Gesundheit : Dinos aus dem Eis

Lassen sich ausgestorbene Säugetiere wie das Mammut durch Klonen wieder zum Leben erwecken?

Matthias Glaubrecht

Nichts scheint mehr unmöglich in der schönen neuen Scheinwelt der Biologie unserer Tage. Da diskutieren Politiker lange darüber, ob embryonale Stammzellen nun „totipotent“ oder doch nur „pluripotent“ sind – und kurz darauf züchtet ein deutscher Biologe aus embryonalen Mäuse-Stammzellen funktionstüchtige Eizellen. Gleichzeitig zeigen japanische Forscher, dass auch Spermien aus Stammzellen werden können.

Da sollte doch – Michel Crichton grüßt aus dem Jurassic Park – die Wiederbelebung auch des ausgestorbenen Wollhaar-Mammuts nurmehr eine Kleinigkeit sein. Diese riesigen Elefanten-Verwandten mit dem zotteligen Fell trotzten bis zum Ende der letzten Eiszeit der eisigen Kälte im sibirischen Norden. Nachdem sie 200000 Jahre in großen Herden durch Nordeuropa, Asien und Nordamerika gestreift waren, machte ihnen das milder werdende Klima vor etwa 10000 Jahren den Garaus. Wälder breiteten sich aus und verdrängten die Grassteppe als nahrungsspendenden Lebensraum der Mammuts; und sicherlich halfen auch Menschen auf der Jagd nach Fleisch und Fellen nach.

So lebt seitdem nur der Mythos Mammut weiter. Angeheizt wird er immer wieder einmal durch den Fund der sterblichen Überreste eines dieser Urtiere. Im Dauerfrostboden Sibiriens und Alaskas haben offenbar Dutzende Mammut-Kadaver mit Haut und Haaren die Jahrtausende weitgehend unbeschadet überdauert. Nachdem sie lange kaum mehr als Kuriositäten der Naturforschung waren, sind sie heute für wagemutige Forscher das Objekt der Begierde. Denn in den kaum verwesten Kadavern haben sich, so hoffen jetzt vor allem Molekulargenetiker, vielleicht sogar Spermien der Tiere erhalten. Ist damit das Wiederbeleben ausgestorbener Tierarten möglich – und nötig?

Die Frage lässt sich auf viele ausgestorbene Tierarten ausdehnen, etwa auf den vom Menschen ausgerotteten Tasmanischen Tiger (Beutelwolf). Im Zoo von Hobart starb 1936 das letzte Tier dieser Spezies. Nur Knochen und Fell sowie einige Bilder blieben erhalten. In Sydney wollen Molekularbiologen den Beutelwolf im Labor als geklonte Schöpfung wieder auferstehen lassen, indem sie dessen Erbsubstanz rekonstruieren.

Buch und Film-Schocker Jurassic Park lebten von der Idee, Dinosaurier mittels deren Erbgut zu neuem Leben zu erwecken. Dazu müsste eine in Bernstein konservierte Stechmücke gefunden worden sein, die nach ihrer Blutmahlzeit am Dino in das klebrige Baumharz geraten wäre. Aus deren Magen ließe sich die Dino-DNS noch nach 100 Millionen Jahren isolieren, um dann fehlende Genstellen mittels Reptilien- oder Amphibien-DNS zu ergänzen. Dass solches möglich wäre, bezweifeln jedoch viele Experten.

Freilich ist das weder beim Tasmanischen Tiger noch beim Wollhaar-Mammut das einzige Problem. Zuerst müssen Forscher das Genmaterial der jeweiligen Tierart in ausreichender Menge und gut konserviert vorfinden. Die Jagd nach gut erhaltenen Überresten von Mammuts im sibirischen Permafrost schildert der Wissenschaftsautor Richard Stone, der an zwei dieser Expeditionen ins ewige Eis Sibiriens teilgenommen hat, in seinem jetzt erschienenen Buch „Mammut – Rückkehr der Giganten. Expeditionen ins ewige Eis“ (Kosmos-Verlag, 271 Seiten, 19 Euro 90).

Leihmutter gesucht

Während die Passagen jener „Mammut-Jagd“ durchaus Längen haben, interessiert Richard Stone das – ungleich größere, aber weniger abenteuerlich-anschauliche – Problem Nummer zwei, nämlich die derzeit unüberwindbaren gentechnischen Hindernisse, nur am Rande. Doch es lässt die ungeheuren (und kostspieligen) Anstrengungen russischer, japanischer und amerikanischer Forscher auf der Jagd nach dem letzten Mammut auch in einem anderen Licht erscheinen. So suggeriert Stone mit seiner Diskussion etwa um einen Mammut-Park irgendwo in der russischen Tundra, dass die Gentechnologen es schon richten werden, wenn sich nur klonfähige Spermien in einem Permafrost-Kadaver eines Mammuts finden ließen. Indes ist die Vorstellung von der Wiedergeburt des zottigen Urviechs derzeit tatsächlich ein (Alp-)Traum – faszinierend vielleicht, aber eben phantastisch.

Experten unter den Molekularbiologen dämpfen die Euphorie ihrer Kollegen mit jener berufstypischen „anything goes“-Mentalität. Denn was Richard Stone verschweigt: Nicht nur das Extrahieren von im Permafrost konservierten Spermien in ausreichender Menge klingt simpler, als es heute noch ist. Oft müssen auch beim Klonen selbst Hunderte von Versuchen erfolgen. Beim Klonschaf Dolly waren es 277 entkernte Eizellen und ebenso viele Zellkerne. Die müssten aus dem nur bruchstückhaft erhaltenen Erbgut des Mammuts zusammengefügt werden; von den Geburtsschäden selbst bei einer erfolgreichen Schwangerschaft zu schweigen.

Noch eine weitere Hürde steht vor der Wiederauferstehung des Mammuts. Beim Klonen muss das (noch nicht existente) Erbgut dieser Eiszeit-Tiere erfolgreich mit einer Eizelle eines nahen lebenden Verwandten verschmolzen werden und von diesem als Leihmutter ausgetragen werden. Im Fall des Mammuts fällt die Wahl auf Grund der Stellung im Tierreich auf den Asiatischen Elefanten, beim Tasmanischen Tiger wäre es ein anderes australisches Beuteltier, der Tasmanische Beutelteufel. Indes bringt auch dieses Verschmelzen über Artgrenzen hinweg weitere Komplikationen mit sich.

Doch das Entscheidende ist: Wozu das Ganze? Richard Stone lässt in seinem Buch Forscher verkünden, sie wollten mit ihrem Projekt die geschrumpfte Artenvielfalt wieder vergrößern. Dieser Anspruch wirkt lächerlich angesichts geschätzter 13 Millionen Tierarten auf der Erde, von denen lediglich zehn Prozent beschrieben sind.

Ganz zu schweigen von der Frage, wo die geklonten Herden wollhaariger Giganten leben sollen. Da sich der Mensch überall – auch in den Tundren der Nordhalbkugel – breit gemacht hat, fehlen dem Mammut geeignete Lebensräume. Weite Wanderungen, wie sie bei diesen Herdentieren üblich sind, wird man ihnen kaum erlauben können. Das Schicksal, in den immer enger werdenden Lebensraum ihrer Schutzgebiete eingesperrt zu sein, teilten Mammuts dann mit ihren Elefanten-Verwandten in Afrika und Asien. Freilich wäre das der zweite Schritt vor dem ersten. Denn noch sind sie nicht am Leben.

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