Gesundheit : „Die Zellen wissen selbst, was zu tun ist“

Ron McKay hofft, mit Hilfe embryonaler Stammzellen Nervenleiden behandeln zu können

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Ron McKay, warum sind Stammzellen so faszinierend?

Weil sie Gewebe aufbauen können. Bei einigen Zellarten hat man das schon ganz gut verstanden, zum Beispiel beim Blut. Auch beim Nervensystem ist man schon weit. Und genau da setzen wir an: Beim Aufbau des Gehirns.

Wollen Sie ein neues Gehirn konstruieren?

Natürlich nur im gedanklichen Sinne. Ich will verstehen, wie das Gehirn aufgebaut ist und wie es arbeitet. Meiner Meinung nach werden wir nie begreifen, wie es funktioniert, wenn wir nicht wissen, wie es sich aus wenigen Zellen entwickelt. Das ist jetzt der schottische Ingenieur, der aus mir spricht.

Geht es nicht auch um Krankheiten?

Vor allem um solche, bei denen sich etwas zurückentwickelt; um degenerative Krankheiten. Zum Beispiel Herzleiden, Multiple Sklerose, Parkinson oder Diabetes. Die Stammzellen-Forschung kann wichtige Beiträge im Kampf gegen diese Krankheiten leisten. Aber ich glaube auch, dass die Stammzellenforschung von großer Bedeutung für das Verständnis von Krebs ist. Das ist deshalb wichtig, weil sich immer deutlicher herausstellt, dass etliche Krebsarten eigentlich Krankheiten der Stammzellen sind. Solange man die Eigenschaften dieser Stammzellen nicht erklären kann, wird man die Entwicklung von Krebs nicht nachvollziehen können.

Gewebe aus Stammzellen soll, das ist die am weitesten verbreitete Vorstellung, zerstörte Organteile ersetzen.

Entscheidend ist das Potenzial der Zellen. Es gibt drei Arten von Stammzellen: embryonale in der ganz frühen Phase, fetale im mehrere Monate alten Ungeborenen und adulte, also Gewebe-Stammzellen bei Erwachsenen. Bei Erwachsenen gibt es zum Beispiel im Blut oder im Gehirn Stammzellen. Aber wir wissen nicht, wozu diese Zellen fähig sind. Welche Art von Gewebe können sie bilden? Meist hängt das von den Signalen ab, die die Stammzellen von außen bekommen. Bisher ist es leider so, dass adulte Stammzellen nicht stabil sind. Wir kennen einfach die Signale nicht, die sie brauchen. Das führt dazu, dass wir sie nicht richtig vermehren können. Wenn Sie etwa Blut brauchen, dann kann Ihnen niemand eine Flasche mit Blut-Stammzellen geben und sagen: Hier ist es. Diese Unberechenbarkeit ist ein Kennzeichen der Gewebe-Stammzellen in Herz, Blut oder Gehirn.

Sie setzen also ganz auf die embryonalen Stammzellen?

Vielleicht nicht ganz und gar. Aber das ist auch ein Zeitproblem. Wenn Sie an Parkinson leiden, dann werden Sie ziemlich schnell die Geduld mit Leuten verlieren, die sagen, wir suchen noch nach einer passenden somatischen Stammzelle für die Therapie. Das könnte nämlich ein Jahrzehnt dauern. Demgegenüber wissen wir heute schon, dass embryonale Stammzellen sich in dopaminbildende Nervenzellen umwandeln lassen, die ziemlich genau jenen Zellen ähneln, die Parkinson-Patienten brauchen.

Und warum haben gerade embryonale Zellen solche Vorteile?

