Gesundheit : Doping fürs Ich

Medikamente können das Gedächtnis und das Selbstbewusstsein stärken – Forscher warnen vor den Folgen

Bas Kast

Das Rezept ist geheim. Es steht in keinem Kochbuch. Es wird von Druidenmund zu Druidenohr weitergereicht. Hummer soll drin sein, Misteln, die mit einer goldenen Sichel geschnitten sein müssen, Steinöl, Roterübensaft und fürs Aroma: Erdbeeren. Viel mehr ist nicht bekannt. Nur die Wirkung kennt jeder: Der Zaubertrank verleiht dem, der davon nippt, übermenschliche Kräfte. Die Rede ist von Miraculix’ Zaubertrank, dem wundersamen Powerdrink, der Asterix und Obelix und ihre gallischen Gefährten in die unbeugsamsten Widerstandskämpfer Cäsars verwandelt.

Seit jeher ist der Mensch auf der Suche nach Stoffen, die Lust und Leistung steigern. Auch die Druiden der modernen Medizin sind in Miraculix’ Fußstapfen getreten. Doch während der Held aus Asterix & Obelix es mit seinem Zaubertrank lediglich darauf abgesehen hat, dem Körper neue Kräfte zu geben, gehen seine Nachfolger im 21. Jahrhundert einen Schritt weiter: Sie entwickeln Zauberstoffe, die dem Geist Flügel verleihen. Mit ihren Medikamenten sollen nicht die Muskeln, sondern die Merkfähigkeit soll gestärkt werden – um nur ein Beispiel zu nennen.

Die Stimmung steigt

Medikamente für den Geist – ist das etwas Neues? Nein. Alzheimer-Forscher suchen seit Jahrzehnten nach Substanzen, die dem Gedächtnisschwund Einhalt bieten. Methylphenidat („Ritalin“) soll die Konzentration hyperaktiver Kinder auf Trab bringen.

Neu aber ist, dass sich eine Gruppe von Pharmakologen nicht mehr damit begnügt, Krankheiten wie Demenz oder Depressionen zu bekämpfen. Ihre Stoffe sollen dem gesunden Geist helfen, über sich hinauszuwachsen. Es geht nicht mehr nur darum, einen Mangelzustand zu beheben – sondern den Normalzustand anzuheben. „Die Normalität selbst wird zu einem Fall für die Medizin“, bringt es der Neurobiologe Steven Rose von der Open University im britischen Milton Keynes auf den Punkt. „Smart Drugs“, Lifestyle-Medikamente, sind auf dem Vormarsch.

Beispiel Gedächtnis. Noch gibt es keine Mittel, die die Merkfähigkeit entscheidend verbessern. Daran wird aber seit geraumer Zeit gearbeitet.

Und es zeichnen sich erste Erfolge ab. So konnte der Psychologe Jerome Yesavage von der Stanford-Universität in Kalifornien kürzlich nachweisen, dass sich auch das Gedächtnis normaler Menschen mit Hilfe von Medikamenten steigern lässt.

Der Wissenschaftler ließ 18 Airline-Piloten (Durchschnittsalter: 52) in einem Flugsimulator ein komplexes Trainingsprogramm durchlaufen. Nach sieben „Flügen“ bekam die Hälfte der Piloten einen Monat lang das Mittel Aricept verabreicht, das aus der Alzheimer-Forschung stammt. Das Resultat: Bei einer anschließenden Simulator-Prüfung schnitt die Gruppe, die das Medikament bekommen hatte, besser ab als die Vergleichsgruppe, die man mit einem Scheinmedikament abgespeist hatte.

Das Medikament Aricept (Wirkstoff: Donepezil) wirkt, indem es in den Botenstoff- Haushalt des Gehirns eingreift. Mit den Botenstoffen tauschen die Nervenzellen des Hirns, die Neuronen, ihre Informationen aus. Bei vielen Krankheiten ist diese Informationsverarbeitung gestört, auch bei Alzheimer. Die Hirnzellen, die den Botenstoff Acetylcholin benutzen, gehen Stück für Stück zu Grunde. Aricept bringt das Acetylcholin – und damit das Gedächtnis – wieder auf Trab.

Doch offenbar kurbelt das Mittel auch das Gedächtnis gesunder Menschen an. „Das heißt aber nicht, dass wir Donepezil für Gesunde empfehlen“, warnt Yesavage. Ein Grund: Das Mittel führt zu unangenehmen Nebenwirkungen, die von Durchfall bis hin zu Erbrechen reichen.

