Gesundheit : Die Zukunft der Bildung: Wie viel Chaos verträgt die Gesellschaft?

Uwe Schlicht

Wenn die Wirtschaft sparen muss und sich im Osten Deutschlands nicht mehr eigene Forschungsabteilungen leisten will, dann kommt dort die Industrieforschung fast zum Erliegen. Wenn die Wirtschaft meint, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt zu viele Pharmazeuten und Chemiker gibt, schickt sie ihre Warnungen an die Öffentlichkeit. Vor zehn Jahren beispielsweise sah die Wirtschaft den Bedarf an Informatikern als gedeckt an, und prompt wurde in diesem Bereich kaum mehr expandiert. Alle Prognosen haben sich wenige Jahre später als grandiose Irrtümer erwiesen.

Heute sucht die chemische Industrie händeringend nach Pharmazeuten und Chemikern. Die Wirtschaft schätzt nun quer durch alle Branchen die Informationstechnologie als so zukunftsweisend ein, dass sie den deutschen Rückstand auf diesem Gebiet durch eine Green-Card-Werbung in Indien und Osteuropa auffangen will.

Wie viel Irrtümer und Chaos kann die Gesellschaft vertragen? Wenn Bildungsexperten und Vertreter der Wirtschaft Resümee ziehen, was sie in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben und was in der Zukunft bevorsteht, so wird es bei einem gewissen Maß an Chaos bleiben. Wodurch wird dieses Chaos gefördert? Vor allem durch die Rationalität oder Scheinrationalität in getrennten Bereichen wie der Bildungspolitik und Wirtschaft.

Ungeplante Bildungsexpansion

Wie sieht das Chaos in der Bildung aus? Die Bildungspolitiker haben seit den siebziger Jahren in Deutschland eine gewaltige Expansion in den Schulen und Hochschulen in die Wege geleitet und sie ließen sich dabei von internationalen Vergleichen leiten, die den Deutschen einen gewaltigen Rückstand bescheinigten. Mit nur sechs bis acht Prozent eines Jahrgangs bis zum Abitur und Studium war kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Die anderen führenden Industrienationen hatten schon längst unter dem Schock der ersten von den Sowjets in den Weltraum geschossenen Satelliten, den Sputniks, die Bildungsexpansion auf elf bis 15 Prozent eines Jahrganges vorangetrieben. Die deutsche Expansion blieb jedoch ein Zick-Zack-Kurs, begleitet von Ängsten vor einer gewaltigen Akademikerarbeitslosigkeit. Dennoch hat sich gezeigt, dass selbst die Menge ausgebildeter Lehrer, Geistes- und Sozialwissenschaftler, für die es in ihren eigentlichen Berufen keinen Bedarf zu geben schien, irgendwie untergekommen ist - in anderen Berufen oder in unterbezahlten Jobs. Der Arbeitsmarkt hat sie als besonders gesuchte Arbeitskräfte begierig aufgesogen.

Glück gehabt, sagte der Bildungsforscher Karl Urlich Mayer vom Max-Planck Institutfür Bildungsforschung vor Schulleitern und Schulräten auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Bildungsverwaltung. Im Bildungsjargon eines Wissenschaftlers formuliert, der die Lebensläufe und Erwerbsbiografien der Deutschen über Jahrzehnte verfolgt hat, hört sich das so an: "Die massive Qualifikationssteigerung war eine glückliche Situation. Sie war zufällig und nicht geplant. Was damals ohne nähere Bedarfsanalyse in Schulen und Hochschulen produziert wurde, traf auf Änderungen in der Berufswelt." Auf der anderen Seite hat es auch eine "grandiose Fehlqualifikation" gegeben, wovon die vielen Abbrecher, ob in der Lehre oder an den Hochschulen, zeugen. Bekannt ist, dass viele im Handwerk Ausgebildete wenige Jahre später schon in großer Zahl in ganz anderen Berufen tätig sind. Von den 30 Prozent Studienabbrechern an den Hochschulen ganz zu schweigen.

Mayer veranschaulichte das Chaos in der Bildungspolitik mit folgendem Beispiel: Viele sehr gute Abiturienten bewerben sich zunächst um eine Lehrstelle bei Siemens, DaimlerChrysler oder den Banken. Wenn sie dort nicht angenommen werden, versuchen sie es bei einer Berufsakademie. Haben sie dort trotz eines Abiturnotendurchschnitts von 2,0 keine Chance, wollen sie an einer Fachhochschule mit ihrem scharfen Numerus clausus unterkommen. Wer es dort nicht schafft, geht letztlich zur Universität und studiert sieben Jahre.

