DR. ADLI analysiert : Gespalten unter der Gürtellinie

Von Mazda Adli .

Mazda Adli

Jüngst endete für mich eine Reise unvorhergesehen auf einem Münchner Polterabend in Tracht und nicht, wie geplant, in Südfrankreich. Denn der Flughafen der bayerischen Landeshauptstadt war ausgefallen. Ich zog still wie ein Deserteur an den Verbliebenen im Münchner Flughafen vorbei, die sich in den dafür aufgestellten Feldbetten und muffigen Decken auf die Nacht vorbereiteten. Überhaupt: Jammern macht alt und hässlich, stellte neulich eine befreundete Schauspielerin fest und machte ihrem gewaltigen Lamento über den bislang verregneten Sommer selbst ein Ende. Wer möchte, dass einst Schulen und Straßen nach ihm benannt werden, sollte sich anders Gehör verschaffen und Trost und Zuversicht spenden, statt patzige Wetterkommentare abzugeben.

Da hat es der bis vor kurzem noch promovierte FDP-Europaabgeordnete und nationale Befindlichkeitsexperte Jorgos Chatzimarkakis noch pragmatisch gemeint: Er mahnte dieser Tage, das Deutschlandwetter mache das Volk depressiv, es müsse eine Last-Minute-Urlaubsprämie her, um die psychische Gesundheit der Nation vor dem klimatischen Niedergang zu schützen und gleichzeitig die Konjunktur in den Mittelmeerländern anzutreiben. Dann geht’s für alle Bürger in kochendheiße Länder, in denen es große Insekten und unvertraute Vorschriften gibt: In Süditalien wird das Küssen im Auto mit hohen Bußgeldern versehen, in England macht sich strafbar, wer eine Briefmarke mit dem Kopf der Queen nach unten auf eine Postkarte klebt. Eigentlich verwunderlich, da England seit 60 Jahren von einer sehr flexiblen Königin regiert wird: Ihre Untertanen dürfen ihren Geburtstag einfach im schönen Juni feiern, anstatt im April durch die Pfützen ihres aufgeweichten Königreichs zu waten. Da sieht man ihr gerne das strenge Briefmarkengesetz nach. Und wenn sie mal so richtig sauer ist, so britische Hofreporter, geht die Queen auf die Felder und reißt Laubkraut aus.

Nach skurrilen Vorschriften suchen jetzt auch wir Deutsche: Zurzeit sind unsere Fußgängerzonen im Beschneidungsfieber. 50 Prozent der Deutschen sind dafür, die anderen dagegen. Die Nation ist unter der Gürtellinie gespalten. Die Bundeskanzlerin sieht uns wegen der Beschneidungsdiskussion gar zur „Komikernation“ werden. Ein interessanter Wandel steht uns da bevor. Werden wir bald ein Volk von Witzbolden, Kastrationsangstneurotikern und Wetterheulsusen? Ach, entzückend ist doch die Vorstellung einer Burlesquenation, die sich weinerlich für staatliche Flugtickets anstellt, sobald einmal nicht Waldbrandstufe 5 ausgerufen wurde.

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