Dennoch sieht der Pharmaforscher ein Zeitalter auf uns zukommen, in dem wir die Möglichkeit haben, unsere Gedächtnisleistung medikamentös zu steigern – eine Vision, die dem Stanford-Wissenschaftler auch Sorgen bereitet: „Wird es die Kluft zwischen denen, die alles haben, und denen, die nichts haben, vergrößern, wenn die Reichen ihre geistigen Fähigkeiten nicht nur mit einer besseren Ausbildung, sondern auch mit Hilfe von Medikamenten und anderen Techniken steigern können?“

Beispiel Stimmung. Nicht nur unser Gedächtnis soll medikamentöse Unterstützung erfahren, sondern auch unser Gemüt. Der pharmakologische Kandidat mit den derzeit besten Karten dafür ist der so genannte Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, wozu beispielsweise das Modemedikament Prozac gehört. Depressionen gehen oft mit einem Mangel des Botenstoffes Serotonin einher. Prozac hilft dem fehlenden Serotonin im Kopf wieder auf die Sprünge und erhellt so die Stimmung.

Mehrere neue Studien zeigen nun, dass Mittel, die ähnlich wie Prozac wirken, auch bei gesunden Menschen eine positive Wirkung entfalten können. Bei einer Untersuchung, veröffentlicht im Fachblatt „Psychopharmacology“, stieg mit dem Antidepressivum nicht nur das Selbstbewusstsein der Probanden, sondern auch deren Kooperationsverhalten.

Beispiel Schlaf. Auch auf die Nachtseite des Lebens haben es die Pharmaforscher abgesehen. In den USA macht derzeit ein Medikament namens Provigil (Wirkstoff: Modafinil) Furore, das jedem Schlafbedürfnis ein abruptes Ende bereitet.

Trucker sollen mit der Wunderpille ohne Unterbrechung quer durchs Land fahren, Studenten sich auch nach 40 Stunden Büffeln noch unermüdlich auf den Stoff fürs Examen konzentrieren können.

Wissenschaftler warnen bereits vor den Folgen. „Natürlich können Sie ein Auto auf 6000 Umdrehungen bringen“, sagt der Schlafforscher Peter Geisler von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Regensburg. „Aber wenn Sie Ihren Wagen immer so fahren, werden Sie nicht lange Freude daran haben.“

Auch bei Provigil kommt es zu Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Übelkeit, Bluthochdruck. Über die langfristigen Gefahren ist zwar noch nichts bekannt. Tierversuche aber geben Hinweise darauf, dass dauerhafter Schlafentzug fatale Folgen haben kann: „Ratten, die man nicht schlafen lässt, sterben nach zehn Tagen“, sagt Geisler.

Tod nach zehn Tagen

Schichtarbeit erhöht das Risiko auf Magenprobleme und Herzinfarkt. Provigil, das in Deutschland unter dem Handelsnamen Vigil läuft, fällt deshalb hierzulande unter die Liste der Betäubungsmittel. Dem Arzt, der es aus Gefälligkeit verschreibt, drohen die gleichen Strafen wie einem Drogendealer.

Auch im Hirn gibt es vermutlich kein Lunch umsonst. So könnte gerade der Versuch, Gesunde medizinisch zu behandeln, zu ganz neuen Krankheiten führen. „Unser Hirn ist zum Jagen und Sammeln von Nüssen gebaut“, sagt der Neurobiologe Christian Keysers von der Universität Parma. „Und dafür ist es optimal.“

Das Gehirn wurde nicht dazu entwickelt, einen Jumbo-Jet zu fliegen – und insofern sei der Gedanke einer „Verbesserung“ nicht ganz aus der Luft gegriffen. „Aber etwas derart Komplexes wie das Hirn zu optimieren, indem man an einem Botenstoff schraubt, scheint mir ziemlich naiv“, sagt der Experte. „Wer das gesunde Gehirn, das sich im Laufe von Jahrmillionen entwickelt hat, mit einer Wunderpille aus dem Gleichgewicht bringt, muss wahrscheinlich mit Konsequenzen rechnen.“

Miraculix, ein Name, der sich vom Wort „Mirakel“ ableitet („Wunderwerk“), heißt im französischen Original Panoramix, von „Panorama“: Der alte Druide hat den Rundblick, hat Weitsicht. Vielleicht ist das eine Eigenschaft, an der sich die Druiden der Moderne ein Vorbild nehmen sollten.

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