Gesundheit : Die Zeichen deuten

Warum glauben wir? Vieles deutet auf eine natürliche Begabung hin

Adelheid Müller-Lissner

Jeder kennt diese Abbildungen, die den Betrachter zum Narren halten: Wir sehen etwas, das auf dem Papier gar nicht existiert, was wir uns nur „dazu“ denken. Wenn etwa auf einer Abbildung drei kleine schwarze Kreise zu sehen sind, aus denen jeweils ein „Tortenstück“ herausgeschnitten wurde, entsteht im Kopf durch das Verbinden der kleinen weißen Ecken ein vollständiges Dreieck. Wir können kaum anders, als die imaginären Linien zu sehen. Denn als Nachkommen von Urwaldbewohnern, die zwei Lichtreflexe im Gebüsch als Raubtier identifizieren mussten, ziehen wir aus unvollständigen Informationen weit reichende Schlüsse. Gewissermaßen als Nebenprodukt hat die Evolution dem Menschen also eine natürliche Begabung zum Glauben mitgegeben.

Sie zeigt sich nicht nur, wenn sich zu einem Weltjugendtreffen Hunderttausende versammeln. In noch so banalen Zufällen des Alltags suchen wir oft tiefere Bedeutung, denken uns Zusammenhänge, fahnden nach dem Sinn. Das zeigt sich auch in Tests mit Begriffspaaren: „Leichtgläubige“ stellen dort nicht nur zwischen Begriffen wie „Löwe“ und „Mähne“ eine nahe liegende Verbindung her, sie denken sich sogar „Löwe“ und „Streifen“ als zusammengehörig, falls die Begriffe direkt hintereinander fallen – auch wenn sie als Zwischenglied der Gedankenkette dann eigens ein Zebra bemühen müssen. Das Bedürfnis nach der Herstellung von Sinnzusammenhängen macht eben erstaunlich kreativ.

Heute weiß man, dass bei solchen gedanklichen Operationen die rechte Hirnhälfte besonders aktiv ist. Man weiß auch, dass man mit Medikamenten, die den Hirnbotenstoff Dopamin freisetzen, selbst hartnäckige Skeptiker dazu bewegen kann, in abstrakten Bildern Muster und Gesichter zu erkennen. Und sogar, dass man mit Hilfe schwacher Magnetfelder in den Schläfenlappen des Gehirns spirituelle Erfahrungen auslösen kann. „Glauben hängt also womöglich auch mit dem Gehirnstoffwechsel zusammen“, folgert Martin Urban in seinem Buch „Warum der Mensch glaubt“. Der Wissenschaftsjournalist sieht das gelassen, schließlich haben alle geistigen Fähigkeiten oder Unfähigkeiten ihr physisches Korrelat. Anhand zahlreicher Befunde aus der Wissenschaft kann Urban zeigen, was Biologie, moderne Hirnforschung und Psychologie über das Phänomen Glauben wissen. „Nur wer versteht, warum der Mensch glaubt, kann sich gegen Missbrauch des Glaubens wappnen.“

Welche Zumutungen für den Verstand verschiedenste kirchliche Dogmen, sektiererische Glaubensbekenntnisse und esoterische Weltsichten bereithielten und -halten, dafür breitet Urban eine Fülle von Beispielen aus. Die Entrümpelungsaktion wird jedoch nicht zum Kahlschlag: „Die Erkenntnis der Neurowissenschaftler lassen uns verstehen, dass und warum der Mensch gerne Unsinn glaubt. Das heißt selbstverständlich nicht, dass alles Unsinn ist, was der Mensch glaubt.“

Urban beruft sich auf den Apostel Paulus: „Prüfet alles, und das Gute behaltet.“ Als Güte-Kriterium gilt ihm dabei die Vereinbarkeit der Glaubensinhalte mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Im Kampf gegen Fundamentalismen jeder Art und alle Spielarten von Missbrauch des Glaubens setzt er auf Aufklärung und intellektuelle Redlichkeit. Auch wenn es verführerisch sein könnte, nicht mehr zu zweifeln.

Martin Urban: Warum der Mensch glaubt. Eichborn Verlag, 254 Seiten, 19 Euro 90.

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