Gesundheit : Die Zelle zählt mit

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Wäre es nicht schön, wenn wir eine kleine Pille hätten, die uns, schluckten wir sie täglich, unsterblich machen würde? Leonard Hayflick winkt ab: „Ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem der Mensch oder die Gesellschaft von der Macht, den Alterungsprozess zu bremsen oder gar anzuhalten, profitieren würde."

Noch ist diese Pille nicht entwickelt. Doch wenn es sie eines Tages geben sollte, dann hätte auch Hayflick, ob er will oder nicht, sein Quäntchen dazu beigetragen. Hayflick ist einer der prominentesten Altersforscher weltweit. Am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin hielt der Professor der Universität von Kalifornien in San Francisco kürzlich einen Vortrag über die Biologie des Alterns.

1962 machte Hayflick seine entscheidende Entdeckung. Damals glaubte man, dass Zellen, die man in einer Petrischale - unter optimalen Bedingungen - aufbewahrt, sich ewig vermehren können. Zellen in Kultur, wären demnach unsterblich. Das heißt: Der Tod hat seinen Ursprung nicht in Zellen selbst, er kommt von außen, zum Beispiel über schädliche Stoffe, die die Zelle zerstören.

Hayflick beobachtete aber, dass Zellen in Kultur sich nicht beliebig lange vermehren lassen, normale Zellen zumindest nicht. Auch unter optimalen Umweltbedingungen hören sie irgendwann auf, sich zu teilen - man spricht vom „Hayflick-Limit". Der Forscher schloss daraus, dass der Tod nicht unbedingt von außen kommt. Nein, in den Zellen selbst muss es eine Art Zähler geben, derregistriert, oft sich die Zelle schon vermehrt hat, wie alt sie ist. Hat die Zelle ein bestimmtes Alter erreicht, hört sie auf, sich zu duplizieren. „Heute wissen wir, wo dieser molekulare Zähler sich befindet", sagt Hayflick, „nämlich an den Enden der Chromosomen, den so genannten Telomeren."

Der Durchbruch kam 1970, als Hayflicks russischer Kollege, Alexey Olovnikov, in Moskau in eine U-Bahn-Station stieg. „Plötzlich hatte Olovnikov eine brillante Eingebung", erzählt Hayflick: Er sah den Zugmotor als den Teil der Zelle, der die Chromosomen bei der Zellvermehrung kopiert. Sobald unser Erbgut kopiert ist, kann sich die Zelle teilen, und jede Zelle bekommt so eine vollständige Erbgut-Ausstattung. Unser Erbgut, die DNS, stellt in dem Bild, das Olovnikov vor Augen hatte, die Gleise dar. Der Motor bewegt sich vorwärts über die Gleise und fängt an, sie zu kopieren. Nur an einer Stelle gelingt ihm das nicht: nämlich ganz am Anfang, wenn sich die Gleise genau unter dem Motor befinden.

Heute weiß man, dass Olovnikov mit seinem Bild Recht hatte. Die DNS-Polymerase - der Zugmotor - schafft es nicht, das Ende eines DNS-Stranges zu kopieren. Jedes Mal also, wenn sich die Zelle vermehrt, ist an den Chromosomen-Enden der Tochterzellen wieder ein Stückchen DNS abgeknabbert. Das hat deshalb für längere Zeit keine Folgen, weil es sich bei diesen Enden um nutzlose DNS-Abschnitte handelt. „Aber irgendwann sind die Chromosomen so kurz, dass die Zelle aufhört, sich noch weiter zu vermehren - warum, das wissen wir nicht genau", sagt Hayflick.

Es gibt allerdings Zellen, die können sich vermehren, ohne dabei ihre Chromosomenenden Stück für Stück einzubüßen. Stammzellen zum Beispiel oder Krebszellen. Sie haben die Fähigkeit, sich endlos zu vermehren. In diesen Zellen ist ein Enzym ns Telomerase am Werk, das die abgeknabberten DNS-Bausteine wieder an die Enden der Chromosomen heftet. Die Zellen altern nicht. Sie sind unsterblich. Auch bei manchen Tieren scheint es keine Zeichen von Alterung zu geben, etwa bei Galapagos-Schildkröten oder Lobstern - auch hier ist das Enzym Telomerase im Spiel.

Und doch wird es so bald keine Telomerase-Pille geben. Schon die Tatsache, dass sich in 90 Prozent aller Tumorzellen Telomerase befinden, zeigt, dass eine risikolose Anti-Alterungspille nicht so leicht zu haben ist. Sogar wenn es eines Tages eine perfekte Anti-Alterungspille gäbe, könnte es zu eigentümlichen Nebenwirkungen kommen, wie Hayflick sagt - wenn etwa eine Mutter beschließt, die Pille zu nehmen, während es ihr Sohn nicht tut. Der Sohn wäre irgendwann älter als die eigene Mutter.

Familien, deren Mitglieder sich zu unterschiedlichen Zeiten zu einer solchen Pille entschließen, würden zeitlich zerfallen. „Ich persönlich", sagt Hayflick, „würde es bevorzugen, den Preis des Alterns und des Todes zu zahlen - damit diese Prozesse auch eine universelle Erfahrung bleiben." Bas Kast

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