Gesundheit : Diskussion zur Medizin des 21. Jahrhunderts in der Charité

Adelheid Müller-Lissner

Mit seinem persönlichen Genpass kommt der Patient in die Praxis seines Arztes. Seine Chipkarte gibt weiter erschöpfende Auskünfte von den Blutwerten bis hin zum Charakter der Großeltern. Absolute Planbarkeit verhütet Krankheiten, ehe sie ausbrechen können. Mit diesem "Blick in die Arztpraxis des Jahres 2050" hatte Moderator Hartmut Wewetzer, im Tagesspiegel für Naturwissenschaft und Medizin verantwortlich, bewusst ein Stück Sciencefiction an den Beginn der Podiumsdiskussion gestellt. "Medizin im 21. Jahrhundert - Das Ende der Krankheiten?" so lautete schließlich die Titelfrage der gemeinsamen Veranstaltung von Tagesspiegel und Charité, die am Mittwoch im Rahmen der Tagesspiegel-Serie "Odyssee 2000" an einem Ort von historischer Bedeutung stattfand. Hier an der Charité wirkte schließlich der Zellularpathologe Rudolf Virchow, der der Medizin unseres Jahrhunderts, wie Wewetzer betonte, mit seinen Forschungen zur Zelle seinen Stempel aufgedrückt hat.

Der Mensch der Zukunft - für immer gesund? Dass die molekulare Medizin, die das Verständnis der Funktionen und Fehlfunktionen von Zellen schon wesentlich vorangebracht hat, im 21. Jahrhundert weiter enorme Fortschritte machen wird, ist für Manfred Dietel unstrittig. Dennoch goss der Chef-Pathologe der Charité reichlich Wasser in den Wein der Visionen: "Vom Gehirn bis zum Zehennagel ist der Mensch ein biologisch extrem komplexes Gebilde." Der Erkenntniszuwachs der modernen Medizin wird sich deshalb nur langsam auf die Behandlung von Krankheiten auswirken.

Auch Erhard Geißler vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin ist überzeugt: "Die Gentherapie wird im 21. Jahrhundert nur einen ganz kleinen Beitrag leisten." Die heutige Einschätzung unterscheide sich deutlich von der Euphorie der 60er Jahre, "als der Nobelpreisträger Jacques Monod noch meinte, was für das Darmbakterium namens E. coli gelte, gelte auch für E. lephant und E. lisabeth".

Von den Visionen zur Wirklichkeit: Günter Stock, Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung des Arzneiherstellers Schering, sieht zuerst einmal überfüllte Wartezimmer vor sich, wenn er an die Arztpraxis der Zukunft denkt: Elf Milliarden Menschen werden Mitte des nächsten Jahrhunderts auf der Erde leben, ein Großteil von ihnen wird älter sein. Seh- und Hörstörungen, Koordinationsstörungen und heute noch tabuisierte Leiden wie die Unfähigkeit zur Kontrolle von Blase und Darm werden seiner Ansicht nach das Beschwerdebild bestimmen: "Der Erhaltung dieser Funktionen sollte in der Medizin mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden."

Die Hormonersatztherapie, die zurzeit nur bei Frauen eingesetzt wird, sieht er als ein Mittel gegen zahlreiche Altersbeschwerden, und "in fünf Jahren wird auch die Hormontherapie für Männer verfügbar sein". Weitere Entwicklungen, die schon in greifbarer Nähe liegen: Medikamente, die gestörte Nervenzellen wieder zum Wachsen bringen und eine Gentherapie, die nach Herzinfarkt neue Blutgefäße sprießen läßt.

Auch die Krebsspezialistin Renate Arnold von der Charité hat den Blick besonders auf die Gruppe der älteren Patienten gerichtet: Krebserkrankungen nehmen mit dem Alter zu, aggressive Therapien werden dann jedoch immer schlechter vertragen. Sie sind auch bei Kindern problematisch, weil sie ihrerseits zu Krebs führen können. "Der Trick, den man anwenden kann, besteht in Kombinationstherapien." Noch im experimentellen Stadium befindet sich eine Therapie mit Immunzellen, die vom Patienten selbst oder von nahen Verwandten stammen können. Dafür werden bestimmteweiße Blutkörperchen isoliert, mit Wachstumsfaktoren behandelt und dem Patienten wieder zugeführt.

"Es wird in der Tumorbehandlung viele Ansätze geben, aber kein einziges strahlendes Konzept." Mit diesen Worten dämpfte der Chirurg Peter Neuhaus Hoffnungen, die der Moderator in die Frage gefasst hatte: "Wird die Medizin den Krebs besiegen?" Statt des großen Sieges sieht Neuhaus viele kleine Erfolge. So macht eine vorangehende Chemotherapie es bei Brustkrebs schon heute möglich, dass die Operationen kleiner ausfallen. Auch verbesserte Früherkennung ist eine Chance: "Krebs ist selten ein Problem, solange er sich nur lokal entwickelt hat", sagte der Pathologe Dietel.

Neben verbesserten Diagnosemöglichkeiten liegt die Hauptchance dafür in der Eigeninitiative. Silvia Schattenfroh, Pressesprecherin Forschung der Charité, mahnte: Die Inanspruchnahme der Krebsfrüherkennungsuntersuchungen und die regelmäßige Beobachtung der Haut gehören zu den Dingen, die jeder selbst für seine Gesundheit tun kann. Solche Vorsorge darf sich auch in Zukunft nicht auf Tumorerkrankungen beschränken. Denn die große Masse der Leiden, mit denen Menschen in den Industrieländern heute zum Arzt kommen, ist chronisch. Die wichtigste Fähigkeit des Menschen, der von Krankheiten wie "Alters"-Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall und Erkrankungen des Stütz-und Bewegungsapparats möglichst lange verschont bleiben will, wird deshalb die zum Neinsagen bleiben: Nein zu fettem Essen, zu übermäßigem Alkoholkonsum, zum Rauchen. Die Botschaft, die uns ins neue Jahrtausend begleiten muss, ist nicht ganz neu: "Schon im Mittelalter wurde das Maßhalten als Tugend betrachtet."

Verändern wird sich nach Ansicht von Frau Schattenfroh dafür das Verhältnis zwischen Arzt und Patient: "Das Internet macht den Patienten in Bezug auf seine Krankheit zum Spezialisten." Überhaupt, wie werden Arzt und Ärztin des 21. Jahrhunderts aussehen? "Sie werden in fünfzig Jahren genau den Arzt haben, den Sie haben wollen" versicherte Neuhaus dem Publikum. Als Chirurg mit dem Spezialgebiet Lebertransplantationen ist er schon heute "High-Tech"-Mediziner. "Doch wenn ich mit meinem Patienten spreche, ist nicht Technik, sondern die individuelle Beziehung maßgeblich."

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