Wer gut ist, geht nach drei Jahren

Kann das so weitergehen? Dieter Schmeier, Leiter der Aus- und Weiterbildung der Schering AG, schilderte die nicht minder krassen Schwierigkeiten in der Wirtschaft. Man müsse sich zwar auf einen weltweiten Konkurrenzkampf einrichten und die Deutschen wollten ganz vorne mitmischen. Aber die meisten Unternehmen seien unfähig dazu, längerfristig ihren Personalbedarf zu planen. Das ist auch eine Folge der Ungewissheit, wie die Berufe für die heute ausgebildet wird, zehn Jahre später aussehen werden und welche Produkte dann auf den Markt geworfen werden.

Die Wirtschaft wisse zwar, dass sie sich auf einen Generationenwechsel vorbereiten muss, dass es mehr Rentner und weniger jüngere Arbeitskräfte geben wird, aber es sei nicht vorhersehbar, wie sich gerade die besonders befähigten Hochschulabsolventen verhalten werden. "Die besten Nachwuchskräfte orientieren sich an der schnellen Mark", berichtet Dieter Schmeier. Sie kann man nicht mit einer herausragenden betrieblichen Altersversorgung locken, die bereits nach zehn Jahren Betriebszugehörigkeit gesichert ist, weil für Jungmanager und Genforscher schon zehn Jahre in einem Betrieb eine unzumutbar lange Zeit sind. Sie stellen sich allenfalls auf eine Betriebszugehörigkeit für die nächsten zwei oder drei Jahre ein.

Die Wirtschaft verlangt aber auch nach längerer Bindung. Sie benötigt heute Spezialisten und Generalisten zugleich, lautete die Botschaft auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Bildungsverwaltung. Sie braucht jedoch keine Spezialisten, die in nur einem so engen Bereich Spitze sind, dass sie nach 20 Jahren entlassen werden, weil sie völlig unbeweglich sind. Zwar gilt die These "einmal Chemiker, für immer Chemiker" nicht mehr. Auf der anderen Seite ist aber der Regulierungsaufwand, der heute bis zur Durchsetzung eines neuen Medikaments auf dem Markt zu beachten ist, groß. Auch die Arbeit an der Verbesserung von Medikamenten ist so herausfordernd, dass die chemische Industrie auf die längerfristige Bindung ihrer Kräfte nicht verzichten will. Kontinuität ist gefragt.

Eine Renaissance des Berufs

"Wir werden eine Renaissance des Berufs in den nächsten Jahren erleben." So lautet die Prognose von Werner Dostal von Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Mit kurzfristigem Jobben sei die Zukunft nicht zu bewältigen. Das kurzfristige Jobben kommt in seiner Sicht eher den Unterqualifizierten zu oder ist typisch für Studenten, die während des Studiums diverse Pratika annehmen.

Mag diese Berufswelt der Zukunft auch anders aussehen als die heutige, mag der Anteil der Teilzeitbeschäftigten noch über 30 Prozent wachsen - auch Teilzeitbeschäftigte werden ihren Beruf haben müssen, wenn der Trend zu einer immer weiter wachsenden Akademisierung der Gesellschaft anhält. Nicht nur Akademiker werden in großer Zahl in der Zukunft benötigt, sondern auch so genannte Halbakademiker, wie sie aus dualen Studiengängen der Berufsakademien und der Fachhochschulen hervorgehen. Diese Berufsausbildung wird im Zeichen der drei "I" stehen: der Information, der Internationalisierung und der Individualisierung.

Gerade wegen des schnellen Wandels wird ein solides Grundlagenwissen immer notwendiger. Aber der Wandel bedeutet auch Abschied von den Langzeitstudiengängen mit nur einem Abschluss nach sieben Jahren. Das Rezept lautet: Kürzere Erstausbildung für die große Masse, die ohnehin nichts anderes von den Hochschulen erwartet als eine vertiefte Berufsvorbereitung. Nach drei bis vier Jahren mit dem Bachelor in der Tasche kommt dann der Wechsel in den Beruf mit der Aussicht, später zur Weiterbildung an die Hochschule zurückzukehren und dort den Master nachzuholen. In dieser Antwort waren sich die Vertreter der Wirtschaft und der Bildungsforscher Karl Ulrich Mayer, der übrigens viele Jahre Vorsitzender der wissenschaftlichen Kommission im Wissenschaftsrat war, einig. Mayer wagt sogar die Prognose, dass dann ein Stück Chaos in der Bildungspolitik überwunden werden kann.

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