Gesundheit : Doppelexistenz: Urteil im Streit um SS-Mann Schwerte

Hermann Horstkotte

Der Geheimnisbrecher sei selber ein ausgemachter Schuft. Das war offenkundig die Pointe einer Erklärung, mit der der Senat als höchstes Gremium der Technischen Hochschule Aachen vor vier Jahren auf die Entlarvung des ehemaligen Rektors Hans Schwerte (1970-1973) als SS-Mann Hans-Ernst Schneider reagierte.

Viele - nicht namentlich genannte - Hochschulangehörige hätten etwa seit 1970 von der Doppelexistenz gewusst - am längsten aber Professor Hugo Dyserinck, der 1994/95 mit Unterlagen aus dem Berliner Document Center einen archivalischen Indizienbeweis führte. Anscheinend, so der Senat, habe der Gelehrte die wahre Identität schon seit 1958 gekannt, aber pflichtwidrig verschwiegen. Diese Behauptung muss die Hochschule jetzt nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts Aachen widerrufen (Aktenzeichen 1 K 842/97).

Nazi-Aufklärer Dyserinck sieht sich damit von einer Rufmordkampagne im Kreis und Umkreis der Technischen Hochschule rehabilitiert, in der sogar Ungeist der Sippenhaft spukte. So musste sich der belgische Gelehrte die Lebensgeschichte seines Vaters vorhalten lassen, der angeblich zu flämischen Sympathisanten des Dritten Reiches zählte. Wer seit wann was wirklich über Schwerte/Schneider wusste, hält die TH Aachen nach wie vor unter Verschluss. Der Gießener Politologie-Professor Claus Leggewie wollte vor zwei Jahren in seinem Buch "Von Schneider zu Schwerte" Licht in die Frage nach den Mitwissern bringen, wurde aber durch "aufschlussreiche Drohungen" zweier Fachkollegen des ehemaligen Rektors, der Germanisten Ludwig Jäger und Theo Buck, zum Verzicht auf ein ganzes Kapitel seines Buches und damit das Phänomen der "Braunschweiger" in Aachen veranlasst.

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