Gesundheit : Dornier am Bodensee baut den neuen Auswertungs-Service "InfoTerra" auf

Roland Knauer

Die Station ist zur Bodenbeobachtung und für Witterungsprognosen geeignetRoland Knauer

Wieviel Schnee liegt in den Bergen und wird im Laufe des Sommers schmelzen? Diese Frage interessiert die Betreiber norwegischer Wasserkraftwerke brennend, denn der schmelzende Schnee füllt ihre Stauseen und liefert so 99 Prozent des elektrischen Stroms in Norwegen. Liegt wenig Schnee, könnte auch der Strom knapp werden. Gut, wenn man vorher weiß, was auf einen zukommt.

Noch dringender als Norwegen aber sind Länder wie Chile auf Schneefälle angewiesen. Der Schnee der Anden versorgt im Südsommer die gesamte Mitte des Landes einschließlich einer üppigen Landwirtschaft und der Millionenstadt Santiago de Chile mit dem lebensnotwendigen Nass. Fällt im Winter wenig Schnee, wüßten die Behörden gerne, wieviel Wasser sie für den Sommer erwarten können, um rechtzeitig Sparmaßnahmen anordnen zu können.

Leicht sind solche Informationen aber nicht zu bekommen, zumindest vom Boden aus. Aus dem Weltraum dagegen erhält man über Satellitenkameras erheblich rascher einen Überblick. Mit einfachen Bildern ist es freilich nicht getan, die erhaltenen Daten müssen auch ausgewertet, bearbeitet und interpretiert werden. Genau diesen Service soll InfoTerra bieten, erklärt Jörg Herrmann von Dornier Satellitensysteme am Bodensee. Denn erst wenn die Daten sorgfältig bearbeitet werden, kann man auf die Schneehöhe an einen bestimmten Ort schließen. Und erst in Kombination mit entsprechenden Witterungsprognosen kann man schätzen, wieviel des vorhandenen Schnees im Sommer tatsächlich abschmelzen wird.

Dornier Satellitensysteme hat sich in den vergangenen 20 Jahren dafür ein entsprechendes Ingenieurswissen zugelegt. Gleichzeitig spart die öffentliche Hand und bestellt weniger Satelliten für die Forschung, die bisher die Auftragsbücher der High-Tech-Schmiede am Bodensee füllten. Zwar stopfen zunehmend private Interessenten das entstehende Loch, trotzdem aber fürchten zumindest einige der rund 1500 Mitarbeiter von Dornier Satellitensysteme um ihren Arbeitsplatz. Da kommt InfoTerra gerade recht.

Auch für Schiffe nützlich

Natürlich wird sich das Projekt keineswegs auf Schneebedeckungen beschränken. "Wir möchten Information im gesamten Bereich der Geografie und auch der Geologie zur Verfügung stellen", erläutert Jörg Herrmann das Konzept. Manche Verfahren funktionieren heute schon. So beobachten die Skandinavier bereits seit geraumer Zeit die Eisbedeckung der Ostsee und des Nordmeeres via Satellit. Tagesaktuelle Karten helfen, die Schiffe so am Eis vorbei zu dirigieren, dass sie so schnell wie möglich, aber auch sicher ihr Ziel erreichen. Gerade bei solchen Systemen wie der Eisbedeckung, in denen sich die Situation laufend ändert, können Satelliten ihre Trümpfe ausspielen, die jeden Fleck der Erde im Laufe eines Monats ein oder besser mehrere Male im Visier haben.

Zumindest solange nicht Wolken oder das Dunkel der Nacht die Sicht versperren. Deshalb setzt Dornier Satellitensysteme zunächst vor allem auf Radarsatelliten, die auch ohne Licht zuverlässige Daten liefern. Zu Anfang des Jahres 2004 will InfoTerra den eigenen Satelliten TerraSAR im Orbit haben, dessen Radarstrahlen jede Region des Globus im Dreitages-Rhythmus unter die Lupe nehmen. Bis dahin stützen sich die Ingenieure auf andere Satelliten und Radarbeobachtungen von speziellen Flugzeugen.

Die derzeitige Liste der Anwendungen ist weit gespannt. So engagiert sich ein skandinavischer Holzkonzern in der Wiederaufforstung in Entwicklungsländern, InfoTerra soll Daten zum Fortschreiten der Arbeiten liefern. Große Versicherungsunternehmen bezahlen die Satellitenbild-Auswertung von Dornier Satellitensysteme, um in Tunesien verschmutzte Strände zu sanieren. Kommen die Touristen zurück, werden so langfristig Werte geschaffen, die irgendwann versichert werden, hoffen die Versicherer auf ein langfristiges Geschäft.

Schneller rechnen dürfte sich der Einsatz von InfoTerra für die Erstellung von Karten. Bisher schicken die Produzenten von Straßenkarten einmal im Vierteljahr ein Heer von Rentnern über die Straßen, die ausbaldowern, wo neue Straßen gebaut wurden und alte verschwunden sind. Vom Satelliten aus sollten sich solche Informationen schneller und billiger gewinnen lassen. Obendrein liegt das bearbeitete Material gleich in digitaler Form vor und kann so rasch in die Rechner eingelesen werden, die zunehmend als Navigationssysteme in Autos eingebaut werden.

Bei Bauern rechnet Jörg Herrmann ebenfalls mit einem starken Interesse an InfoTerra. Ermitteln die Satellitenbildauswerter bei Dornier doch Feuchtigkeit und Stickstoffgehalt im Boden, wenn auch nicht über Radar-Satelliten. Mit dieser Information und dem Satelliten-Orientierungs-System GPS kann der Bauer gezielt nach Bedarf düngen und spart so nicht nur zehn Prozent der bisher benötigten Agrochemikalien, sondern hat auch zehn Prozent höhere Erträge.

Und diese wiederum vermag InfoTerra ebenfalls vorauszusagen. In rot kennzeichnen die Ingenieure vom Bodensee dann die Äcker, die weniger als 8,2 Tonnen Weizen pro Hektar liefern werden, gelb sind die Felder mit mehr als 8,8 Tonnen und rosa die dazwischen liegenden Schläge. Allerdings ist das System nur sinnvoll, wenn die Äcker relativ groß sind. Daher testen die Ingenieure das Verfahren zunächst einmal in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Vor allem die USA und Kanada, vielleicht auch Brasilien und Argentinien zählen zu den potenziellen Kunden. So interessieren sich auch Nahrungsmittel-Hersteller wie die Verarbeiter von Kartoffeln oder die großen Zuckerfabrikanten für solche Ertragsprognosen.

Und zur Kontrolle der Bauern

Ähnlich interessiert sind Waldbesitzer und holzverarbeitende Industrie, denn nicht nur in unzugänglichen Regionen lässt sich über Satellitenbild-Auswertung der schnellste Überblick über den Zustand des Waldes gewinnen. Welche Bäume wachsen wo, und wird ein Wald so bewirtschaftet, dass er das begehrte Öko-Label erhalten kann und sich daher sein Holz einfacher vermarkten lässt - auch diese Fragen möchte InfoTerra mit Hilfe von Radarsatelliten beantworten. Zudem ermöglicht der Blick von oben auch die Kontrolle, ob die Kahlschläge nicht größer ausfallen, als die Behörden erlauben, und ob der Bauer auf seinem Feld wirklich die Frucht anbaut, für die er Subventionen beantragt hat.

Auch Versicherer und Rückversicherer wollen InfoTerra nutzen, um bestimmte Risiken abzuschätzen. So lassen sich gerade in ärmeren Ländern Erdrutsche prognostizieren, wenn man weiß, welcher Boden an einem Hang liegt, wie stark die Hangneigung ist, wieviel Wasser im Boden ist, und wenn die Wettervorhersage verrät, wieviel Regen dazukommen wird, sowie die Satellitendaten zeigen, wie schnell dieses Wasser versickern wird. Mit Hilfe solcher Prognosen kann rechtzeitig evakuiert werden. Aber auch wenn die Katastrophe bereits eingetreten ist, kann der Satellit rasch feststellen, welche Gebiete überschwemmt sind und welche Schäden zu erwarten sind. Natürlich lässt sich bei einem Hochwasser wie an der Oder im Sommer 1997 auch von oben aus messen, wie stark ein Deich bereits durchnässt ist. Das hilft den Behörden, die Kräfte an wichtigen Stellen zu konzentrieren.

Auch den Geologen liefern die Satelliten wertvolle Informationen, wenn sie zum Beispiel registrieren, wo am Meeresgrund Öl aufsteigt. Dort sollte man nach Ölquellen suchen. Viel leichter lässt sich zudem der Erdboden überblicken, so eben auch Veränderungen in der Dynamik von Gletschern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben