Gesundheit : Dokumentation des Grauens

Der Auschwitz-Prozess: Tonbandmitschnitte und Protokolle als digitale Edition

Hans von Seggern

Einen Wendepunkt in der Verdrängungsgeschichte der Nachkriegszeit markiert das als großer Auschwitz-Prozess bekannte Verfahren gegen 22 von etwa 8000 SS-Leuten, die in Auschwitz zum Lagerpersonal gehörten. Beim größten Schwurgerichtsverfahren der Bundesrepublik Deutschland wird ab Dezember 1963 in 183 Verhandlungstagen in Frankfurt unter den Augen der Öffentlichkeit noch einmal die Mikrophysik des NS-Terrorapparats entfaltet. Im Lauf des über knapp zwei Jahren sich hinziehenden Verfahrens entstehen etwa 20000 Blatt Prozessakten sowie 430 Stunden Tonbandmitschnitte „zur Stützung des Gedächtnisses des Gerichts“. Und: Die Berichterstattung in Presse, Funk und Fernsehen macht einem Großteil der Bevölkerung das Ausmaß der begangenen Verbrechen erstmals bewusst.

60 Jahre nach Auschwitz und 40 Jahre nach dem Frankfurter Prozess sind nun die kompletten Prozessakten samt 100 Stunden ausgewählten Tonmaterials als Band 101 der Digitalen Bibliothek auf DVD zugänglich, herausgegeben vom Frankfurter Fritz- Bauer-Institut und dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Bedrückende Aussagen der 357 Zeugen – darunter 211 Auschwitz-Überlebende –, bohrende Fragen der Richter, Plädoyers der Vertreter der Anklage und der Verteidiger sind zu lesen und zu hören. Die Zielgruppe der Edition: Historiker, Lehrer, Studierende und Juristen.

In der Dokumentation der Auschwitz-Prozesse zeigt sich auch die Problematik einer überforderten Justiz. So bemühte man sich penibel um die Einhaltung der Strafprozessordnung von 1871. Doch was empfindet ein Mensch, der nur knapp der Gaskammer entgangen ist und nun seinem einstigen Peiniger gegenüber steht, bei der richterlichen Frage: „Sind Sie verwandt oder verschwägert mit dem Angeklagten?“ Wie fühlt sich ein Überlebender, der aussagt, Bekannte seien im Lager vergast worden, angesichts der Frage: „Haben Sie das gesehen?“ Die Verteidigung der Angeklagten baut zudem auf die Demontierung der Zeugen, von denen viele aus dem kommunistischen Osteuropa angereist sind, oder macht aus Mördern Lebensretter. So im Falle des Leiters der so genannten SS-Apotheke: Dr. Victor Capesius verwaltete als „Materialien zur Judenumsiedlung“ Phenol und Zyklon B, war an Selektionen und Leichenfledderei beteiligt. Wegen „gemeinschaftlicher Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord“ in mindestens 8 000 Fällen wird der Inhaber einer Apotheke und eines Kosmetiksalons im schwäbischen Göppingen zu nur neun Jahren Haft verurteilt. Der „Sanitäter“ Josef Klehr, der Weihnachten 1942 hunderte Häftlinge mit Phenolinjektionen tötet, erhält als einer von wenigen lebenslänglich.

Bei aller Problematik des Verfahrens muss es aber als historische Ausnahme gelten, dass staatlich verordnete Verbrechen vor Gericht gesühnt werden. Das Material der jetzt erschienenen DVD ist vorzüglich ediert und mit einleitenden Essays kommentiert von den Mitarbeitern des Fritz-Bauer-Instituts. Es dokumentiert für die wissenschaftliche und pädagogische Arbeit den umfassendsten bundesdeutschen Versuch, mit Mitteln des Strafrechts den Verbrechen des vorangegangenen Terror-Staats zu begegnen.

Der Auschwitz-Prozess. Tonbandmitschnitte, Protokolle, Dokumente. Hg. vom Fritz-Bauer-Institut und dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Digitale Bibliothek, Bd. 101, DVD-ROM, 45 Euro.

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