Gesundheit : Dienstweg

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

-

Die Gebrüder Grimm in ihrem wunderbaren Deutschen Wörterbuch kennen das Stichwort natürlich noch nicht, auch die verwandten Begriffe „Amtsweg“ und „Instanzenweg“ finden sich bei ihnen nicht. Das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des zwanzigsten Jahrhunderts definiert dann scheinbar schon präziser: „Weg, der im Verkehr mit Behörden vorgeschrieben ist“. Und tatsächlich, es geht um einen langen Weg. In einem Internetlexikon heißt es schließlich sehr präzise: „Verfahrensreglung, wonach bei der Klärung dienstlicher Angelegenheiten eine bestimmte Reihenfolge eingehalten werden muss, in der die jeweils zuständigen Vorgesetzten oder übergeordneten Dienststellen angesprochen werden.“

Vor meinem geistigen Auge erscheinen Schriftstücke, die einen solchen Dienstweg gegangen sind und Tag für Tag auf meinem Schreibtisch landen: Oben links oder unten rechts oder irgendwo anders tragen sie eine mehr oder weniger lange Reihe von teils mehrfarbigen Kürzeln; ich brauchte eine Weile, die zu verstehen, die in der Humboldt-Universität verwendet werden: an P über VPF und PA 13 (Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Vorgängen sind selbstverständlich beabsichtigt). Hinter die auf den ersten Blick unverständlichen Kürzel sind Namensparaphen gesetzt, mit Datum selbstverständlich. Auf diese Weise kann man nicht nur feststellen, ob der oder die jeweils zuständige Vorgesetzte auch einen Blick auf die Zeilen werfen konnte (und also der Dienstweg eingehalten wurde), sondern man erkennt auch sofort, wie lange ein Schriftstück in der Verwaltung unterwegs war.

In den letzten Monaten habe ich das eine oder andere Mal davon geträumt, ein Schriftstück aufzusetzen, das neben der Unterschrift nur einen kurzen Satz tragen würde: „Hiermit hebe ich den Dienstweg ein für alle mal und feierlich auf.“ Selbstverständlich würde ich ein solches Schriftstück zunächst auf dem Dienstweg an die Rechtsstelle schicken und mich darüber belehren lassen, ob so etwas juristisch überhaupt möglich ist. Wahrscheinlich würde man mir dort auch mitteilen, dass das Einhalten der Dienstwege Verfahrenstransparenz sichert und eine Verwaltung vor dem Absturz ins Chaos bewahrt. Aber ich fühle mich beim Dienstweg immer an einen Satz von Tucholsky erinnert, der als das deutsche Schicksal beschrieb, vor dem Schalter zu stehen und als den deutschen Traum, endlich den Platz hinter dem Schalter einnehmen zu dürfen. Also träume ich wenigstens weiter davon, in der Universität und der ganzen Stadt feierlich den Dienstweg aufzuheben. Morgen, vielleicht.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar