Gesundheit : Dozentin nimmt ihre Studenten gegen Anschuldigungen in Schutz - Lehrpersonal und Uni-Betrieb demotivierend

Lea Stein

Sie sind nervig, faul, unmotiviert und denken nur an sich: So beschrieb in unserer Donnerstags-Ausgabe die Uni-Dozentin Regina König ihre Studierenden. Bisher hat noch kein Student oder keine Studentin widersprochen. Aber immerhin stellt sich jetzt eine andere Dozentin vor ihre Hörer.



Meine Studenten sind völlig anders, als die von Frau König beschriebenen: Keiner von ihnen verlangt, dass ich nur für ihn da bin. Niemand vermutet, dass ich es sei, die Referate "braucht". Meine Studenten "stören" in Seminaren nicht und verbrüdern sich auch nicht in kollektivem Schweigen. Sie reden gern und meist auch vorbereitet. Ab und an streiten sie mit mir, wozu sie diese oder jene Theorie brauchen. Manchmal sehen einige allerdings müde oder krank aus, oder sogar lustlos. (Manchmal passiert das auch mir.) Es kommt vor, dass wir die Sitzungszeit überziehen, und zuweilen gehen wir nachher noch ein Bier trinken.

Meine Studenten behaupten, dass sie einem Dozenten dann vertrauen, wenn er zugeben kann, dass er nicht unfehlbar ist. Das beruhigt mich ungemein. Um die Deadline für Seminararbeiten feilschen meine Studenten nicht. Ausnahmslos alle interessieren sich aber für meine inhaltlichen Kommentare. Gegen Ende des Semesters schrumpft die Teilnehmerzahl, und das ärgert mich immer noch. Ich habe andere Studenten als Frau König, weil ich sie anders ansehe: Ich sehe Menschen, die ziemlich intensiv, manchmal gar verbissen, nach dem suchen, was "ihres" ist, also hungrig sind: nach dem, was sie wissen wollen, was sie damit anfangen können, was das für sie bedeutet. Und ich sehe Menschen, die ziemlich frustriert sind, weil ihnen an der Uni Freiheit entgegenweht, die sich als Beliebigkeit entpuppt, als Desinteresse an dem, wer sie sind. Gepaart ist diese "Freiheit" mit einer Unzahl von Forderungen und Anforderungen, die nicht zu durchschauen sind.

Die hilfreicheren Auskünfte, die man bekommt, sehen oft so aus: "Belege 20 Semesterwochenstunden, aber höchstens 14!", "Lies Klassiker im Original, aber nur die Sekundärliteratur, sonst verstehst du nichts!", "50 Prozent der Gedanken in deiner Hausarbeit müssen von dir stammen!". Natürlich sollten Studenten schon können, was sie erst lernen wollen - Dozenten sind schließlich keine "Pädagogen", sondern ehrgeizige Wissenschaftler, und wozu gab es das Abitur. Welcher Dozent ahnt schon, dass Gedichtinterpretationen nicht besonders viel für Seminararbeiten gelehrt haben? Dass eine Lesetechnik, mit der man Droste-Hülshoff überstanden hat, nicht für Luhmann taugt? Welcher Dozent wirbt für seine Themen? Allein dass er sie erwählt hat, macht sie bedeutend. Er kann sich kaum vorstellen, dass das Interesse an der nicht-alltäglichen Art, etwas wissenschaftlich zu bedenken, nicht angeboren ist. Wenn Studenten damit nicht klar kommen, wie ihnen die Uni entgegentritt, halten wir sie für unerwachsen.

Aber auch kecke Dozenten scheitern. Nur weil wir uns bereit gefunden haben, längliche Texte aus unseren Hirnen zu wickeln, stellt uns die Uni erbarmungslos vor Seminargruppen, ohne uns zu sagen, was wir dort sollen und wie wir das überleben. Das nennt sie "Freiheit der Lehre und Forschung". So versinken wir in unserer eigenen Denkwelt, stricken Beziehungsnetze und kriechen nur daraus hervor, um Studenten zu unterhalten, vor denen wir uns eigentlich fürchten, weil sie so "anders" sind. Das stiehlt uns Zeit, das macht uns unsicher, und deshalb suchen auch wir den Ausweg in Verweigerung. Wir haben bessere Karten als sie, weil uns Ironie und Häme zur Verfügung stehen. Und wir haben die Amtsautorität und ein Zertifikat über unser geistiges Vermögen. Sie nicht. Wenn sie nicht so funktionieren, wie wir es gerne hätten, können wir abwinken, uns aufregen oder auch mal ein bisschen fies werden.

Ich kann meine besseren Karten aber auch dazu nutzen, um in Studenten erwachsene Menschen zu sehen und ihnen ein Stück entgegen zu kommen. Sie können selbst entscheiden, was gut für sie ist, aber ich biete ihnen an, was ich als gut und spannend erfahren habe. Das heißt unter anderem: dass ich Referate nicht mag, weil sie meist nicht nur den Referenten quälen, sondern auch das Publikum. Dass ich im Falle allgemeinen Schweigens keine Solo-Performanz aufführe, sondern ihnen und mir einen frohen Nachmittag wünsche, weil alles andere sinnlos wäre. Dass es mir egal ist, wann sie ihre Hausarbeiten abgeben, denn sie müssen sie wochenlang schreiben, ich lese sie ja nur - und wann, das macht wirklich keinen Unterschied. Ich provoziere nur solche Diskussionen, an denen ich selber gern teilnehmen würde, wäre ich Studentin. Ich weiß nicht alles sofort besser, sondern warte, dass sie sich die Bälle gegenseitig zuspielen. Ich lerne etwas aus meinen Seminaren. Weil es mir nicht egal ist, was dabei rauskommt. Vielleicht sind meine Studenten deshalb anders als die von Frau König, weil ich keine "übersättigten Kleinkinder" sehe. Es ist eine ungeheure Macht, über die ich da vorn verfüge. Das erschreckt mich auch. Wenn ich es darauf anlege, kann ich einer ganzen Seminargruppe locker die Laune verderben. Dass ich das nicht will, liegt nicht daran, dass ich ein verantwortungsbewusster Gutmensch wäre, sondern weil es mir anders besser gefällt. Es widerstrebt mir, irgendetwas zu tun, das mir keinen Genuss bereitet.

PS: Da unsere faulen Studenten eh nicht bis hierher gelesen haben, will ich Frau König zu guter Letzt meine Hochachtung aussprechen: Sie ist ziemlich mutig. Dass fast alle Studenten begriffsstutzig und lahm sind, weiß natürlich jeder Dozent. Aber wir flüstern uns das bloß zum gegenseitigen Trost zu. Wir denken und schreiben zwar über alles, aber darüber nicht. Der akademische Diskurs verweigert sich schriftlich fixierten Unkorrektheiten.

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