Gesundheit : Dinosaurier mit Schwimmärmchen

Träge Masse: Forscher rekonstruieren das beschwerliche Leben von Brachiosaurus, dem Giganten der Urzeit

Thomas de Padova

Von Stahlträgern gehalten, ragt das Skelett fast zwölf Meter zur Decke hinauf. Schulkinder hüpfen leichtfüßig um die Knochen des Dinosauriers. Brachiosaurus brancai ist die größte Attraktion im Berliner Naturkundemuseum. Mehr als 70 Jahre lang war es das größte montierte Saurierskelett weltweit. Aber wie sich dieser Koloss, der einst so schwer war wie zehn bis 15 ausgewachsene Elefanten, auf seinen kurzen stämmigen Beinen bewegte, ist nach wie vor umstritten: Erst versetzten Wissenschaftler ihn ins Wasser, um ihm ein bisschen Auftrieb zu geben, dann machten sie ihn zum reinen Landlebewesen.

Bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Wirbeltier-Paläontologie in St.Paul im US-Bundesstaat Minnesota hat er nun erneut nasse Füße bekommen. Zwar glaubt heute niemand mehr, dass Brachiosaurus vor 150 Millionen Jahren ein guter Schwimmer war – im Gegenteil: In dem Computermodell von Don Henderson von der Universität Calgary in Kanada treibt er hilflos „wie ein gigantischer Korken“ auf dem jurassischen Meer herum. Eine kleine Welle, und der virtuelle Dinosaurier kippt zur Seite.

Trotzdem war Brachiosaurus womöglich ein geschickter Wasserläufer. In flachen Seen könnte er sich mit seinen Vorderbeinen vom Boden abgestoßen haben, während die kürzeren Hinterbeine untätig im Wasser trieben (siehe Grafik). In Hendersons dreidimensionaler Computersimulation jedenfalls kam der virtuelle Dinosaurier auf diese Weise in fünf Meter tiefem Wasser gut vorwärts, wie das Fachmagazin „Science“ (Band 302, Seite 549) kürzlich berichtete.

Dass Paläontologen Brachiosaurus zunächst im Meer ansiedelten, hat mehrere Gründe. „Lange Zeit dachte man, die Tiere bräuchten Auftrieb, um sich überhaupt bewegen zu können“, sagt David Unwin, Wissenschaftler am Berliner Naturkundemuseum. Das kann sich jeder vorstellen, der in der Saurierhalle des Museums zu dem Giganten aufschaut. Der aus vielen verschiedenen Funden zusammengesetzte Brachiosaurus steht hier mit abgespreizten Vorderbeinen. Mehr als zwei Meter messen allein die Oberschenkelknochen. Trotzdem hätten in einer derartigen Stellung auch sie den massigen Körper des Dinosauriers wohl kaum halten können. Er wäre in sich zusammengefallen.

Die Beine müssen den Körper wie Pfeiler gestützt haben – so wie bei dem im Field Museum of Natural History in Chicago aufgestellten Exemplar. Es überragt den Berliner Brachiosaurus daher inzwischen um ein paar Zentimeter. Um auch den Berliner Dinosaurier wieder auf die Höhe der Zeit zu bringen, fehlt dem Museum allerdings das Geld.

„Brachiosaurus kann sich nur sehr langsam bewegt haben“, sagt der Dinosaurier-Experte Oliver Rauhut. „Das kann man an den Fährten der Dinsaurier erkennen." Die Fußabdrücke lassen auf eine kurze Schrittlänge schließen. Brachiosaurus lief demnach so langsam, dass unsereins vor dem vermutlich zahmen Pflanzenfresser leicht hätte davonlaufen können.

Einen deutlichen Hinweis auf das Wasserleben der Sauropoden, zu denen Brachiosaurus zählt, fand Robert T. Bird vom American Museum of Natural History in den 40er Jahren. Er entdeckte in Texas eine Sauropodenfährte, die – abgesehen von einem einzigen Abdruck des linken Hinterfußes – nur aus der Spur der Vorderfüße besteht. Offenbar hatte sich der Dinosaurier in dem einstigen See mit seinen Vorderbeinen vorwärts gehangelt und dann plötzlich mit einem Schwung des Hinterbeines scharf die Richtung geändert. Das passt zu dem nun gezeichneten Bild des Wasserläufers.

