Gesundheit : Die Zukunft am Rande der Stadt

Der Campus in Adlershof wird neu belebt – die Zahl der Studenten verdoppelt sich auf mehr als 5000

Thomas de Padova

AUF IN DEN WISSENSCHAFTSPARK – DIE HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZIEHT UM NACH ADLERSHOF

Wer zieht schon gerne von Berlin-Mitte nach Adlershof? Die Professoren nicht und auch die Studenten nicht. Und wer sich an einem Morgen im März in der trostlosen Weite des Wissenschaftsparks verliert, der kann sie nur zu gut verstehen.

Nun aber soll sich vieles ändern. Das Wissenschaftsstädchen an den Ausläufern der Berliner S-Bahn könnte bald zu leben beginnen. Die Humboldt-Universität hat ihren neuen Campus in Adlershof fast fertiggestellt. Das Schmuckstück, das Erwin Schrödinger-Zentrum, das alles in sich vereint, was man sich von einer Bibliothek des 21. Jahrhunderts verspricht, öffnet in wenigen Wochen. Die Physiker ziehen gerade in ihr neues Gebäude ein. Die Geographen und Psychologen, deren Institute neben dem Rohbau eines Einkaufszentrums noch im Gerüst stehen, werden in Kürze folgen.

Sechs naturwissenschaftliche Uni-Institute, das bedeutet nicht nur 90 Professoren und 400 wissenschaftliche Mitarbeiter. Mit den Instituten kommen vor allem neue Studenten. Ihre Zahl wird sich in diesem Jahr von 2500 auf 5300 mehr als verdoppeln.

Dem Wissenschafts- und Technologiepark mit seiner beachtlichen Konzentration an Forschungseinrichtungen und technologie- orientierten Unternehmen stünde ein munteres Studententreiben gut an. Etwa wegen der damit verbundenen Aussichten auf eine gewisse Café- oder Restaurant-Kultur, die auch auf die als nüchtern geltenden Naturwissenschaftler eine aufputschende Wirkung hat. Auch die hier ansässigen Firmen hoffen auf Praktikanten, Mitarbeiter, Ideen.

Studenten sind in Adlershof willkommen. Und so sie sich in der neuen Bibliothek einfinden, dürften sie Berlins Mitte kaum vermissen. Denn das Erwin Schrödinger-Zentrum ist ein warmes und technisch bestens ausgestattetes Gebäude. Rund um die 200 Arbeitsplätze in dem abgesenkten Lesesaal stehen die Regale der Freihandbibliothek. Vor ihnen stapeln sich derweil noch die Umzugskisten. Auf 700000 Bände und Zeitschriften werden die Nutzer hier vom nächsten Monat an direkt zugreifen und über Computer umfangreiche Datenbanken erreichen können.

Aber auch die neue Bibliothek und die ringsum architektonisch ansprechenden Gebäude können nicht darüber hinwegtäuschen, dass man die Studenten bei wichtigen Planungen übersehen hat. Dass die Mensa erst zum Wintersemester 2006/2007 fertig wird, mag man ja noch als ein vorübergehendes Übel betrachten. Doch die Weite des Adlershofer Geländes geht mit einer zum Teil überraschenden Enge der studentischen Arbeitsverhältnisse einher.

Zwar gibt es etwa für Chemie und Physik drei helle, gut ausgestattete Hörsäle im bereits bestehenden Lehrgebäude, Hörsäle, in denen auch Experimente vorgeführt werden können. Die Physiker haben zudem noch einen Hörsaal im eigenen Institut mit feinen, ausklappbaren VIP-Stadionsitzen.

Doch die Hörsäle sind mit 120 bis 140 Plätzen schlicht zu klein. Es gibt daneben nur einen größeren Hörsaal auf dem ganzen Campus im Erwin Schrödinger-Zentrum, der 280 Studenten fasst. Nach einem Auditorium Maximum mit 400 Plätzen oder mehr, wie für eine Universität üblich, die vielleicht einmal einen Nobelpreisträger zum Vortrag einladen oder eine Fachkonferenz organisieren möchte, sucht man vergebens.

Die Anfängerzahlen in der Physik und Chemie seien in den vergangenen Jahren stark gestiegen, sagt Michael Müller-Preußker, ehemals Vizepräsident der Humboldt-Universität. „Es ist fatal, wenn die Studenten nicht mehr in die Hörsäle passen.“ Und nicht nur die Zahl der Hörsäle sei unzureichend, auch die der Seminarräume. „Wir haben wegen der Räume schon jetzt Probleme mit der Stundenplanung“, sagt Müller-Preußker.

„Die Anfänger im Wintersemester würden die Hörsäle jetzt schon füllen“, sagt auch Lutz Schön, Leiter der Physik-Didaktik. „Dass es keinen einzigen großen Hörsaal gibt, finde ich peinlich.“ Zu hoffen bleibt, dass das Biologie-Institut, das bis 2007 gebaut werden soll, hier Abhilfe schafft.

Die Stundenplanung ist ein Thema für sich. Lehramtskandidaten etwa müssen zwischen Mitte und Adlershof pendeln. Die Fahrt dauert etwa eine Stunde. Deshalb soll den Studenten die Pendelei wenigstens durch eine ausgeklügelte Vorlesungs-Organisation erleichtert werden.

In Mitte und Adlershof konzentrierten sich die Vorlesungen auf bestimmte Tage, sagt Müller- Preußker. „Und in Adlershof beginnen die Vorlesungen zu ungeraden Stunden, um 9, 11 und 13 Uhr, in Mitte dagegen zu geraden Stunden, um 8, 10 und 12 Uhr." Wer also nach der Vorlesung von Campus zu Campus fährt, verliert anschließend nicht noch einmal eine Stunde bis zum Beginn der nächsten Veranstaltung.

Der Umzug von Mitte nach Adlershof fällt Studenten und Wissenschaftlern gleichermaßen schwer. Die Universität hat viel an Vorarbeit geleistet, manches – auch aus finanziellen Gründen – versäumt. Bald wird man sehen, ob das Konzept aufgeht und Adlershof zu leben beginnt.

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