakultätsrat hat die Streichliste gebilligt. Den neuen Geist der Fakultät schilderte der Philosophieprofessor Günter Abel im Akademischen Senat so: Wenn die Fakultät auf die Lehrerbildung setze, sei sie gegenüber der FU und der HU nicht mehr konkurrenzfähig. Richteten die Geisteswissenschaften ihren Schwerpunkt aber auf die Kooperation mit den Natur- und Ingenieurwissenschaften aus, so gewännen sie ein besonderes Profil und böten für die TU ein Alleinstellungsmerkmal. Dafür müsse die TU Spielraum gewinnen und deswegen die Lehrerbildung weitgehend aufgeben.

Die Streichungsvorschläge des TU-Präsidenten werden Grundlage für die weiteren Beratungen:

Die Lehramtsstudiengänge Chemie, Physik, Mathematik, Geschichte, Französisch, Philosophie, Germanistik und Sozialkunde können eingestellt werden. Außerdem stehen in den Geisteswissenschaften die Magisterstudiengänge in den Musikwissenschaften, Französisch, Semiotik, Linguistik, Erziehungswissenschaften und Berufspädagogik zur Disposition. Angesichts der Kontroversen um die Lehrerbildung fehlte dem TU-Senat die Energie, noch intensiv über weitere gravierende Einstellungen zu diskutieren: den Diplom-Studiengang Psychologie und die Diplom-Studiengänge in Volks- und Betriebswirtschaftslehre.

Am 12. Mai wird der TU-Senat in erster Lesung über die Streichungen entscheiden. Die Probeabstimmungen im Akademischen Senat am Mittwoch zeigten: Es wird in festen Blöcken votiert. 14 Stimmen bringen die Konservativen und Liberalen auf, acht bis zehn Stimmen die Linken. Es sieht so aus, als ob sich Kutzler durchsetzen wird.

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