DR. ADLI analysiert : Partys und Protesttorten

Von Mazda Adli .

Mazda Adli

Hat die einstige Preußenmetropole Berlin ihren Anhedonismus ein für allemal abgeschüttelt und sich die Freuden des Lebens auf ihre Flaggen geschrieben? Anhedonismus beschreibt in der Psychopathologie die Unfähigkeit, Freude zu empfinden, auch wenn theoretisch dazu Anlass besteht. Berlin feiert heute so, wie das glückliche Österreich einst geheiratet hat – Konflikte und Kriege sollen besser andere ausbaden. In den Kalendern der Tourismusstrategen und Festivalplaner unserer Stadt geht es zu wie in der japanischen Vorortbahn morgens um acht: Es ist atemberaubend eng. Derzeit sorgt die Berlinale dafür, dass Sekt und Selters fließen. Dabei haben wir noch nicht mal die Champagnerkelche ausgetrunken, die wir auf Gerhard Richter und Friedrich II. erhoben haben.

Am anderen Rande des Landes, der Brutstätte des clownesken Hedonismus und der verzeihbaren Sünden, braut sich hingegen gerade wieder etwas anderes zusammen: Der Karneval setzt ab Ende dieser Woche die gesamte Rheinschiene für mehrere Tage in einen entrückten Ausnahmezustand und drückt tagelang die regionale Produktivität in die Knie. Anarchische Heiterkeit und ungeplante zwischenmenschliche Zügellosigkeit beherrschen dann die Sinne. Der Berliner Reisende mag sich wundern, wenn Barbapapa von einem Zebra begleitet in der Kölner U-Bahn die Fahrkarten kontrolliert oder eine gesamte Krankenhausstation als Schlumpffamilie verkleidet zur Chefarztvisite erscheint. Das Motto lautet: Gemeinsam Spaß haben zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch, kurz und explosiv.

Doch allein darum geht es nicht. Zwischen Kölsch, Kamelle und Clowns wird auf den Karnevalszügen auch politischer Protest ausgedrückt. Unlängst bemerkte eine Kölner Gewährsfrau aus aktuellem Anlass: „Leever Kamelle im Büggel als de Kooche am Kopp!“, lieber die Kamelle im Beutel als die Torte am Kopf, nachdem sie von dem Tortenattentat auf Ex-Minister zu Guttenberg in einem Friedrichshainer Café erfuhr. Solche Tortenwürfe sind eigentlich Clowns im Zirkus oder im Karnevalskontext vorbehalten. Schwarzwälderkirsch landet frontal im Gesicht des Politikers: Ist da eine karnevalistische Protestform aus dem anarchistischen Land der Narren und Jungfrauen in die glamouröse Festspielhauptstadt herübergeschwappt? Nächstes Mal bitte Käsesahne, erwiderte daraufhin zu Guttenberg. Ich füge hinzu: Alaaf!

Erstaunlich liest sich übrigens die Liste der Opfer politisch motivierter Tortenwürfe, die man in den pedantisch aufgestellten Wissensarchiven des Internets findet. Nicolas Sarkozy, seine einstige Gegenspielerin Ségolène Royal, Bill Gates, Ex-FU Präsident Peter Gaehtgens nach seinem Amtsantritt in Tübingen oder EU-Kommissar Günter Oettinger während seiner Zeit als baden-württembergischer Ministerpräsident – sie alle haben sich politische Protesttorten aus dem Gesicht wischen müssen. Vielleicht könnte mal ein Regisseur einen Film über Tortenattentate und Hedonismus drehen. Es wäre ein gutes Thema für das politische Berlin. Warum übrigens Helmut Kohl und Christian Wulff nur mit den Rohzutaten (hier: Eier) beworfen wurden, bleibt der Analyse von Historikern überlassen.

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