Gesundheit : Diplomaten und Geheimdienst wurden von den politischen Entwicklungen überrolt

Ingo Bach

Der Sommer des Jahres 1939 war neblig - zumindest für die europäische Diplomatie. Während der vom Deutschen Reich immer weiter verschärften Krise um Polen stocherten die Politiker auf allen Seiten blind herum, um die Absichten von Freund und Feind zu erkunden. "Die Diplomaten rannten hin und her; alle Wände wurden abgetastet, überall auf den Busch geklopft", schreibt Albert Wucher in seinem Dokumentarbericht über den Beginn des Zweiten Weltkrieges: "Seit 5Uhr45 wird zurückgeschossen". "Hinter den Kulissen begann ein verbissenes Freistilringen um die besseren Trümpfe."

Frankreich und Großbritannien hielten lange an der Illusion fest, Hitler ginge es im Wesentlichen nur um eine Revision des Versailler Vertrages. Und sie waren durchaus gewillt, ihm auf diesem Wege weit entgegenzukommen. Doch spätestens nach dem - noch unblutigen - Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Prag am 15. März 1939 hätte "es jeder, der sehen wollte, sehen müssen: Hitler ging es weder um die Revision des Versailler Vertrages noch um ein Selbstbestimmungsrecht der Völker", sagt Ludolf Herbst, Neuzeithistoriker an der Humboldt-Universität zu Berlin. "Das, was Hitler betrieb, war nackter Imperialismus. Er wollte über andere Völker herrschen."

Nach dieser "klassischen Zäsur" sei die Kompromissfähigkeit Großbritanniens und Frankreichs immer schwächer geworden, meint Herbst. Doch trotz der negativen Erfahrung setzten beide Staaten noch bis zum buchstäblichen Vorabend des Einmarschs in Polen auf eine Verhandlungslösung, in die sie Hitler einbinden wollten. Hitlers Ziele blieben ihnen unklar. Mehr als einmal gelang es dem Diktator, die alliierten Botschafter und ihre Regierungen von seinem grundsätzlichen Friedenswillen zu überzeugen. Noch am 22. August - vier Tage zuvor hatte Hitler den italienischen Duce Mussolini wissen lassen, dass er in wenigen Tagen die "Polnische Frage" militärisch lösen werde - schrieb der britische Premierminister Neville Chamberlain an Hitler einen Brief. Dabei drückte er seine Vermutung aus, dass es in der deutschen Führung Gemäßigte und Radikale gäbe und er, Hitler zu den Gemäßigten zähle. Die Warnung, dass Großbritannien zu seinen Bündnisverpflichtungen mit Polen stehen werde, sollte Hitler in seiner "gemäßigten Haltung" bestärken.

Doch auch der deutsche "Führer" tappte in manchen Punkten im Dunkeln. Immer wieder prahlte er, dass die britisch-französischen Garantieerklärungen für Polen nicht ernst gemeint seien. Die Westmächte würden ebenso stillhalten, wie beim deutschen Einmarsch in Prag. Umso überraschter war er, als die Kriegserklärungen der westlichen Alliierten am 3. September tatsächlich eintrafen. "Ob sich Hitler nun bei der Reaktion der Briten und Franzosen verschätzt hat, werden wir nie endgültig klären können", betont Ludolf Herbst. "Seine inneren Gedanken sind nicht überliefert, das wird immer unsere Grenze bleiben bei der Einschätzung Hitlers. Aber er wollte den Krieg und er kannte mit Sicherheit das Risiko, dass er bewusst einging."

Andererseits reichten die erneuerten Garantieerklärungen für Polen am 24. August und das Zögern von Hitlers engstem Verbündeten, Italien, aus, dass der Reichskanzler am 25. August den schon gestarteten Angriff auf Polen zunächst wieder abblies. Mussolini hatte ihm überraschend erklärt, er könne nicht mitmarschieren, seine Armee sei nicht kriegsbereit.

Doch die europäischen Kontrahenten verschätzten sich nicht nur, wenn es um ihre Gegner und Verbündeten ging. Selbst bei ihren eigenen Kräften führten falsche Annahmen zu fatalen Fehlern. So pokerte der polnische Außenminister Józef Beck bei den Verhandlungen mit Moskau im Sommer 1939, bei denen es um die alliierten Beistandsleistungen für Warschau im Falle eines deutschen Angriffes ging, sehr hoch. Er wollte den sowjetischen Truppen trotz der eindringlichen Überredungsversuche der Westmächte kein Durchmarschrecht einräumen. Und das, obwohl die Sowjetunion in dieser Zeit noch als Aspirant für die gegen Hitlers Eroberungspläne gerichteten Koalition galt. Beck war fest davon überzeugt, dass die polnische Armee der deutschen Wehrmacht gewachsen sei. Deshalb müsse sein Land auch keine Angst vor seinem westlichen Nachbarn haben. Mit dieser Fehleinschätzung trug Polen maßgeblich dazu bei, dass die Moskauer Verhandlungen scheiterten und Stalin mit Hitler einen Nichtangriffspakt abschloss.

Nur sei dies letztendlich ohne Belang, meint der Historiker Herbst: "Es ging vielmehr um die Frage, bleibt Polen ein souveräner Staat oder wird es zu einem Satelliten gemacht - von Deutschland oder von der UdSSR."

Hätte bei einem besseren Geheimdienst alles anders kommen können? Wenn die Alliierten gewusst hätten, dass Hitler den Krieg gegen Polen längst beschlossen hatte, hätten sie sich vielleicht ihre bis zum letzten Vorkriegstag andauernden Versuche für eine friedliche Lösung erspart und mit dem deutschen Reichskanzler gleich Fraktur geredet - und ihn damit womöglich vom Krieg abhalten oder zumindest den Kriegsausbruch verzögern und sich selbst besser darauf vorbereiten können. Und wenn sich Hitler von Anfang an darüber im Klaren gewesen wäre, dass Frankreich und Großbritannien entgegen seiner Hoffnungen auf jeden Fall für Polen einstehen würden und sein Bundesgenosse Italien sich nicht am Polenfeldzug beteiligen kann, hätte vielleicht auch er den Krieg nicht gewagt. Doch auch ein besser funktionierender Geheimdienst hätte am Kriegsausbruch wohl nichts verändert, meint Ludolf Herbst. "Die Würfel waren längst gefallen. Dann wäre es eben ein anderer Anlass gewesen."Manfred Vasold "August 1939 - Die letzten elf Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges", Kindler-Verlag, München 1999

Albert Wucher "Seit 5 Uhr 45 wird zurueckgeschossen", Luebbe-Verlag, Bergisch-Gladbach 1989

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