Diese Zellen können sich hervorragend selbst organisieren. Wenn man nur die Hälfte der Bedingungen erfüllt, die sie für ihr Wachstum brauchen, kümmern sie sich von allein um die andere Hälfte. Am Ende hat man nicht einen einzelnen Zelltyp, sondern einen Haufen verwandter Zellen, so wie ein Organ. Das ist unglaublich interessant, denn es könnte sein, dass wir gar nicht so viel über die zu Grunde liegenden biochemischen Zusammenhänge zu wissen brauchen. Immer wieder trifft man Leute, die sagen: Hey, ich habe das wichtigste Gen im Universum gefunden! Ich aber sage: in der Zelle arbeiten so viele Gene zusammen, dass das Gesamtergebnis entscheidend ist. Sie können mit einer einzigen embryonalen Stammzelle beginnen und am Ende fertig entwickelte und spezialisierte Zellen bekommen, die denen, die im Tier oder im Menschen vorhanden sind, sehr stark ähneln. Wie können Sie das machen? Die Antwort: die Zellen wissen selbst, was zu tun ist.

Manche Forscher setzen eher auf die adulten Gewebe-Stammzellen.

Da gibt es eine Art Wettlauf. Welche Art von Zellen ist zuerst im Ziel: adult, fetal, embryonal? In gewisser Weise ist das ein falsches Rennen. Natürlich wäre es großartig, mit Stammzellen von Erwachsenen zu arbeiten. Ich selbst kooperiere mit New Yorker Forschern, die Stammzellen im Herzen suchen. Aber wie nah sind sie diesen Zellen wirklich? Können sie sie wirklich kontrollieren? Kontrolle heißt in diesem Fall: Ich kann die Zellen züchten und sie in genau jenes S tadium weiterentwickeln, das ich brauche. Diese Herz-Stammzellen mögen existieren, aber wir können sie nicht wachsen lassen, nicht vermehren. Ich glaube, das ist ein ernstes Problem der adulten Stammzellen. Dagegen konnten wir zeigen, dass man eine Menge Zellen, die für uns in der Medizin interessant sind, aus embryonalen Stammzellen züchten kann.

Aber es besteht die Gefahr, dass aus embryonalen Stammzellen Tumoren wachsen.

Allerdings, das Krebsrisiko von embryonalen Stammzellen ist sehr hoch. Wenn man nicht entwickelte embryonale Stammzellen nähme und in das Nervensystem einer Person einpflanzte, würde man diese vermutlich umbringen. Der Trick besteht darin, nur bereits entwickelte, also völlig differenzierte Zellen zu verwenden. Das ist eine technische Frage. Ich bin optimistisch und glaube, dass die Tumorbildung kein großes Risiko für die Stammzelltherapie darstellen wird.

Einer Ihrer Schwerpunkte ist die Parkinson-Krankheit. Wann wird der erste Patient mit Nervenzellen behandelt, die von embryonalen Stammzellen herrühren?

Ich wundere mich schon, dass bisher niemand auf diese Idee mit den Stammzellen gekommen ist. Unsere Experimente sind so einfach! Wenn das wahr ist, wenn es wirklich so einfach ist, dann werden wir in den nächsten fünf Jahren sehr interessante klinische Studien sehen. Ich sage nicht, dass dann alles geklärt ist, aber Kliniken werden damit arbeiten, es wird am Menschen erprobt werden. Ich sehe da keine Alternative. Aber es gibt neben der Zelltherapie noch eine andere Anwendung. Wir können zum Beispiel jede Menge Zellen züchten und sie für Medikamententests einsetzen.

Was beeindruckt Sie am meisten an diesen Zellen?

Manche Kritiker sagen, der Mensch ist mehr als eine Tüte voller Moleküle. Das stimmt natürlich. Aber was steht zwischen uns und den Molekülen? Was bildet den Übergang? Das sind die Stammzellen! Sie zeigen uns, wie all diese Moleküle zusammenarbeiten und Gewebe und Organe heranwachsen lassen. Ich halte das für eine tiefe Wahrheit. Sie sehen, ich werde von der Leidenschaft gepackt! Ich bin nicht an einem Milliarden-Dollar-Produkt interessiert. Ich möchte wissen, wie das Gehirn funktioniert. Und ich bin davon überzeugt, die Stammzellen werden es uns erzählen.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

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