Gesundheit : Diepgen lächelt, metaphysisch - Die Eröffnung in Berlin

Kerstin Decker

Gut, dass Kant uns nicht kennt. Natürlich haben wir den kategorischen Imperativ begriffen. Fast jeder handelt längst so, als ob die Maxime seines Willens zur Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung gemacht werden müsste. Wir sind die verwirklichte Aufklärung. Frei und schrankenlos. Aber ob Kant die Maximen unseres Willens noch verstehen würde, wenn er jetzt zum IX. Internationalen Kant-Kongress nach Berlin käme? Eberhard Diepgen hat ihn gestern in Berlin eröffnet. Wahrscheinlich wird es der größte Kant-Kongress der Geschichte. Hätte Kant diesen Kongress verstanden? 420 Philosophen. 420 Referate in den nächsten sechs Tagen. Alle über ihn. Eine Kant-Ausstellungseröffnung am Potsdamer Platz. Am Donnerstag die Gala im Schauspielhaus mit Ansprache des Bundespräsidenten und Beethoven. Kant lebt!

Der Regierende Bürgermeister hält Kant überhaupt für den größten Philosophen der Geschichte. Worauf Volker Gerhardt vom Philosophischen Institut der Humboldt-Universität ihm Mut zuspricht: Wer ein derart sicheres philosophisches Urteil habe, sei auch prädestiniert, politisch das Richtige zu treffen. Diepgen lächelt mit neuer Zuversicht: "Wir können uns zwar das ein oder andere nicht leisten, aber wir müssen es uns leisten können!" Schien die Sache der Aufklärung nicht anfangs gerade so aussichtslos wie die Sanierung des Berliner Kulturetats? Kant macht Mut. Gesetze um ihrer selbst willen zu achten, auch das könne man von Kant lernen. Diepgen sagt es zögernd, als denke er darüber nach, wer wohl Kohls Lieblingsphilosoph sein könnte. Vielleicht wäre es überhaupt gut, den kategorischen Imperativ zur Grundlage des moralischen und politischen Handelns des neuen Jahrtausends zu machen? fragt er forschend ins Auditorium Maximum der Humboldt-Universität. Die internationalen Kant-Forscher hüllen sich in ein transzendental-undurchdringliches Schweigen. Immerhin hatte schon Kant selbst erheblichen Ärger mit dem Imperativ. Eine ganze "Metaphysik der Sitten" (885 Seiten) mußte er schreiben, nur um Imperativ und das Leben in dauerhaften Kontakt zu bringen. Wer sollte sowas diesmal machen? Diepgen! Denn der Regierende Bürgermeister ist sofort auf Augenhöhe des Problems. Beunruhigend sei doch die überall wachsende Kluft zwischen "Norm" und "Normalität". Eine urkantianische Wahrnehmung.

Manchmal wirkt sie sogar quasi-umstürzlerisch. Zum Beispiel in der DDR. Richard Schröder, Vizepräsident der Humboldt-Universität, erklärt nun den Kant-Forschern aus aller Welt, wie man mit Kants politischen Schriften die "führende Rolle der SED" widerlegen konnte. Das war mit Hegel (Das Wirkliche ist vernünftig und das Vernünftige wirklich!) natürlich viel schwerer.

Überhaupt Hegel. Der Präsident der Kant-Gesellschaft, Manfred Baum, gesteht eine gewisse Befangenheit an diesem Orte, wo nicht Kant, sondern Hegel, Fichte, Schelling, die Kant-Überwinder lehrten, "deren Ruhm bis heute noch nicht verblaßt ist". Sagt Baum mit einem Unterton aufrichtigen Bedauerns. Doch wurden die Kant-Überwinder längst von den Hegel-Fichte-Schelling-Überwindern überwunden.

Dennoch beschließt Baum, alles auf eine Karte zu setzen und den internationalen Kantianern einen Vortrag mit dem selbstquälerischen Titel: "Warum Kant?" zu halten. Worte wie "Onto-Theologie" oder "synthetische Urteile a priori" beginnen sich zu häufen. Diepgen sitzt noch immer in Reihe 1 . Ohne die synthetischen Urteile a priori, fährt Baum fort, besitze Philosophie keinen eigenen Gegenstandsbereich. Synthetische Urteile a priori sind erfahrungsunabhängige Urteile, mit denen man trotzdem Erfahrungen machen kann. Ein Anflug von Mißatrauen legt sich auf die Gesichter. Das sind sicher die angelsächsischen Kantianer, die vorhin bei dem Wort "metaphysische Naturanlage des Menschen" eine gewisse Unruhe zeigten. Diese Europäer mit ihrer Metaphysik! Gibt es etwa Amerikaner mit metaphysischen Naturanlagen?

Der letzte Kant-Kongress war 1995 in Memphis. Kant traf Elvis. Diesmal wollte man etwas näher an Königsberg heran. Und nächstes Mal vielleicht ganz ... ? Nein, Kant wäre nicht nach Berlin gekommen. Er hat Königsberg nie verlassen. Man weiß nicht, ob er jemals die Ostsee sah. Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu sein, sondern um des Glückes würdig zu werden, hat er gesagt. Vor den Cafés an der Humboldt-Uni sitzen die Erben des Kategorischen Imperativs in der Sonne.

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