Gesundheit : Doktor Bologna

Streit um die Promotion: Wollen europäische Minister die Ausbildung zu sehr verschulen?

Amory Burchard,Tilmann Warnecke

Der Doktorand war lange Zeit das Aschenputtel im Universitätsbetrieb. Oft einsam und ziellos forschte er im stillen Kämmerlein vor sich hin, manchmal jahrelang, ohne sich mit seinem Betreuer auszutauschen. Das Resultat: Überlange Promotionszeiten, von Fach zu Fach kaum vergleichbare Doktorgrade.

Der Bologna-Prozess sollte Schluss machen mit den Defiziten der Doktorandenausbildung: Schon 2003 einigten sich die europäischen Bildungsminister im Grundsatz darauf, die Promotionsphase als dritten Studienzyklus nach Bachelor und Master in den europäischen Hochschulraum miteinzubeziehen. Wie weit Doktoranden europaweit vergleichbar ausgebildet werden, ob es künftig ein streng reglementiertes Promotionsstudium wie in den USA geben soll, daran scheiden sich vor der morgen beginnenden Bologna-Konferenz in London die Geister.

Während einige Unis – wie in Berlin die Humboldt-Universität und die Freie Universität – bereits an einer weitgehend durchstrukturierten Doktorandenphase arbeiten, laufen die technischen Universitäten in Deutschland gegen die Pläne Sturm. Die Promotion dürfe nicht verschult werden, insbesondere für die Ingenieurwissenschaften wäre eine Vereinheitlichung eine „Katastrophe“, wetterte jetzt Horst Hippler, Rektor der TU Karlsruhe und Sprecher der neun größten deutschen technischen Universitäten (TU 9).

Wie eine einheitliche Ausbildung für Doktoranden aussehen könnte, zeigen die Pläne der Humboldt-Uni für ihre jüngst eröffnete Humboldt Graduate School (HGS), das Dach für alle Promotionsprogramme der Hochschule. In die HGS aufgenommen werden jedoch nur Programme, die strenge formale Anforderungen an Studierende und ihre Betreuer stellen: So gibt es ein „verbindliches Ausbildungsprogramm, das aus fachlichen und nichtfachlichen Komponenten besteht“. In der Graduiertenschule „Mind and Brain“ müssen etwa Neurobiologen ein Philosophieseminar und Philosophen eine neurobiologische Vorlesung besuchen. Neben der Dissertation ist „verpflichtend vorgesehen“, dass die Doktoranden weitere „wissenschaftliche Eigenleistungen“ wie eine Lehrveranstaltung oder die Organisation einer Konferenz erbringen. Begleitet werden die Promovierenden durch ein „Betreuergremium“. Mit ihm schließen sie eine Betreuungsvereinbarung inklusive in der Regel dreijährigem Arbeitsplan ab. Wer ihn nicht einhält, kann aus dem Programm ausgeschlossen werden.

Für TU 9-Chef Hippler ist ein solches Szenario ein Gräuel. Gegen freiwillige Angebote wie Managementkurse für Doktoranden habe er zwar nichts. Auch Graduiertenschulen, die Promovenden zusammenbringen und fakultative Veranstaltungen organisieren, seien sinnvoll. Im Rahmen des Elitewettbewerbs entstünden solche Programme ja auch an den TUs. In den Ingenieurwissenschaften würde aber ein Großteil der Doktoranden bei Firmen forschen. Diese Art der Promotion, „um die Deutschland beneidet wird“, so Hippler, würde unmöglich, wenn die Promovenden einheitliche Programme absolvieren müssten. Einen „Doktor Bolognese“ lehnt auch Eberhard Umbach ab, der Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft: „Doktoranden sind berufstätige Wissenschaftler, keine Studenten.“

Was die europäischen Bildungsminister genau vorhaben und ob sie für die meisten Doktoranden tatsächlich eine einheitliche Ausbildung anvisieren, wie die Proteste von Hippler & Co suggerieren, ist allerdings unklar. Im Vorfeld heißt es nur, dass die Minister „die steigende Zahl strukturierter Promotionsprogramme“ begrüßen und die Unis auffordern, diese institutionell zu verankern. Ob die Minister auch planen, die Leistungen von Doktoranden wie im Bachelor und Master mit ECTS-Punkten zu bewerten, wie Hippler befürchtet, bleibt ungewiss. Sie fordern allgemein, verstärkt Leistungspunkte für das dreistufige System einzuführen, ohne auf die Promotionsphase einzugehen.

Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) warnt sogar davor, „erfolgreiche Promotionsprogramme durch falsche Regulierungen zu beeinträchtigen“. Niemand solle in die Verschulung gezwungen werden. Schavan erklärte, sie wolle „in London dafür sorgen, dass die Wege zur Promotion Sache der einzelnen Universität bleiben“. Einzelpromotionen außerhalb von Graduiertenschulen sollten weiterhin möglich sein, heißt es aus dem BMBF – beispielsweise wenn Berufstätige nebenbei promovieren wollten.

Auch Berlin, das in Sachen Bologna bundesweit zu den Vorreitern gehört, hat seinen Unis bei der Promotion wenig vorgeschrieben. Die Unis sollten „die Betreuung von Promotionsvorhaben insbesondere durch Graduierten- und Promotionskollegs verstärken“, heißt es etwas vage in den Hochschulverträgen. Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) sagte, er wolle auch künftig „keine Vorschriften für Berlin“ erlassen. Die Promotionsphase dürfe zwar „nicht der Beliebigkeit überlassen“ werden, vertrage aber auch kein Korsett. Individuelle Wege zur Promotion müsse es weiterhin geben.

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