Es gab indessen noch mehr Indizien, die ein Leben der Sauropoden im Wasser nahe legten. Rauhut schließt die Tür zu der Wirbeltier-Sammlung im ersten Stockwerk des Naturkundemuseums auf und zieht die Vorhänge zurück. Das Sonnenlicht fällt auf den großen Tisch, auf dem eine Glasvitrine mit dem Originalschädel des Brachiosaurus brancai zu sehen ist.

Rauhuts Kollege Wolf-Dieter Heinrich lenkt die Aufmerksamkeit auf die Nasenöffnung. „Anfangs dachte man, dass die Nase oben auf dem Schädel lag", sagt er und deutet auf die vermeintlichen Vertiefungen der Schädeldecke. Paläontologen hätten darin einen Hinweis dafür gesehen, dass der Dinosaurier die Nase wie einen Schnorchel benutzte: Stand er im tiefen Wasser, reckte er seinen acht oder neun Meter langen Hals in die Höhe und sog dreimal pro Minute Luft ein.

Doch eine solche Atmung ist physikalisch unmöglich, wie Wissenschaftler später herausfanden. Der Druck des Wassers auf den Brustkorb ist so hoch, dass es einem Lebewesen schon in einem Meter Tiefe nicht mehr möglich ist zu schnorcheln. Die Luft werde geradezu aus dem Brustkorb herausgepresst, stellte Kenneth Kermack vom University College in London fest. Wenn sich die Lungen gar sieben oder acht Meter tief unter der Oberfläche befunden hätten, wären sie samt Luftröhre geplatzt.

Mit diesem Argument holten Forscher Brachiosaurus schon in den 50er Jahren wieder an Land zurück. Inzwischen seien Paläontologen übereinstimmend der Meinung, dass der Sauropode auf dem Festland lebte, sagt Rauhut. „Mit seinen Zähnen weidete er Nadelbäume und Ginkgos ab.“ Und wenn eine ganze Herde von Urgetümen ein Gebiet durchstreifte, betrieb sie wohl einen noch größeren Kahlschlag als Elefantenherden heutzutage.

Trotz der vielen wissenschaftlichen Studien ist Brachiosaurus bis heute rätselhaft geblieben. So ist es zum Beispiel ungeklärt, wie er sich mit Wasser versorgte. „Man weiß nicht einmal, ob er seinen Kopf bis zum Boden senken konnte“, sagt Rauhut. Dass dies bei einem derart langen Hals ein Problem sein könnte, klingt überraschend. Aber die Halsrippen konnten sich nur bis zu einem gewissen Grad ineinander schieben. Hätte Brachiosaurus den Kopf zum Boden bewegt, hätte er sich mit seinen langen Rippen möglicherweise selbst erdolcht.

Ging er also hin und wieder ins Wasser, um zu trinken? Das ist durchaus denkbar. Paläontologen haben etliche Knochen von Sauropoden gefunden, die wegen ihres enormen Gewichts im Morast stehend verendet waren. Vielleicht näherte sich der Dinosaurier des Öfteren dem Ufer eines Sees. Aber von allzu weichem Untergrund musste sich Brachiosaurus offenbar fernhalten, um nicht einzugehen.

Rauhut und Heinrich steigen in den Knochenkeller des Naturkundemuseums hinab und öffnen einen kalten Raum. Die Regale liegen voller Dinosaurierknochen, die langsam zerbröseln. Auch verschlossene Bambuskisten stapeln sich hier. Darin schlummern noch immer Fundstücke der Dinosauriergrabungen in Tansania von 1909 bis 1913, aus denen auch die Knochen des Brachiosaurus stammen.

In mühsamer Handarbeit wurden die Schätze damals gehoben, für den Transport mit Lehm und Gips präpariert, von hunderten Einheimischen zur 80 Kilometer entfernten Küste getragen und nach Deutschland verschifft. Einige Kisten sind heute noch verschlossen. Vielleicht ließe sich mit ihrer Hilfe die Frage klären, ob Brachiosaurus regelmäßig das Wasser aufsuchte, um zu trinken oder sich abzukühlen. Aber das Museum hat weder Geld dafür, die kostbaren Funde aufzuarbeiten, noch dafür, seine Schätze in der Ausstellung adäquat zu präsentieren.

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