Gesundheit : Doktor im Discount

Prestigesüchtige kaufen ihre Titel immer häufiger von osteuropäischen Hochschulen

Juliane von Mittelstaedt

Manchmal klebt ein Preisschild da, wo man gar keines vermutet. Auf Doktorhüten zum Beispiel. Erst kürzlich flog das Berliner „Dienstleistungsunternehmen“ Akademus auf, das seinen Kunden gefälschte Titel renommierter deutscher Hochschulen verkauft hatte (wir berichteten). Doch Akademus ist nur die Spitze des Eisbergs im Handel mit den höchsten akademischen Weihen. Vom preisgünstigen Versandhandel für Prestigesüchtige bis zum maßgeschneiderten „Promotionsverfahren“ – der Titelhandel kennt viele Facetten.

„Doctor of Immortality“

Doch Doktor ist nicht gleich Doktor. So sind der „Doctor of Immortality“ oder der „Doctor of Metaphysics“ für 200 Euro, die von dubiosen „Titel-Aldis“ im Internet angeboten werden, nicht einmal ihr Porto wert. Allenfalls buntes Papier sind auch die Produkte einiger Schweizer Titelmühlen. Unter ihnen gibt es eine, die schon fast ein Klassiker unter den Pseudo-Universitäten ist: Mit professionellem Internetauftritt und Fantasie-Wappen wirbt die virtuelle „Fernuniversität“ für Diplome und Doktortitel: „Die ganze Promotion in einem Jahr.“

Anders bei vielen Universitäten in Osteuropa: Sie existieren wirklich, stecken aber meist in Finanzproblemen. Gegen eine großzügige Aufwandsentschädigung oder Spende stellen einige bereitwillig Promotionsurkunden aus. „Der Graubereich äußerlich zwar sauberer, aber ansonsten sehr zweifelhafter Titel aus Osteuropa ist groß“, sagt Peter Oberschelp von der Zentralstelle für das ausländische Bildungswesen, einer Einrichtung der Kultusministerkonferenz. Besonders osteuropäische Ehrengrade seien in letzter Zeit eine „boomende Branche“, verrät der Titelprüfer, „da vergeht einem schon die Lust, nach der Rechtmäßigkeit zu fragen.“ Vor allem, weil die Prüfung schwierig ist und viele Betroffene klagen, wenn ihnen der Titel aberkannt wird. Viel zu lasch seien die Regelungen, meint Oberschelp deshalb. Bisher werden Titel noch im Einzelverfahren geprüft, aber im Zuge der EU-Osterweiterung sollen spätestens in zwei Jahren generelle Genehmigungen für jene Länder gelten. Oberschelp befürchtet eine „erhebliche Liberalisierung“ . Ein „Riesenproblem“ sieht auch der Münchner Betriebswirtschaftler und Titelexperte Manuel Theisen, denn „die Ost-Unis brauchen Geld und verkaufen dafür fast alles.“

Doch bisher muss, wer seinen im Ausland erworbenen Titel in Deutschland offiziell tragen möchte, noch an Peter Oberschelp und seinen Kollegen vorbei. Und die sind – trotz aller Schwierigkeiten – kritisch. Nur wer seinen Titel in Deutschland erwirbt, der kommt um diese Prüfung herum. Damit werben solche Händler, die mit Titeln deutscher Universitäten hausieren gehen. Entweder handelt es sich dabei um gestohlene Urkundenformulare oder die Urkunde wird, wie im Fall Akademus, gleich ganz gefälscht, im „Kartoffeldruckverfahren hergestellt oder aus dem Laserdrucker gezogen“, weiß Theisen. Doch dieser Schwindel fliegt meist auf, denn alle in Deutschland veröffentlichten Doktorarbeiten werden zentral bibliographiert. Wer dann kein Exemplar seiner Dissertation oder nur ein billiges Plagiat vorweisen kann, für den gibt es ein böses Erwachen.

Schweiß und Zeit

Noch immer gilt: Der Weg zu höheren akademischen Weihen führt über eine Promotion an einer international anerkannten Hochschule, am besten in Deutschland. Und da kosten die prestigeträchtigen zwei Buchstaben vor dem Namen, die mehr Einkommen und mehr Ansehen versprechen, nicht nur 200 Euro, sondern jede Menge Schweiß und Zeit.

Das muss nicht so sein, verspricht Frank Grätz, im Nebenberuf Doktortitelträger, im Hauptberuf „Promotionsberater“. Er leitet das nach eigenem Bekunden „marktführende Institut für Wissenschaftsberatung“, das externe Promotionswillige unterstützt. Ein All-Inclusive-Dienst für angehende Titelträger unter Zeitdruck. „Das Leben ist zu kurz, um drei bis sechs Jahre mit einer Promotion zu verbringen.“ Doktor Grätz hilft, wo er kann: bei der Auswahl des „optimalen Themas“, das den „Arbeitsaufwand stark reduziert“, und eines Doktorvaters, „der sich bereits in der Vergangenheit als erfolgreicher und fairer Betreuer und Gutachter bewiesen hat.“ Außerdem werden über 900 deutsche Promotionsordnungen auf den „günstigsten Weg zur Promotion“ untersucht. Zum Service gehört auch Hilfe beim lästigen Kleinkram: Entwürfe werden „wissenschaftlich diskutiert“, Literatur beschafft, empirische Untersuchungen durchgeführt, „Schreibarbeiten“ angefertigt. So viel Hilfe gibt es nicht zum Studententarif: 15 000 Euro muss der Promotionswillige laut Kostenvoranschlag bezahlen. Alles ganz legal, wie die „Promotionsberater“ versichern.

Je nachdem, an welche Adresse man gerät, erhält der Interessierte zuweilen interessante Zusatzangebote. Nach zwei bis drei vertraulichen Treffen mit dem Kunden kommen die Berater zur Sache: dem inoffiziellen Ausmaß ihrer „Serviceangebote“, nämlich der Erstellung der kompletten Dissertation. Diese Dienste kosten bis zu 50 000 Euro. Je höher das Ansehen der Universität, desto teurer wird es. Ein Kavaliersdelikt ist diese Art des „Titelkaufs“ nicht: Der Käufer hat schließlich eidesstattlich versichert, die Arbeit ohne fremde Hilfe geschrieben zu haben – kommt der Betrug heraus, dann droht Blamage und Aberkennung des Titel. Geschehen ist dies allerdings bisher noch nie. Dabei schätzt Theisen, dass ein Prozent aller jährlichen 3000 Doktorarbeiten mit unlauteren Mitteln zustande gekommen ist, insgesamt wohl mittlerweile einige hundert. Darunter auch ein paar promovierte Bademeister.

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