Gesundheit : Diebe im Audimax

Die Humboldt-Universität sieht sich als Opfer „organisierter Banden“. Doch die Polizei wiegelt ab

Anja Kühne

Die Humboldt-Universität (HU) sieht sich zunehmend als Opfer von Dieben. „Das Thema bewegt die Universität heftig“, sagte Vize-Präsident Frank Eveslage jetzt im Akademischen Senat der Hochschule. In den letzten Monaten habe die Zahl von Einbrüchen und Diebstählen zugenommen. „Organisierte Banden“ hätten sich vor allem auf Beamer, elektronische Projektoren, spezialisiert. „Selbst aus der schwindelerregenden Höhe des Audimax werden sie abgeschraubt“, sagte Eveslage.

Gerade im Vorfeld großer Sportveranstaltungen seien auffällig viele Geräte entwendet worden, denn dann gebe es offenbar eine größere Nachfrage auf dem Markt, so die Univerwaltung. Die Räumlichkeiten der Hochschule und ihre Ausstattung würden offenbar ausspioniert. Manche Täter knackten Schlösser auf, andere kämen am helllichten Tag durch unverschlossene Türen und griffen in unbeobachteten Momenten zu. Auch Computer oder Bildschirme verschwinden.

Welcher Schaden ihr durch Diebstähle entstanden ist, will die Universität nicht sagen. Ein Beamer kostet zwischen 2000 und 10000 Euro. Die Polizei hat auf dem Campus in Berlin-Mitte seit Jahresbeginn 41 Diebstähle gezählt, doch darunter sind auch Handtaschen oder Kaffeekassen, die etwa während des Mittagessens in der Mensa unachtsam aus den Augen gelassen würden. Vor fünf Jahren bezifferte die Humboldt-Universität ihre jährlichen Verluste durch Diebstähle auf 15000 bis 20000 Euro (siehe Tagesspiegel vom 7. September 1999). Die Uni muss den Schaden selbst bezahlen, denn die Geräte zu versichern wäre zu teuer, sagt Eveslage. Deshalb würden manche Dekane die Diebstähle gar nicht mehr an Uni-Leitung oder Polizei melden, kritisierte ein Studentenvertreter im Akademischen Senat.

Wie kann die Hochschule sich schützen? „Eine Universität ist offenes Haus“, sagte HU-Präsident Jürgen Mlynek. Viele Institute teilen sich ein Gebäude, aber Schlüssel für dutzende von Mitarbeitern gibt es nicht, die Türen stehen offen. Und dort, wo die Räume wegen ihrer Ausstattung verschlossen sein müssen, etwa auf dem Campus in Berlin-Adlershof, beklagten sich die Studierenden bereits über Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit, sagte Mlynek.

Besonders attraktive Zielscheiben wie das Rechenzentrum sind schon vor Jahren zu Hochsicherheitstrakten geworden, Computer-Pools werden mit Video überwacht. Das Naturkundemuseum, aus dem Mitte der neunziger Jahre Edelsteine im Wert von 30000 Euro entwendet wurden, weiß sich inzwischen zu schützen. Ihre Beamer sichert die Humboldt-Uni jetzt mit Metallkästen und elektronischen Alarmsystemen, die mit dem Wachschutz verbunden sind. Das reicht aber nicht allen. An der HU wünschen sich manche, dass die Polizei gegen die Kriminalität an Hochschulen eine eigene Arbeitsgruppe bildet, am liebsten bundesweit. Schließlich seien die Probleme überall die gleichen. Das will man an der Freien Universität jedoch nicht bestätigen: Diebstähle und Vandalismus seien seit Jahren auf sehr niedrigem Niveau, nachdem man passende Sicherheitsmaßnahmen ergriffen habe.

Auch die für den Uni-Campus in Berlin-Mitte zuständige Polizeidirektion sieht keinen besonderen Handlungsbedarf: „Es gibt kein ernsthaftes Problem“, sagt ein Sprecher. Aus den Delikten der vergangenen Monate könne man weder herauslesen, dass organisierte Banden am Werk seien, noch „dass Olympia Schuld ist“. Die angezeigten Fälle zeugten viel mehr von einem „sorglosen Umgang“ der Uni mit Wertgegenständen: „Überall stehen die Türen offen, Gelegenheit macht Diebe“, so der Sprecher. Aus Sicht der Polizei ist die HU keineswegs ein krimineller Brennpunkt, im Gegenteil: „Bei den vielen Menschen ist der Anteil an den Delikten in der Stadt verschwindend gering.“

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