Gesundheit : Dinosaurier unter Schock

Graham Jefcoate, der Generaldirektor der Staatsbibliothek zu Berlin, über die Zukunft des Mediums Buch

Anja Kühne

Der natürliche Feind des Buches ist der Leser. Er hinterlässt dort Fettflecken wie Kritzeleien, bricht den Einbänden das Rückgrat oder reißt schöne Illustrationen aus. So geht das seit Hunderten von Jahren. Der schwerste Schlag könnte dem Buch aber noch bevorstehen: mit dem Siegeszug des Computers. Bytes statt Bücher – droht dem sinnlichen Leseerlebnis ein digitaler Todesstoß? Und was wird dann aus den Bibliotheken mit ihren altehrwürdigen Lesesälen?

Der Generaldirektor der Staatsbibliothek zu Berlin, Graham Jefcoate, warf am Mittwoch bei der Eröffnung des Studienjahres am Großbritannien-Zentrum der Humboldt-Universität einen Blick in die Zukunft von Büchern, Bibliotheken und Bibliothekaren. In der Tat, so Graham Jefcoates, wird die alte Welt des Buches und seiner Beschützer, der Bibliothekare, bald nicht mehr wiederzuerkennen sein. Die Schockwellen der Revolution in der Informationsverarbeitung haben sie schon erreicht. Die Bibliotheken werden auf die Neuerungen einsteigen müssen, wenn sie als Dinosaurier in einer vernetzten Welt überhaupt noch eine Existenzberechtigung haben wollen, sagte Jefcoate.

„Massiv investieren“

Deswegen will der Brite in der Staatsbibliothek, deren Leitung er im Februar übernahm, die Digitalisierung vorantreiben. „Die meisten Nutzer werden in Zukunft online auf die Texte zugreifen“, meint Jefcoate. Die Bibliotheken müssten „massiv“ in ihre technische Ausstattung investieren und Werkzeuge auftun, mit denen sie den Nutzern den bestmöglichen Zugang zu riesigen Datenmengen eröffnen können. Sie sollen Know-how bereithalten, damit die Leser Daten zuerst in Informationen und schließlich in Wissen umwandeln können. Damit das gelingen kann, empfiehlt Jefcoate angesichts der gewaltigen Herausforderungen eine enge Vernetzung von Bibliotheken und Forschungseinrichtungen – weltweit.

Jefcoate steht der neuen Welt nicht mit kulturkritischer Verbitterung gegenüber. Im Gegenteil glaubt er, dass sich die Bibliothekare mit ihren Einrichtungen an die Spitze der Informations-Gesellschaft setzen müssen. In seiner Vision kommt den Bibliotheken in einer globalisierten, aber gleichwohl fragmentierten Welt eine Schlüsselrolle zu. Sie werden es sein, die den Menschen zu Chancengleichheit verhelfen, indem sie ihnen Zugang zu den Informationsressourcen eröffnen. Von der Digitalisierung können letztlich alle profitieren, gerade auch Liebhaber alter Schriften. Im Frühjahr etwa will die Staatsbibliothek das Autograph von Beethovens Neunter Symphonie ins Netz stellen, das unlängst in die „Memory-of-the- World“-Liste der Unesco aufgenommen wurde.

Das Berufsbild des Bibliothekars wird sich völlig verändern. „Es reicht nicht mehr, einen akademischen Abschluss und einige Fremdsprachenkenntnisse zu haben“, sagte Jefcoate, der selbst in Cambridge und London ausgebildet wurde und einige Jahre in Deutschland verbrachte, bevor er seine Arbeit an der British Library aufnahm. Manche ältere Bibliothekare fühlten sich bei den vielen Neuerungen in ihrem Beruf nicht mehr wohl. Sie müssten durch Weiterbildungen unterstützt werden. Doch seien die Bibliotheken auch auf ihre Erfahrung angewiesen.

Der Bibliothekar der Zukunft wird sich zunehmend mehr um die Finanzierung seiner Bibliothek kümmern müssen. Gebraucht würden Experten in Fundraising und Menschen, die in der Lage seien Projekte und Personal professionell zu managen. „Wir sind noch nicht da, wo wir hin müssen“, sagte Jefcoate über die Berliner Staatsbibliothek. „Aber ich bin optimistisch. Die Qualität der Mitarbeiter ist außerordentlich hoch, zum Teil höher als in London.“

Digitale Revolution hin oder her – das Ende der Lesesäle will Jefcoate mit seiner digitalen Vision nicht einläuten: „Es wird sie immer geben.“ Auch ein Ende des guten alten Buches sei nicht in Sicht. Um die vielen Neuerscheinungen unterbringen zu können, plant die Berliner Staatsbibliothek in den kommenden Jahren bereits die Eröffnung eines dritten Standortes.

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